BGD - Bund für Gesamtdeutschland

BGD — Unsere Deutsche Heimat

Nr.81 (2. Quartal 2007)

Auszug


1945 in Mitteldeutschland

Über die wirkliche Lage in Deutschland unterrichteten damals weder Zeitungen noch die Rundfunkmeldungen des Führerhauptquartiers wahrheitsgemäß, so daß Gerüchte wucherten. Zeitungen waren seit dem 12. April nicht mehr erschienen. Am 25. April wurde zum ersten Mal die von der amerikanischen Armee hergestellte „Frankfurter Presse“ verteilt, deren Mitteilungen begierig, allerdings auch mit Mißtrauen aufgenommen wurden.

Geradezu gespenstisch wirkten die letzten vollmundigen Reden von Goebbels über den Endsieg in den schon längst besetzten Teilen Deutschlands. Seit Anfang Mai gab es in wöchentlichem Abstand die „Hessische Post“, in der die ersten schrecklichen Nachrichten über die Zustände in den KZs von Buchenwald, Dachau und Ohrdruf zu lesen waren.

Die Nachrichten von der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht durch Admiral Dönitz erhielt man am 5. Mai. Dagegen fand die formelle Unterzeichnung der Urkunde vor den Alliierten am 8./9. Mai kaum Beachtung. Immer drängender wurde im Laufe der Woche die Ungewißheit, welche Bedingungen die Sieger Deutschlands stellen würde; es gab dazu keine verläßlichen Meldungen.

So machten sich zum Beispiel die schlesischen Flüchtlinge nicht nur Hoffnung auf ihre baldige Rückkehr in die Heimat, manche (auch meine Familie) versuchten sogar schon im Juni ihre Rückkehr in die Heimat anzutreten. Aber die Brücken von Oder und Neiße waren für heimkehrende Flüchtlinge gesperrt, und östlich von Oder und Neiße begann die Austreibung der deutschen Bevölkerung. Dabei gingen polnische Miliz und Militär mit nackter Gewalt gegen Frauen, Kinder und alte Menschen vor. In Bautzen, Görlitz usw. wurden die Menschen hin- und hergetrieben — ohne Nahrung und ohne Bleibe. Sie nächtigten an Brücken, Kinos, Bahnhöfen, Fabriken und Kirchen. Der Ansturm der Menschen aus westlicher und östlicher Richtung war so ungeheuerlich, daß ein Bleiben von zwei bis drei Tagen reinen Selbstmord bedeutete.

Wer jetzt noch Gepäck hatte, wurde es durch aus westlicher Richtung einströmende Ostarbeiter los. Und die Menschen hofften vergebens auf Öffnung der Übergänge und Heimkehr. Die Not dieser armen Menschen steigerte sich ins Unerträgliche, und so machten sie sich auf den Weg ins Ungewisse.

Daß die amerikanische Besatzung aus dem Thüringer Gebiet abziehen und an ihre Stelle die Rote Armee einrücken würde, konnte man seit Mitte Juni in Naumburg an der Saale wissen. Der Wechsel ging ohne Aufregung am 1. Juli mit dem Abmarsch der Amerikaner und dem Einzug eines russischen Regiments am 2. Juli 1945 vonstatten. Letzteres verhielt sich so diszipliniert, daß die russischen Truppen zunächst sogar angenehmer als die Amerikaner wirkten.

Das änderte sich im Laufe der späteren Zeit jedoch, als der Zugriff auf die Bevölkerung immer weniger durchschaubar wurde. Viele Verhaftungen, Enteignungen, Entlassungen riefen Unsicherheit und Abwehr hervor; die anfangs gerühmte Disziplin der Soldaten ließ nach oder konnte nicht durchgesetzt werden. Die Zeiten allgemeiner Not und Bedrängnis, die die Nachkriegszeit in wirtschaftlicher, aber auch in geistiger Hinsicht, auf mehrere Jahre beherrschten, standen noch bevor.

Nach einer langen Odyssee unter schwierigsten Bedingungen landete meine Familie schließlich im Siegerland. Heute ist bekannt, daß der russische Geheimdienst das Lager Buchenwald übernahm. Nach Schätzungen kamen zwischen 1945 und 1950 bis zu 13 000 weitere Menschen ums Leben, angeblich politische Häftlinge, viele zu Unrecht denunziert.

Hans-Joachim Reimann,
früher Naumburg a.d.Saale, heute: W.-Rudersdorf Siegen


Flucht vor den Russen

Die Flucht vor den Russen im eiskalten Winter von Zoppot nach Flensburg vom 23. Januar bis 1. Mai 1945
von Ingeborg Leonhardt, und Tochter Gitte.

Am Dienstag, den 23. Januar 1945, stand plötzlich und unerwartet um 7 Uhr morgens ein Auto-Treck (ein Lastwagen und andere Personenwagen) mit 40 Personen aus Elbing vor unserer Haustüre. Es war die erste Station und Ruhepause; sie ergossen sich in die Räume. Der Russe stand vor Elbing! Mein Onkel, Hans Komnick, durfte nicht weg, er stand noch in seiner Automobilfabrik und wartete auf den Sprengungsbefehl; der Befehl kam nie, die Verantwortlichen waren über alle Berge! Der Russe baute die Fabrik ab und im Osten wieder auf!

Gegen Mittag waren alle wieder in den Autos — es sollte weitergehen. Da sagte Frau Wedmeyer, die den BMW fuhr, zu meiner Mutter: „Inge, denke an deine 17 jährige Tochter — komm mit.“ Mein Vater, der im Dienst war, bekam eine Nachricht auf den Nachttisch gelegt; “Sind mit Komnicks mitgefahren!“ Meine Mutter und ich griffen unsere Luftschutzkoffer — Unterwäsche in einen Rucksack — aus meinem Koffer ein paar Kleinigkeiten raus und die Gästebücher rein — von 1921 beginnend, der Hochzeit meiner Eltern — und die Fotoalben meines Bruders rein — diese Dinge sind unersetzbar! In unserem gastfreien Haus war die letzte Eintragung von Besuch der 22. Januar 1945! der Abend zuvor! — Unsere Hausangestellte Hedwig sagte zum Abschied: „Ich habe meinen polnischen Pass wiedergefunden!“

Die nächste Station sollte Bartin in Pommern sein. Im Gasthof wurde übernachtet — es war eiskalt in diesem Winter — unter 20 Grad; meine Mutter und ich wärmten uns gegenseitig im Bett. Am 28. Januar trafen dann auch Hans Komnick und Dr. Wedmeyer ein; Dr. Wedmeyer mußte die Lazarettauflösung abwarten. Es wurde von Elbing in den Westen verlegt; er hatte die Leitung. Seine Frau steuerte den BMW — eine resolute Dame, die sich nicht von den Soldaten aufhalten ließ! In diesem Wagen waren: Die Fahrerin Frau Wedmeyer, meine Tante Dagmar Komnick, Schwester meiner Mutter mit ihren Kindern 10 und 13 Jahre alt und meine Mutter. Ich saß im Führerhaus des Lastwagens. Schon hier in Bartin sollte der Lastwagen beschlagnahmt werden von der Partei, was Dank des energischen Auftretens der zwei Autoschlosser von Komnicks, die den Wagen steuerten, verhindert wurde. Bevor der Lastwagen nach Bartin kam, macht er in Stolp Rast, wo ein paar Leute mit dem Zug weiterfuhren — so auch Lotte Seiler: Am 16. Januar 1945 starb die alte Frau Komnick (Mutter von Hans Komnick, der Vater, Kommerzienrat Franz Komnick, war schon verstorben); die Tochter Lotte Seiler kam 1. Klasse mit dem Schlafwagen von Starnberg nach Elbing zur Beerdigung — tiefer Friede dort. Zurück ging kein Zug mehr von Elbing; im Süden der Stadt stand der Russe! So mußte sie mit dem Flüchtlingstreck gen Norden mitkommen, um von Stolp nach Starnberg zu gelangen!

Der Russe kam immer näher; wir konnten hier nicht länger bleiben. Am 5. Februar nachmittags fuhren wir weiter; nach kurzer Rast in Köslin ging es die Nacht durch in Richtung Stettin. Hier kamen wir in das Kampfgebiet: Die Bilder sehe ich heute noch vor mir. Verwundete lagen auf der Erde, wurden mit Tragen geschleppt, eine hektische Unruhe, ein Getöse und Geknalle — Kriegsschauplatz…. Nur weiter — raus hier aus dem Kampfgebiet — der Kessel war jetzt zu, der Landweg von Ost nach West war abgeschnitten!

Am. 6. Februar kamen wir in Prenzlau an. Der Empfang bei Landrat Kalmus — einem Bekannten von Dr. Wedmeyer, war wenig herzlich — er hatte mit zehn Personen gerechnet, und 40 standen vor der Tür! Familie Wedmeyer, meine Mutter und ich und Frau Kohler mit Tochter „durften“ im Sitzungssaal auf Stroh schlafen, die anderen mußten in das NSV-Massenlager. Prenzlau war eine Durchgangsstation für Flüchtlinge; Landrat Kalmus beschlagnahmte eine Wohnung für uns — leider auch den BMW! Ein anderer Wagen mußte wegen Benzinmangel stehenbleiben. Mit dem Lastwagen durften wir noch bis Mecklenburg fahren, sollten ihn dann aber zurückschicken. Die zwei Fahrer des Wagens sollten dann zur Wehrmacht.

Am Sonntag, den 11.2.45, der Tag, nachdem Elbing von den Russen erobert wurde, fuhren wir von Prenzlau ab. Nachmittags trafen wir in Güstrow ein; hierher war das Elbing-Lazarett ausgelagert worden. Wir wurden nett empfangen, verpflegt und bekamen auch Betten zur Verfügung gestellt. Am 12.2.45 ging es weiter nach Wismar. Wir meldeten uns bei der NSV, wurden reichlich verpflegt. Die Frauen von der Frauenschaft gingen selber nicht auf die Flucht; sie betreuten die Flüchtlingstrecks. Hier wurden wir verteilt, bekamen Quartiere zugewiesen; unser Treck wurde getrennt. Wir kamen auf ein Dorf bei Passee — auf das Rittergut Goldberg, wo wir etwa zehn Wochen bleiben sollten: Komnicks, Frau Kohler mit Tochter, meine Mutter und ich. Die Aufnahme auf dem Gut war sehr schlecht; man kann von einer niederträchtigen Behandlung sprechen! Den „Gesindeeingang“ durften wir benutzen; bei den gefangenen Franzosen konnten wir uns die kleinen Kartoffeln holen. Wir mußten uns an das Gesinde der Familie Rathkens halten, trafen uns heimlich im Dunkeln und kauften ihnen Eier und Schinken ab.

Hier erlebte ich am 9.3.1945 meinen 18. Geburtstag; diesen hatte ich mir anders vorgestellt! — Mit meinem Vater in Zoppot hatten wir korrespondiert; sein letzter Brief war vom 17.3.1945 aus Zoppot. Die Russen standen in Espenkrug, nicht weit von Zoppot, aber er glaubte noch immer an den Endsieg! — Am 23.3.1945 fiel Zoppot in russische Hände.

Es kam Ostern — 1. April 1945. „Wir saßen beim Kaffeetisch als plötzlich Frau Rathkens klopfte und sagte: “Frau Leonhardt, Sie werden am Telefon verlangt — Ihr Mann ist dran!“ Das war eine Freude und Überraschung — nein ein Wunder war das — ein Wunder, an das wir nie gedacht hätten! Wie im Märchen! Frau Rathkens stellte uns eine Kutsche mit Kutscher zur Verfügung, und ich fuhr meinen Vater in Wismar abholen. Wie kam es dazu: Der Batallionsführer Hauptmann Paul von Volkssturm in Zoppot hatte befohlen, nicht zu verteidigen, nicht zu kämpfen; so ist Zoppot von großen Verwüstungen verschont geblieben. Er schickte die Volkssturm-Männer heim. Mein Vater ging von Zoppot nach Danzig zu Fuß, kam auf eine Fähre, diese fuhr nach Hela; dort nahm ihn ein Schiff mit, das zufällig in unserer Nähe, in Wismar, landete! Nun waren wir beisammen — wo aber war nun mein Bruder Jürgen? In Wismar war er stationiert. Als meine Mutter Gelegenheit hatte, nach Wismar mitgenommen zu werden, ging sie zu Jürgens Dienststelle und fragte nach ihm. Die Antwort war: „An der Stelle, an der Sie jetzt stehen, stand gestern Ihr Sohn, verzichtete auf seinen Urlaub, da er kein Zuhause mehr hatte und annahm, seine Eltern seien in Zoppot geblieben.“ Tags zuvor war er mit dem Pferd nach Meseritz von der Offiziersschule gekommen, dort war schon der Russe; jetzt wurde er nach Norwegen versetzt. — Mein Vater wurde zum „Schippen“ einberufen. Wochen vorher sollte ich zum Arbeitsdienst, aber meine Mutter erreichte, daß es nicht dazu kam.

In Wismar lag ein Elbinger Dampfer, der uns nach Flensburg mitgenommen hätte. Wir wollten hier weg, hatten wir doch im Feindsender gehört, daß der Russe Mecklenburg bekommen sollte. Wir baten um einen Kutschwagen nach Wismar. „Nein“, war die Antwort. Zu der Zeit waren viele Tiefflieger unterwegs. Ich sehe heute noch den Kopf eines englischen Piloten mit der Lederkappe, wie sie auf uns zielten. Das Schiff fuhr ohne uns.

Am 29.4. bekamen wir einen Leiterwagen von einem Bauern, der uns nachts nach Neubukow kutschierte und mit Schwierigkeiten einen nach Wismar. Auf der Fahrt nach Wismar lernte mein Vater einen Oberst kennen, der abends 3 LKWs nach Flensburg schickte. Nach langem Warten auf dem verabredeten Platz in Wismar kamen die LKWs. Mit knapper Mühe und Not verstauten wir unser Gepäck und uns selber im Auto. Wir mußten mit gesenkten Köpfen stehen, da die Plane nicht höher war — zu sitzen war kein Platz. Über uns die Tiefflieger — immer die Angst, daß uns einer treffen würde. Brennende Autos links und rechts der Straße. Tagsüber lagen wir im Gebüsch — nachts wurde gefahren.

Am 1. Mai 1945 kamen wir in Flensburg an. Wir gingen zu Frau Sandhofer; die Adresse hatten wir von einem Marineoffizier Gerd Sandhofer, der oft bei uns als Gast war in Zoppot. Sie besorgte Zimmer.

Am 2. Mai hörten wir, daß Hitler tot sei — Großadmiral Dönitz sein Nachfolger — um 5 Uhr Waffenruhe; am 6. Mai waren die Engländer in Flensburg.

Alles in allem bin ich froh und dankbar, trotz aller Unbill, die wir erleben mußten, unbeschadet in der Fremde gelandet zu sein und die Familie war beisammen — ein großes Glück, das nicht alle hatten. Natürlich bleibt der seelische Schaden über die verlorene Heimat…

Gitti = Birgit Esser, geb. Leonhardt, im Januar 2006


UDH Nr. 81

Sprung zur Indexseite Sprung zur Seitenübersicht