BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 83  ¦  Oktober – Dezember 2007


Ostpreußen

Schmuckblatt Ostpreußenlied1780×2283 ¦ 794kB

teure Heimat

Wir nähern uns Weihnachten, dem Fest der Freude, Besinnung und Einkehr

Und dabei kommen mir die Weihnachten zu Hause in den Sinn, besonders die letzte Weihnacht 1944. Noch war es friedlich um uns herum, aber die Stimmung war betrübt, betrübt wegen des Krieges, aber jetzt war der Kanonendonner von der Ostfront zu hören. Noch viel mehr waren wir beunruhigt, als wir von den bestialischen Greueltaten der Rotarmisten erfuhren während ihres kurzen Eindringens im Oktober in Nemmersdorf/Ostpreußen. Wir machten keine Rodelschlittenpartie mehr mit einem davorgespannten Pferd. Die Jungen waren alle Soldat geworden — mein Bruder nach dem RAD noch vor dem 18. Lebensjahr — und die anderen Mädel hatten keine Neigung für Pferde wie ich. Als mein Bruder noch zu Hause war, ritten wir beide in's Gelände. Jetzt war ich mit meiner Pferdeliebhaberei alleine. Bis ich eines Sonntags hinter den Wald in das Nachbardorf Rogallen ritt, fand ich eine Reiterfreundin. Leider ist sie nach der Verschleppung nach Sibirien nicht zurückgekehrt. Ihre Gebeine sind irgendwo verscharrt oder auch nicht. — Die kleinen Fohlen waren meine Lieblingstiere, denen brachte ich das Fußgehen und anderes mehr bei. Obwohl es in der Reitersprache heißt: Vorderhand und Hinterhand. Unsere Pferde waren der Motor des Hofes, sie wurden eingesetzt zu jeder Arbeit, zu Fahrten, die Trakehner auch zum Reiten. Pferde können auch schwimmen. Den Spaß mit ihnen erlaubten wir uns manchmal im Hochsommer. Unser Hof liegt am Groß Ramecksfelder See, getrennt durch die Dorfstraße. Auf ihm übten wir im Winter auch unsere Eiskunstläufe.

Wie immer gab es zu Weihnachten noch die Bratgans mit Bratäpfeln und geschmortem Rotkohl, den Mohnstriezel, gerollt, den Streuselkuchen, den marmorierten Rührkuchen, Pfefferkuchen und Mürbteigkekse mit Kakao, Zimt, Mandeln und Anis. Die polnischen Arbeiter, die bei uns arbeiteten, wurden in unseren Weihnachtsbrauch mit einbezogen. Auf ihre Kleiderkarte kauften meine Eltern die ihnen zustehende Garderobe, ohne Abzug von ihrem Tariflohn. Manches Stück gab's noch extra für eine Ente. Darüber waren sie sehr erfreut. Als sie bei ihrer Ankunft je ein Bett zugewiesen bekamen, staunten sie nicht wenig, kannten sie zu Hause doch ein Schlaflager in der Kleidung auf dem Backofen. Wir hatten Mühe, die Läuse aus ihrer Kleidung herauszubekommen.

Die Weihnachtstage liegen hinter uns. Das Grollen der Geschosse verstummt zwar zeitweise, kommt aber immer wieder auf. Es geht die Parole um, wir werden flüchten müssen. Die deutsche Wehrmacht wird die bestialische Übermacht der Sowjetarmee weder zurückdrängen noch aufhalten können. Angst macht sich breit. Flüchten gen Westen, wo die westlichen Feinde ihr Bombardement gezielt auf Kulturstätten und Wohnviertel gnadenlos weiterführten? — Wir rüsten die Wagen, überlegen, womit wir sie bepacken. Dem Befehl folgend, machen wir uns am 21. Januar 1945 auf den schweren Weg. Wir öffnen die Stallungen von Vieh, Schafen, Schweinen und Geflügel, geben noch reichlich Futter. Herzzerbrechend verlassen wir den Hof, die Hunde laufen mit, Katzen bleiben dort.

Der Schnee liegt ca. 50 cm hoch, stellenweise gibt es noch Verwehungen auf den Landstraßen, dazu noch Frost um die 20 Grad. Die Pferde strengen sich an, geben ihre letzte Kraft. Schweres haben sie geleistet. Die Fahrtroute verstopft, von allen Richtungen drängen flüchtende Wagen ein. Wir kommen nur gute 20 km von Zuhause entfernt, da schneidet uns die Rote Armee von der Lötzener Seitenchaussee ab, rollt mit ihren Panzern über den vor uns ziehenden Treck, zermalmt alles, was unter deren Ketten kommt.

Das geschah in der Kleinstadt Arys, Kreis Johannisburg/Ostpreußen mit dem größten Truppenübungsplatz Deutschlands. Beim ersten Raub nehmen Rotarmisten unsere Pferde, meinem Vater die Uhr aus der Westentasche, ziehen mir meine Reitstiefel von den Füßen. Das weitere Rauben, die Vergewaltigungen, Erschießungen, Verschleppungen folgen. Wir sind vom großen Schock ergriffen, gestern noch wohlbehütet zu Hause und nun von panischer Angst getrieben, rechtlos und vogelfrei.

Uns rissen brutale Gewalten aus Ostpreußens Mutterschoß
auf Straßen verschneiten und kalten wandern wir heimatlos
wir mußten wandern und wandern und fanden keine Ruh
durch den starken Frost erfror Greis und Kleinkind,
nur der viele Schnee deckte sie am Straßenrand zu.

Die Schrecken toben

Wir werden zum Provianthof getrieben, wo Kühe zu melken waren. Noch sind wir zusammen, meine Eltern, ich , eine Tante und unser schon halberfrorener 84-jähriger Großvater, den wir auf einen aufgefundenen Rodelschlitten packten. Hier werden schon junge deutsche Frauen und Mädchen herausgeholt und irgendwo hingeführt. Wir können hier nicht bleiben, ist unser spontaner Gedanke. In dem Chaos und mit Gottes Fügung ergab es sich, daß wir uns einem polnischen Konvoi, der aus deutschen vollbepackten Flüchtlingswagen und Pferden bestand und Richtung Osten zog, anschließen konnten.

Die Sowjets gewährten den Polen freies Geleit. Zu uns stieß eine deutsche Teil-Familie. Abgehängt vom Konvoi, da wir zu Fuß nicht mithalten konnten, wanderten wir jetzt gemeinsam auf Seitenstraßen Richtung Zuhause. Erschöpft landeten wir im Nachbarort Rogallen, wo drei ältere Leute nicht auf die Flucht gegangen waren. Der Ort liegt abseits der Chaussee. Sie hatten noch alles beisammen. Jetzt stirbt unser Großvater an den Folgen der Strapazen. Mit Hilfe zurückkehrender älterer Männer konnten wir unseren Großvater in einer vom Zimmermann gefertigten Kiste auf dem Rogaller Friedhof beerdigen.

Doch die Einsamkeit hält nicht lange an. Bald kommen raubende Polen, wühlen überall und nehmen Brauchbares mit.

Täglich kommen andere Räuber, entreißen uns alles, aber auch alles. Meine Eltern begeben sich vorsichtig zu unserem Hof in Ramecksfelde, finden keines unserer Tiere, nur die zwei Katzen und zwei Tauben liegen tot auf dem Hof. Vor dem Haus steht ein mit Pferden bespannter und mit einigen unserer Kleingeräte beladener Schlitten. Polen treten heraus, die uns drohen, schnellstmöglich von hier zu verschwinden. Jetzt haben sie hier das Sagen!

Nach Rogallen kommen nun auch Rotarmisten, die junge Deutsche, auch einen rüstigen 72-jährigen Mann, mitnehmen.

Das können wir, meine Reiterfreundin und ich, aus einem Versteck auf einem mit Heu vollgepackten Stallboden verfolgen. Für die übrigen Deutschen folgt das Schicksal durch Verrat von zwei deutschen Kommunisten. Wir werden von drei Sowjets, darunter einem Juden in ebenfalls sowjetischer Uniform, von der sich in Lyck/Ostpreußen niedergelassenen NKWD-Kommandantur zu Pferde, wir zu Fuß, die ca. 17 km getrieben, zum Verhör mit Mißhandlungen, Inhaftierung und Verschleppung in die Weiten der Sowjetunion, wovon auch ich betroffen bin.

Jetzt aber höre ich auf, die schweren Jahre weiter zu schildern und denke lieber an unser schönes Ostpreußen, wie es einst war.

Gerda Saborowski-Baltruschat, Ramecksfeld, jetzt 29299 Celle, im November 2007.

Strichzeichnung Königsberger Schloß

UDH Nr. 83

Sprung zur Indexseite Sprung zur Seitenübersicht