BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 86  ¦  Juli – September 2008


Pommerland

„Wenn in stiller Stunde Träume mich umweh'n“…

Es ist wie verhext, ich werde die Gedanken an meine Heimat, Kindheit/Jugend nicht los. Sie beschäftigen mich nahezu pausenlos, obwohl ich, materiell gesehen, keinen Grund zum Klagen habe, fühle ich mich hier nicht wohl. Mein Zuhause ist da, wo ich geboren bin, wo ich die ersten Lebensjahre verbracht habe. Da, wo ich Kummer, Leid, Armut, aber auch glückliche Tage verbracht habe. Der nächste Ort vier km weit weg. Im Westen reiht sich ein Ort an den anderen an. Meist sieht man bis zu vier oder fünf Orte auf einmal. Hier bin und fühle ich mich nach wie vor als ein Fremder. Wenn ich zurückdenke an die Weite der Landschaft, die vielen blühenden Felder um uns und vor allen Dingen die einmalige Freiheit, die nicht nur wir Kinder hatten. Der Gedanke, dass uns etwas passieren könnte, wir entführt, getötet oder sonstwie zu Schaden kommen könnten, ist uns und unseren Eltern völlig fremd gewesen.

Die Umstände ergaben es, dass ich zunächst in Tilsit (Ostpreußen) eingeschult wurde. Ich bin oft mit meinem Opa über die Königin-Luise-Brücke in das Memelland gegangen. Heute klingt es fast wie ein Märchen, wenn ich sage, wir sind durch den tiefen Schnee zur Schule gestapft oder durch die zugefrorenen Straßengräben auf dem Eis zurück nachhause gegangen. Oder wie wir gegenüber dem Haus meiner Oma, im direkt an der nicht ausgebauten Straße gelegenen Wald im Sandkasten gespielt haben. Wobei ich mich noch genau daran erinnere, daß ich einem Spielgefährten wohl meinen Willen zu deutlich aufgezwungen habe. Auf jeden Fall mußte ich den Gang nach „Kanossa“ zu den Eltern des Jungen gehen, um mich in aller Form zu entschuldigen. So waren damals die Sitten.

Im Sommer saßen wir, meine Spielgefährten und ich, zwischen dem Bürgersteig und dem Radfahrweg unter den Bäumen und haben, wenn Radfahrer vorbeifuhren, kurz vorher unsere Stöcke auf den Radfahrweg gehalten so dass sie überfahren wurden. Mir ist es dann passiert, dass ich meinen Stock einmal zu spät und zu hoch auf den vermeintlichen Radfahrweg gehalten habe, was zur Folge hatte, dass der Stock in den Speichen des Vorderrades landete, der Fahrer, zum Teil gebremst, abstieg — den Rest können Sie sich denken.

Wieder zuhause in Pommern angekommen, mußte ich mich erneut in die Schule eingewöhnen. Ein ganz besonderer Reiz war für mich, wenn meine Mutter und ich mit der Bahn nach Leba an die Ostsee gefahren sind. Unvergessen ist für mich auf dem Weg zum Strand (ohne das Wasser zu sehen) das einmalige leise Rauschen des Meeres. Es klingt wie Musik in den Ohren und ist gleichzeitig beruhigend und angenehm für Seele und Geist. Jeder, der den Ostseestrand kennt, wird wissen, dass es dort einen ganz weißen, feinen Sandstrand gibt. Wir Kinder haben uns im Sand gewälzt, so daß der Rest des feinen Sandes beim Ausziehen zuhause auf den Boden rieselte.

In unserer Schule hat unser Lehrer acht Klassen in einem Raum unterrichtet. In meiner Klasse hatte ich das Glück, der einzige Junge unter den Mädchen zu sein. Das hatte den Vorteil, dass ich nur selten und begrenzt meine Schularbeiten zu machten brauchte, weil um mich herum nur Mädchen saßen, die mich, wenn es brenzlich wurde, unterstützten. Das mußte der Lehrer, er hieß Falkenberg, irgendwann gemerkt haben und kam beim Abfragen so dicht an seinen faulen Schüler heran, so dass jede Hilfe von links und rechts, von vorne und hinten nicht möglich war und ich blamiert wurde.

Später wurde auch er eingezogen, und wir bekamen eine Sportlehrerin aus dem Westen, die aber ca. sieben Monate vor Kriegsende abgezogen wurde. Für uns war das eine tolle Sache, denn wir hatten schon morgens nach dem Aufstehen frei. Auf Grund der damaligen Verhältnisse brauchte ich für den Rest des Lebens nicht mehr die Schulbank zu drücken. Auf dem Schulhof haben wir natürlich auch regelmäßig bis zum Ende unseren Dienst abgehalten, denn auch ich war im Jungvolk.

Wenn wir in unseren schicken Uniformen zum Beispiel im Zeltlager beim Hauptstamm- oder Jungstammtreffen zusammenkamen, Geländespiele veranstalteten, oder wenn die Kapelle der Pimpfe Marschmusik oder zum Abend entsprechend spielte, war es für uns Jungen ein ganz besonderes und schönes Ereignis, dazuzugehören, das man nicht vergisst. Diese und ähnliche Treffen fanden in einer sehr schönen, reizvollen Umgebung statt. Kein Ort in der Nähe, keine Straße, kein Auto, kein Flugzeuglärm, um uns herum Weite und schöne Landschaften. Wir fühlten uns wie ganz alleine auf der Welt. Wie schön! Wir sangen damals u.a. „Wir tragen das Vaterland in unseren Herzen“. Gibt es was Schöneres? Wir haben gelernt, dass ein Jungvolkjunge (später Hitlerjunge) nicht lügt, immer ehrlich ist, Achtung vor den Menschen, Ehrfurcht vor dem Alter hat, immer hilfsbereit ohne Gegenleistung zu erwarten und das eigene Volk niemals verrät. Gelernt haben wir auch: Einer für Alle, und Alle für Einen. Diese und viele andere guten Eigenschaften prägten uns für das ganze Leben, und ich bin stolz darauf, dass ich wenigstens die wichtigsten Ehrbegriffe mitbekommen habe.

In der restlichen Freizeit streiften wir durch die Wälder und Felder, natürlich auch durch alle Gärten, nicht nur durch unseren eigenen. Wenn wir Appetit auf Blaubeeren hatten, gingen wir in den Wald; Kirschen, Birnen, Äpfel, kleine gelbe Eierpflaumen, Johannisbeeren und blaue Pflaumen standen in unserem Garten. Aber auch anders schmeckende Obstsorten gab es in den Gärten der Freunde. Hatten wir Durst, gingen wir zur nahe gelegenen Quelle oder Pumpe. Bei Regen spielten wir in den Scheunen des Gutes. Wir gingen in den Pferdestall, Kuhstall, Schweinestall oder sahen dem Stellmacher oder Schmied bei der Arbeit zu. Große, dicke Kastanienbäume spendeten im Sommer auf unserer Straße ausreichend Schatten. Die Maikäfer haben wir heruntergeschüttelt, in die Schule mitgenommen oder sie den Hühnern zum Fressen verfüttert. An einem Ast des Baumes, der dicht vor unserem Haus stand, befestigte ich zwei Ketten für eine riesige Schaukel. Die Schaukel war so hoch angebracht, dass wir beim Schaukeln die ganze Straße einnahmen und auf der anderen Seite, über den Vorgarten mit den Füßen, fast die Dachrinne unseres Hauses berührten. Kaum ein Pferdefuhrwerk, geschweige denn ein Auto, hat uns gestört. Wenn wir keinen Krach machten, blieb die himmlische Ruhe erhalten.

Einer meiner Spielkameraden wohnte etwas außerhalb in einer sogenannten „Schäferei“; dort wurden aber Schweine gezüchtet. An einer tiefergelegenen Stelle, wo nicht nur Wasser, sondern vielmehr auch Jauche aus den Ställen zusammenlief, spielten wir in den regelmäßig draußen gelagerten und gesäuberten Schweinetrögen Freizeitkapitäne. Der Sinn bestand darin, dass man stehend im Trog nur mit einem Stab in der Hand, das andere Ufer trocken erreichte. Leider kam es immer wieder vor, dass der Trog an den Rändern nicht ganz dicht war, voll lief und wir ihn vorzeitig an den Rändern erneut mit Lehm abdichten mußten. Was aber noch schlimmer war, wenn einer das Gleichgewicht nicht halten konnte und unter grölendem Gelächter in voller Länge mit Bekleidung in die Jauche fiel.

Wir Kinder waren arm, aber wir waren frei und glücklich, und viele zehren auch heute noch von dieser sorgenfreien Zeit. Leider waren es nur wenige Jahre, die ich in unserer einmalig schönen pommerschen Heimat genießen durfte. Diese unvergessenen Erlebnisse konnte ich meinen Kindern in der „Fremde“ leider nicht bieten. Gott sei Dank gibt es Träume. Ich wünsche allen Lesern Gesundheit und ein langes sorgenfreies Leben. Halten Sie die Gedanken an die Heimat im Herzen aufrecht und vergessen Sie sie nicht. Irgendwann, wenn die Machtverhältnisse sich geändert haben, kommen auch wieder andere, bessere Zeiten.

Lothar Bollwig

UDH Nr. 86

Sprung zur Indexseite Sprung zur Seitenübersicht