BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 86  ¦  Juli – September 2008


Flucht und Vertreibung

… drei Worte und ein Begriff. Unter diesem Begriff verbergen sich fast fünfzehn Millionen Schicksale. Durch meine Aufgabe als Schriftleiter von „Unsere Deutsche Heimat“ erreichten mich in den 16 Jahren viele Briefe. Die Schilderungen weichen so weit voneinander ab wie die Lebensläufe der Betroffenen.

Es steht mir nicht zu, Wertungen vorzunehmen, zumal die Schilderungen der Zahl nach nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt an der gesamten Zahl der Vertriebenen-Schicksale einnehmen. Eine der „Schicksals-Trennungs-Linien“ verläuft durch die Altersgrenze zum Zeitpunkt der Vertreibung.

Wer im Kindesalter ohne direkte Wahrnehmung auf diese „Wanderschaft“, wie ein ehemaliger Bundespräsident sich auszudrücken erdreistete, getrieben wurde, kennt seine Heimat, den Ort seiner Geburt nur von den Erzählungen, meist seiner Mutter. Wer in seiner Heimat bewußt die ersten Jahre seines Lebens verbrachte, Erinnerung an seine Schulzeit hat, ist geprägt von den Erlebnissen entsprechend seiner Umgebung und seines sozialen Standes. Diese Opfer erlebten auch Flucht und Vertreibung bewußt.

Die gesamte Last lag auf den „Erwachsenen“ — ob jung oder alt. Sie waren es, die dem Vertreibungs-Terror voll ausgesetzt waren und irgendwie überlebten. Sie sind auch diejenigen, die bewußt Erinnerungen an ihre Heimat mit auf die Flucht genommen haben. Sie sind es, die für ihre Angehörigen bei der Ankunft in der „neuen Umgebung“ das Leben aufrechterhalten mußten.

Die schwerste Last trugen alle Deutschen, die dem „Sieger-Justiz-Terror“ ausgesetzt waren — vergewaltigt, halb totgeprügelt, für Jahre nach Sibirien verschleppt oder in anderen Vernichtungslagern „betreut“ wurden.

Eine weitere Trennungslinie verläuft durch Empfindungen aller Heimatvertriebenen beim Gedanken an ihre Heimat. Dies ist zwar nicht nur eine Trennungslinie, die alleine Vertriebene betrifft. Auch „alteingesessenen“ Deutschen bedeutet Heimat, der Ort seiner Geburt und der Jahre in gewohnter Umgebung mal viel, mal weniger, und manche verbinden keine besonderen Gefühle damit.

Die größte Last tragen Heimatvertriebene mit einer starken Bindung an den Ort ihrer Geburt, zu den Landen in den Ostprovinzen des Zweiten Deutschen Reichs und auch in den deutschen Siedlungsgebieten.

Alle ereilte auch die seit 1945 einsetzende Umerziehung durch die Alliierten des Zweiten Weltkrieges. Alteingesessene Deutsche wie Heimatvertriebene waren in den ersten Jahren, wiederum überwiegend die Mütter, weil die Väter meist noch in Gefangenschaft, neben den Sorgen um das tägliche Brot der „Berieselungs-Propaganda“ ausgesetzt. Die eingehämmerten „Schuldgefühle“ zeigten Wirkung.

Diese doppelte Belastung, Sorge fürs Überleben und die Schuldgefühle, konnte von den meisten nicht getragen werden. Mütter entschieden sich fürs Überleben ihrer Kinder. Somit verblieb nur ein ganz kleiner Teil an Heimatvertriebenen und Einheimischen, der über Jahrzehnte hinweg sein Gefühl für seine Heimat, sein Vaterland nicht durch noch so intensiven Propaganda-Krieg zerstören ließ. Ein Teil dieser kleinen Gruppe ist in Gedanken und Taten durch den BGD und „Unsere Deutsche Heimat“ mit Leidens- und Erfahrungsaustausch verbunden.

In den Beiträgen von Herrn Lothar Bollwig [], Frau Curs [] und Frau Dr. Idris-Schimmel [] werden divergierende Leidens-Trennungslinien sichtbar. Ich bitte, alle Vorstellungen zu akzeptieren als das, was sie sind: Erfahrungen aus einem langen Leben. Wenn ein jeder sich in die Gedanken und Empfindungen des Anderen versetzen kann, sind wir bedeutend weiter als unsere Feinde es je für möglich hielten: Wir sind uns einig.

Horst Zaborowski

UDH Nr. 86

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