BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 86  ¦  Juli – September 2008


Das Oberwatelstwo und der Fall „Sdralek“ in Bobrek.

1945/1946

Während die Vertreibung in den nichtindustriellen Gebieten den Polen nicht schnell genug ging, hat man im Industriegebiet kaum vertrieben. Man brauchte eben für die Schwerindustrie Arbeitskräfte. Es fehlt an Männern, die einem Aufruf der Kommunisten folgten und in russische Zwangslager verschleppt wurden. Unter der polnischen Besatzungsmacht bekam die übrige deutsche Bevölkerung zunächst kein Geld, keine Lebensmittel und keine Lebensmittelkarten. Durch Hunger machte man die Menschen gefügig. Es folgte ein Aufruf der polnischen Behörden: „Wer Lebensmittel haben will, muß arbeiten. Arbeit bekommt aber nur derjenige, der für Polen optiert.“ Hunger tut bekanntlich weh, und so begab ich mich ins Bobreker Rathaus. Zunächst wurde mein Name geändert mit dem Hinweis: „Die vermaledeiten Deutschen haben durch ein „h“ einen echten polnischen Namen, Ster ist ein urpolnischer Name“ (Ster = Sterknüppel am Flugzeug). Das Oberwatelstwo war eine rote Kennkarte (DIN A7) ohne Lichtbild.

Mit 59 weiteren Jugendlichen im Alter von 15 und 16 Jahren bekam auch ich in der großen mechanischen Werkstatt der Julienhütte Arbeit (Schlosserlehrling). Zweimal wöchentlich mußten wir Lehrlinge zur Berufsschule, die dem Lyzeum angeglichen war. Die ersten Hinweise des polnischen Rektors lauteten. „Rauchen ist am Schulhof verboten, ebenso das Herumprügeln, Deutschsprechen ist absolut verboten!“ Das Letztere war der eigentliche Hemmschuh, zumal man nur ein Paar polnische Wörter konnte und nicht fähig war, Satzzusammenhänge zu bilden. Der Rektor erläuterte weiter, daß die Oder-Neiße-Grenze nicht die endgültige polnische Westgrenze sei. Unter Boleslaw Chrobry reichte die polnische Grenze bis an den Rhein. „Wir Polen sind aber bescheiden, erst, wenn die polnische Grenze an der Elbe ist, wird es einen dauerhaften Frieden in Europa geben.“

Eine eiserne Treppe in der mechanischen Werkstatt führte in den Frühstücksraum; hier war auch durch eine Glaswand getrennt der Umkleideraum mit den Spinden. Eines Tages stellte sich der Direktor der Werkstatt am Frühstücksraum an die Treppe und verkündete drohend mit russischen Akzent: „Kein Jugendlicher verläßt den Raum, solange nicht bekannt ist, wer das dort geschrieben hat. wenn sich der Betreffende nicht meldet, ist in 15 Minuten die Miliz da.“ Zunächst wußte ich nicht, worum es ging. Ein Pole hat an einen Spind PPR (polska partia robotnica) geschrieben und Sdralek hat ergänzt: „= polnische Pjeronje raus!“. Einige Minuten später erschienen fünf mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten. Zwei von ihnen bekamen den Auftrag, die Treppe abzusichern. Die Stimme des Direktors erklang. „Wer hat dort Spinde, der kommt mit mir?!“ Wie ein Bienenschwarm rannten die anderen 59 Jugendlichen in den Umkleideraum. Da ich durch die Flucht im Januar 1945 und durch die Rückkehr in die Heimat Ende Juni 1945 viel Negatives erlebt habe, blieb ich sitzen und überlegte, wie ich an den Bewachern an der Treppe vorbeikommen könnte. Ein Pole (etwa 2 Jahre älter als ich) ging mit schleppenden Gang, die Treppe herunter in die Werkstatt. Mein Gedanke: „Das mache ich dem nach.“ Zwei Minuten später ging ich mit schleppendem Gang langsam an den Wachen vorbei in die Werkstatt. Unterhalb der Werkstatt (von außen durch eine Treppe erreichbar) waren die Sanitätsräume und die Toiletten. Etwa 30 Minuten verbrachte ich da unten, bevor ich mich wieder nach oben wagte; ich lief direkt dem kleinen Meister in die Arme, der mich schüttelte und deutlich sagte: “Was machst Du denn hier; schau einmal zwischen Mauer und Dachrinne!“ Hier sah ich, wie die 59 Jungen abgeführt wurden. Ein Miliziant vor der Kolonne, zwei an den Seiten und zwei hinten, im Anschlag die Maschinenpistolen. Im Rathaus angekommen, sperrte man die Jugendlichen in einen Keller, nahm den ersten besten in die Wachstube. Hier mußte er sich auf den Bauch legen und dann bearbeitete man seinen Hintern mit Gummiknüppeln, die Stahleinlagen hatten, danach kam er in einen anderen Keller. Als man die 59 durchgeprügelt hatte, begann man ach dem gleichen Prinzip mit der zweiten Runde, danach mit der dritten und vierten Runde. In der vierten Runde konnte einer vor Schmerzen nicht mehr aushalten und hat den Namen „Sdralek“ genannt.

Die Jugendlichen hat man nun entlassen und den Sdralek halbtot geprügelt und ihm zwei Rippen gebrochen. Frau Sdralek hat auf Knien die Polen gebeten, ihren Jungen am Leben zu lassen, zumal er der einzige Ernährer der Familie ist. Die Frau mit ihren 3 Kindern mußte die Zweizimmer-Wohnung räumen und in ein einziges Zimmer umziehen. Sdralek bekam an der Kokerei Arbeit. Im Januar 1948 hat eine zurückrollende Kurbel einer Seilwinde sein Gehirn herausgerissen und keiner wußte, wie es zu diesem tödlichen Umfall kam.

Waldemar Stehr OStR. i.R.


In diesem Erlebnisbericht wurde zwischen den Zeilen deutlich, daß eine große Zahl Deutsche zwangspolonisiert worden ist. Ganz gleich wie viele es waren, sie zählen zu den fünfzehn Millionen Vertriebenen hinzu! Mit allen Ermordeten und Verschleppten zusammen wurden 20 Millionen Deutsche von den Siegern auf die eine oder andere Art „befreit“.

Horst Zaborowski


3 alte Ansichtskarten [Stand Januar 2009] von Bobrek

UDH Nr. 86

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