BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 87  ¦  Oktober – Dezember 2008


Deutschland vor 75 Jahren

Austritt aus dem Völkerbund

von Friedrich Kurreck

Als die Sieger des ersten Weltkrieges die Deutschen unter die zutiefst demütigenden und völkerrechtswidrigen Friedensbedingungen von Versailles und Saint-Germain beugten, die ohne ihre Mitwirkung zu Papier gebracht wurden und deshalb die Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung eines dauerhaften Friedens in Europa nicht erfüllten, Friedensverträge also, die man aufgrund ihres Zustandekommens mit gutem Recht nur als „Friedensdiktate“ bezeichnen kann, fürchteten die Zöglinge der berühmten französischen Kadettenanstalt Saint Cyr wegen des nun in Aussicht stehen sollenden „Dauerfriedens“ um ihre militärische Zukunft, zudem die Sieger auch noch ein Gebilde schufen, dem sie den Namen „Völkerbund“ verpaßten, dessen dringlichste Aufgabe es sein sollte, dahingehend zu wirken, daß der „ewige“ Frieden nicht nur eine „ewige“ Zukunftsmusik bleibt, eine Aufgabe, der er, wie Zeitzeugen bekannt, nicht gerecht wurde. Um den angehenden französischen Offizieren ihre Sorgen zu nehmen, beruhigte sie einer der Hauptbeteiligten des Vertrages, Georges Clemenceau (der Tiger von Versailles), mit den Worten:

Jaques Bainville, einem der deutschfeindlichen französischen Wissenschaftler seiner Zeit, verdanken wir dazu das Eingeständnis im Hinblick auf den französischen Schuldanteil am Zweiten Weltkrieg: „Man kann nicht sagen, daß der Friedensvertrag Deutschland nicht zerstückelte. Er zerstückelte es in entscheidender Weise im Osten, an einem besonders empfindlichen Punkt und völlig aus der Reichweite der Alliierten. Er zerstückelte Deutschland zugunsten Polens, dessen Bevölkerungszahl nur ein Drittel derjenigen Deutschlands betrug und dessen Stärke nicht einmal auf den zwanzigsten Teil der Stärke Deutschlands geschätzt werden darf, wenn man die innere Schwäche des polnischen Staates und seine gefährdete Lage in Betracht zieht. Man kann sagen, daß der Friedensvertrag von Versailles den ewigen Krieg organisierte.“

Damit dürfte der eigentliche Zweck des Versailler Diktats wohl restlos geklärt sein. Mit den beiden Friedensdiktaten legten die Vertragsgestalter den Keim zu einer noch größeren Katastrophe. Das ahnten schon damals nicht wenige Zeitbeobachter. Versailles — das sei „kein Frieden im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern eine Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland mit anderen Mitteln“, urteilte der US-Diplomat Hugh R. Wilson und bestätigte damit eine weit verbreitete Einschätzung.

Und der britische General J.F.C. Fuller urteilte über den Versailler Vertrag: „So wurde unter dem Donner der Geschütze der Erste Weltkrieg begraben und der Zweite Weltkrieg erzeugt; denn wenn man die Spuren der tiefsten Ursachen des letzteren — so wie auch des ersten — über Dampfmaschinen und Kontorhäuser bis zu den Urinstinkten der Menschheit zurückverfolgen kann, so war seine unmittelbare Ursache doch der Vertrag von Versailles.“ Die Ansicht des britischen Generals findet ihre Bestätigung in einem Beitrag des damaligen britischen Kriegsministers (1919–1921) Winston Churchill, der im Jahre 1919 in der britischen Zeitung „The Times“ veröffentlicht wurde, und in dem es u.a. heißt:

Noch klarer kann man die Verursacher des Ersten Weltkrieges dem deutschen Volk wohl nicht aufzeigen.

Eines der wichtigsten Instrumente des Versailler Vertrags war der von den Siegermächten 1920 ins Leben gerufene „Völkerbund“. Er nahm seinen Sitz in Genf (Schweiz) und wurde deshalb auch „Genfer Liga“ genannt. Erst später durften Staaten hinzutreten, die zu den Besiegten oder Neutralen des Ersten Weltkrieges zählten. Deutschland wurde 1926 aufgenommen. Damit verband sich in Berlin die Hoffnung auf eine Lockerung der Versailler Ketten und eine Politik ehrlicher Aussöhnung. Doch es sollte sich als Trugschluß erweisen. Deshalb verließ Deutschland unter Protest auch am 19. Oktober 1933 den von Zeitzeugen „Quasselbude“ genannten Völkerbund, enttäuscht hauptsächlich von Frankreich und England, die in Rüstungsfragen keine Zugeständnisse machen wollten. Im Gegenteil: Das militärisch bereits entblößte Deutschland sollte noch stärker fremdbestimmt werden.

Es war Hitler, der den gordischen Knoten durchschlug. Aber schon vor der NS-Machtübernahme hatten deutsche Politiker der Linken wie der Rechten den Austritt aus dem Völkerbund gefordert, da sie in ihm richtigerweise den Vertreter „nur“ der Interessen der Siegernationen erkannt hatten. Hitler wollte in Genf zunächst das Terrain sondieren und die Reaktion auf neue deutsche Kompromißangebote abwarten. Erst als sich vor allem die französische Regierung als völlig unnachgiebig erwies, zog er die Reißleine. Zugleich wurden die Reichstagswahlen am 12. November 1933 mit einer Volksabstimmung über den Völkerbundaustritt verbunden: 95 Prozent billigten den Schritt der Reichsregierung, darunter auch der regimekritische Theologe Martin Niemöller, der im Namen von 2.500 evangelischen Pfarrern für die mannhafte Tat“ dankte. Schon Monate zuvor hatten sämtliche Reichstagsfraktionen, auch die Sozialdemokraten, dem außenpolitischen Programm zugestimmt, mit dem Hitler am 17. Mai 1933 vor das Parlament getreten war. In seiner „Friedensrede“ verband er die Forderung nach Gleichberechtigung Deutschlands mit der Ablehnung militärischer Gewalt: „Der Ausbruch eines solchen Wahnsinns ohne Ende müßte zum Zusammenbruch der heutigen Gesellschafts- und Staatsordnung führen. Ein in kommunistischem Chaos versinkendes Europa würde eine Krisis von unabsehbaren Ausmaßen und nicht abzuschätzender Dauer heraufbeschwören.“ Prophetische Worte, die viel Beifall fanden, aber dann doch nicht beherzigt wurden. Bei der vom Völkerbund organisierten Abrüstungskonferenz in Genf reagierte man auf die Signale deutscher Ausgleichsbereitschaft mit unreduzierter Siegerarroganz. Über das Berliner Angebot eines Nichtangriffspaktes wurde gar nicht erst diskutiert. Vor allem die Franzosen pochten auf Beibehaltung ihres Rüstungsvorsprungs; der Reichswehr wurden nicht einmal Defensivwaffen zugebilligt. Von deutscher Seite war unter anderem vorgeschlagen worden: Begrenzung der Heeresstärken, Beschränkung auf bestimmte Waffen, Verbot von Bombenflugzeugen (was später Millionen von Zivilisten das Leben gerettet hätte).

In seinen 1950 erschienenen „Erinnerungen“ schreibt Ernst von Weizsäcker (Vater des einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker), der als Abrüstungsexperte des deutschen Außenministeriums die Genfer Verhandlungen begleitet hatte: „Verstanden hat man in der Schweiz, daß nach sieben Jahren mühsamen und schließlich fruchtlosen Verhandelns das Reich sein natürlich verbrieftes Recht auf gleiche Sicherheit sich nicht noch länger vorenthalten lassen wollte. Schon einmal in der Zeit vor Hitler, Sommer 1932, hatte die deutsche Delegation die Abrüstungskonferenz auf einige Monate verlassen, um einen legitimen Druck auszuüben. Ein Recht zum endgültigen Verlassen der Konferenz konnte man Hitler nicht abstreiten.“ Nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund (19. Oktober 1933) äußerte sich Hitler in seiner Rede im Sportpalast am 24. Oktober 1933 zu diesem Schritt u.a. :

Die Stimmzettel trugen folgenden Text:

Das Ergebnis lautete:

Das sind:

Die Enttäuschung über das Genfer Dauer-Palaver führte auf deutscher Seite zur forcierten Wiederaufrüstung. Zugleich bemühte man sich, außerhalb des Völkerbundes zu bilateralen Sicherheitslösungen zu finden. Schon im Januar 1934 konnte Berlin mit Warschau einen Nichtangriffspakt schließen, 1935 folgte das deutsch-englische Flottenabkommen, in dem sich Deutschland verpflichtete, seine Marinerüstung auf 35% der britischen Größenordnung zu begrenzen. Frankreich aber verstärkte zur gleichen Zeit seine Einkreisungsbemühungen gegen das Deutsche Reich und verlängerte die Dienstzeit seiner Soldaten. Berlin reagierte im März 1935 mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht. Kurz darauf paktierte Frankreich mit der Sowjet-Union. Die Situation wurde zunehmend unübersichtlich, spitzte sich unheilvoll zu.

Vom Völkerbund ging kein nennenswertes Krisenmanagement mehr aus. So versagte er auch 1931, als Japan die Mandschurei überfiel und besetzte, durch das Unterlassen einer Aktion. Nicht nur Deutschland verließ desillusioniert den Völkerbund; andere Staaten verließen ihn aus denselben Gründen. Nur 1939 wurde der Völkerbund tätig und schloß die erst 1934 aufgenommene Sowjetunion wegen ihres Angriffs auf Finnland aus. Die USA, obwohl ebenfalls Siegermacht von 1918, waren dem Völkerbund von vornherein ferngeblieben. Im April 1946 löste sich der erfolglose Staatsclub selber auf. Damit wurde bestätigt, daß Deutschland vor 75 Jahren mit seinem Austritt nicht falsch lag: Der Völkerbund war eben ein untaugliches Instrument der Friedenssicherung.

Ob der nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Namen „Vereinte Nationen“ (UN) neu ins Leben gerufene Staatsclub überleben wird, wird die Zukunft weisen.

Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang auch noch der Meinung des früheren britischen Premierministers Lloyd George zum Einmarsch deutscher Truppen in das nach den Bestimmungen des Versailler Diktats entmilitarisierte Rheinland am 7. März 1936. Darauf angesprochen, antwortete er: Hitler wäre ein Verbrecher gewesen, wenn er angesichts der Lage nichts zum Schutze Deutschlands unternommen hätte.“ Zum Verstehen der damaligen Lage muß auch auf folgendes noch hingewiesen werden:

Im Jahre 1932 stand Deutschland am Rande der Übernahme der Staatsführung durch die Kommunisten. Die Überwindung dieser gefährlichen Lage des deutschen Volkes wurde nur erreicht durch die Mobilisierung der allgemeinen sittlichen und moralischen Werte der deutschen Nation. Nach dem 30. Januar 1933 wollten die neuen Männer in der Reichsregierung nicht, daß über das deutsche Volk, das nicht nur weinen, sondern auch durch sein ganzes Leben hindurch herzlich lachen konnte, das Grauen der kommunistischen internationalen Haßdiktatur hereinbricht. Man zitterte für Europa bei dem Gedanken, was aus unserem alten menschenüberfüllten Kontinent werden soll, wenn durch das Hereinbrechen dieser destruktiven und alle bisherigen Werte umstürzenden asiatischen Weltauffassung das Chaos der bolchewistischen Revolution erfolgreich sein würde. Vielleicht waren die neuen deutschen Staatsmänner für viele europäischen Staatsmänner ein phantastischer, jedenfalls unbequemer Warner. Aber sie haben ja in der deutschen Geschichte der letzten 20 Jahre Gelegenheit gehabt, Erfahrungen auf diesem Gebiet zu sammeln.

Es gibt inzwischen genügend Bücher über das „Dritte Reich“, die man nicht alle zu lesen braucht, um über diese Zeit informiert zu sein. Vier von ihnen genügen, und man kann sich sein eigenes Urteil bilden.

Es sind die Bücher: „Kriegsschuld 1939–1941, Der Schuldanteil der anderen“ von unserem schlesischen Landsmann Bolko Freiherr von Richthofen, herausgegeben 1975 im Arndt-Verlag, Vaterstetten.

„Deutschland im Kreuzfeuer großer Mächte — 100 aufschlußreiche Zitate als Jahrhundertzeugen“, von Hans Bernhard, erschienen 1988 im Verlag K.W.Schütz, Preußisch Oldendorf.

„Von Versailles bis Potsdam, 1871–1945“, von Hugo Wellems, erschienen 1983 im Verlag Hase und Koehler, Mainz, und

„Englands Krieg gegen Deutschland — Ursachen, Methoden und Folgen des Zweiten Weltkrieges“ von Peter H. Nicoll, einem schottischen Historiker, erschienen erstmals 1963 im Verlag der Deutschen Hochschullehrer-Zeitung, dann 2001 in vierter Auflage bei Grabert Verlag in Tübingen.


UDH Nr. 87

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