BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 93  ¦  Mai – August 2010


Oberschlesien

Land unterm Kreuz

von Florian Mierzwa

Oberschlesien, das Land am Ende des Reiches. Seine Ostgrenze war eine der ältesten und stabilsten Grenzen in Mitteleuropa und hat als Scheide zwischen zwei Volkstümern, zwischen zwei Sprachen und zweier Kulturen einen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung des Landes ausgeübt. Der oberschlesische Mensch ist fromm, tüchtig, anpassungsfähig und sehr heimatverbunden. Das beweisen die vielen Schrotholzkirchen und auch mächtige Kirchbauten im ganzen Land, die vielen Pilgerstätten und Wallfahrtsorte. Hier sollten einige genannt werden; St. Annaberg, St. Anna bei Leschnitz, Ratibor,Altendorf, Deutsch Piekar. Aber nicht nur Katholiken, sondern auch evangelische Christen gab es in Oberschlesien, wenn auch als Minderheit, 1.363.698 katholischen. Christen standen nur 140.229 evangelische Christen gegenüber. Oberschlesien war auch ein bedeutender deutscher Wirtschaftsfaktor, es war ein Land der Grubenschächte und rauchenden Schlote der Stahlwerke und Fabriken.

Oberschlesien, das sind Berge, Hügel, Ströme, weite Kiefernwälder, sind einsame Dörfer, betriebsame Städte, sind Menschen voll gesunder Lebenskraft, die mit beiden Beinen im Dasein stehen, Bauern, Kumpels. Oberschlesien, das sind Kohlegruben, Stahlwerke, Kalköfen, weite einsame Flächen, sind strohbedeckte Hütten, aber auch moderne Wohnhäuser für seine Arbeiter, reiche Villen und Schlösser. Gänseherde und hart klingende Menschenlaute, die doch so viel Gemütvolles, kräftig Behagliches, Witz und rührige Polterei in sich bergen.

Oberschlesien, das ist ein Land, in dem Generationen einen Volksstamm wachsen liessen, der dem Nachbarn hinter der Grenze Helfer war und den Fremden zum Gast werden ließ. Oberschlesien, das sind Berge des Altvaters und der Beskiden.

Oberschlesien ist ein Land, das seine geistige Gestalt im Reigen der deutschen Kulturlandschaften deutlich gezeichnet hat. Was es empfing, gab es vielfach zurück. Oberschlesien, das ist ein Land, das seine Menschen prägt und das von seinen Menschen geprägt wurde. Herb, aber herzlich, schlicht und bescheiden, treu und mutig, froh und fromm, sind und bleiben Oberschlesier Kinder ihrer Heimat.

Oberschlesien, das ist ein reiches Land. Fleißige Hände und kluge Köpfe haben eine Provinz an der Grenze zum Kleinod in Deutschland gemacht.

Oberschlesien, das ist ein armes Land. Es trauert um seine vertriebenen Menschen. Es ist ein unglückliches, stummes und gequältes Land. Es blickt nach dem Westen und mahnt die Solidarität und den Beistand der einstigen Gemeinschaft ein.

Oberschlesien, das ist ein Land unterm Kreuz und daher auch ein Land des Gebetes und der Hoffnung. Oberschlesien, das ist ein Raum von 13.237 qkm etwa ¼ kleiner als Schleswig Holstein, der bewohnt war von ca 2,5 Millionen Menschen.

Oberschlesien hat seine Eigenart durch die rund 700jährige Bindung an Deutschland erhalten. Außer der Schwerindustrie besaß Oberschlesien auch noch eine Anzahl anderer Industriezweige. Von der Vielfalt sollen hier einige genannt werden: Elektrogeräte, Bau von Apparaten und Spezialgeräten, Industrie der Steine und Erden, Zement, Kalk, Ziegel, Glas, Forst und Holzwirtschaft, einschl. Papier- und Zellstoff-Industrie, Leder-, Schuh-, Textil- und Bekleidungsindustrie, Nahrungs- und Genußmittel-Industrie, Baugewerbe. Neben der Industrie spielte die oberschlesische Landwirtschaft eine große Rolle, besonders die Erzeugung von Kartoffeln, Futterrüben, Zuckerrüben, Roggen, Hafer, Gerste, aber auch Flachs- sowie Gemüseanbau.

Schließlich verdienen auch Oberschlesiens Heilbäder, Krankenanstalten, Parkanlagen und Schwimmbäder einer Erwähnung ebenso wie das Kulturleben, Theater und verschiedene karitätive Einrichtungen, die im einzelnen nicht aufgeführt werden können.

Mit all diesen Leistungen sind Namen vieler bedeutender, zum großen Teil weltweit bekannter Persönlichkeiten verbunden: es ist schwer, hier eine gerechte Auswahl zu treffen. Dem Revier entstammen 5 Nobelpreisträger: Otto Stern, Kurt Alder, Maria Göppert-Mayer, Konrad Bloch und Johannes Georg Bednorz.

Ausdruck geistiger Schöpfungskraft sind die Werke von Joseph Freiherr von Eichendorff, Gustav Freytag, August Scholtis, Hans Niekrawietz, Arnold Ulitz, Max Tau, die Kompositionen von Mendelssohn und Carl Proske, Fritz Lubrich und Günter Bialas; die Forschungen von Emil Schnitzler (Emin Pascha), Frh. v. Richthofen, Alfons Perlick, Bernhard Grzimek, Bienenvater Pfarrer Johannes Dzierzon und viele mehr.

Dieses dynamische, starke, stark blühende Land traf nach dem 1. Weltkrieg der erste schwere Schicksalsschlag.

Vergeblich die Treue zur Heimat; der Kampf gegen Korfantys polnische Insurgenten; das überzeugende Treuebekenntnis in der Volksabstimmung nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde mißachtet. Die Volksabstimmung am 20. März 1921 ergab eine Mehrheit für den Verbleib bei Deutschland. Doch nur nach wenigen Wochen überfällt Korfanty Oberschlesien, mit polnischer Armee und sogar Panzerzügen und besetzt Annaberg. Doch die Mächte, die zum Schutz der Bevölkerung in Oberschlesien eingetroffen sind, schauen zu, außer der Italienichen Einheit. Annaberg wird von den Freicorps befreit. Nach dem Abstimmungsergebnis mußte ganz Oberschlesien sofort an Deutschland zurückgegeben werden.

Doch über Oberschlesien entschied nicht der Wille der Bevölkerung, deren Mehrheit am 20. März 1921 unter den erschwerendsten Umständen für Deutschland gestimmt hatte, sondern Mißbrauch der Macht, die politische Einsichtlosigkeit der Sieger. Der Reichtum Oberschlesiens wurde seinen Menschen zum Verhängnis.

Keiner der Staatsmänner, die über Oberschlesien entschieden, hat dieses Gebiet jemals betreten. Keiner von ihnen hat die Bevölkerung dieses Raumes gekannt. Aber keiner von ihnen fühlte sich gehemmt, über das Schicksal dieses Raumes und seiner Menschen zu bestimmen. Oberschlesien wurde geteilt!

„Die Geschichte der Oberschlesischen Grenzfestsetzung ist die Kapitulation der Großmächte vor der Gewalt.“
Martel René, Frankreich

Am 20. März 1921 stimmten die Oberschlesier mit Mehrheit für den Verbleib beim Deutschen Reich. 97 Prozent der Abstimmungsberechtigten haben von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht.

707 554 Stimmen lauten für Deutschland; nur 478 820 Stimmen lauten für Polen.
Die Behauptung vom polnischen Charakter Oberschlesiens war widerlegt: Oberschlesien ist deutsches Land.

Am 15. Juni 1922 senkten sich in Oberschlesien die Schlagbäume, sie zerschnitten das Land, sie zerrissen das Volk.

Es wurden 3.213 qkm mit 950.000 Einwohnern Polen zugesprochen. Aber diese 3.213 qkm trugen den Großteil der Industrie.

Es fielen an Polen:
von 67 Steinkohlengruben:53 = 79 %
von 3030 Koksöfen:1875 = 62 %
von 37 Hochöfen:22 = 60 %
von 12 Stahlwerken:9 = 75 %
von 15 Zink-und Bleierzgruben:10 = 66 %
von 22 Zink- und Bleihütten:22 = 100 %
von 2 Silber- und Bleihütten:2 = 100 %
von 7 Zinkblechwalzwerken:2 = 29 %

Eine Geschichte Oberschlesiens wäre nicht annähernd vollständig, würde man nicht einige Namen vieler bedeutender Persönlichkeiten nennen die zum großen Teil weltweit bekannt wurden! Untrennbar mit dem Industrierevier verbunden sind die Namen: von Ballestrem, Henckel von Donnersmark, von Schaffgotsch, von Pleß, Zinkkönig Karl Godulla, von Thiele-Winkler sowie die der preußischen Bergbauminister von Heynitz und F. W. von Reden.

Nach der Teilung Oberschlesiens mußten rund 100 000 Oberschlesier die Heimat verlassen. Für sie war kein Platz mehr in der Heimat (keine Vertreibung?).

Im Jahre 1790 besucht Johann Wolfgang von Goethe Oberschlesien, in Tarnowitz besichtigt er die erste Dampfmaschine auf dem europäischen Kontinent. Er schreibt:

Oberschlesien lag einmal „Am Rande des Reiches“, und die Grubenanlage Tarnowitz konnte 1790 auf den Weimarer Minister von Goethe den Eindruck machen „fern von gebildeten Menschen“ zu liegen. Wie hat sich das „Bild“ in 150 Jahren verändert gehabt, von 1790 – 1945. Von Oberschlesien sind im Lauf seiner 700jährigen Zugehörigkeit zum deutschen Staatsverband so bedeutende Beiträge zur Kultur der Menschheit geleistet worden, daß die Menschen in aller Welt um vieles ärmer an Kultur wären, wenn es diesen Beitrag nicht gegeben hätte. Wer diese Realitäten, diese Fakten der Geschichte mit leichter Handbewegung zur Seite schieben wollte, würde nicht nur einen Mangel an Geschichtsbewußtsein, sondern einen Mangel an Kulturbewußtsein offenlegen.

Die Fortsetzung dieser Arbeit aus dem Geist der Vergangenheit kann nicht als Sentimentalität oder Provinzialismus abgetan werden. Die Fortsetzung dieser Arbeit kann nur wieder, wie bisher, unserem Volk und vielleicht wieder, in einzelnen Fällen, dem Fortschritt der Menschheit dienen.

„In Treue will ich dich lieben, mein Schwur sei heiliges Pfand; du oberschlesische Heimat, du wälderrauschendes Land“.

Am 19. Januar 1945 überschritten sowjetische Truppen die alte Provinzgrenze östlich von Kreuzburg und Rosenberg. Somit wurde Oberschlesien erstmals seit 1807 wieder Kriegsschauplatz. Mit der Flucht und der Vertreibung der deutschen Oberschlesier und der Besitznahme ihrer Heimat durch polnische Zuwanderer endet im Jahre 1945 die fast 700 jährige Geschichte des deutschen Oberschlesiens. Hunderttausende flüchten vor der Sowjetarmee, Tausende werden vertrieben, Hunderttausende müssen in der Heimat bleiben, um in Industrie und Gruben schwere Arbeit als Fachkräfte zu leisten. Tausende werden in Arbeitslager (Vernichtungslager) zusammengetrieben; die Zahl der Todesopfer ist sehr hoch.

Zehntausende werden in die Weiten Rußlands deportiert, wovon leider auch die betroffen sind, die sich ein polnisches Oberschlesien wünschten. Sie wurden deportiert, um dort unter unmenschlichen Zuständen zu arbeiten. Nur wenige kehrten nach Jahren zurück!

Dennoch:
“Bewundernd blicken wir Oberschlesier auf den Fleiß unserer Vorväter. Schon im Mittelalter haben sie einen erfolgreichen Anlauf genommen. Und seit knapp zwei Jahrhunderten haben sie aus einem entlegenen Waldlande ein Industrie- und Wirtschaftsgebiet von Weltformat geschaffen.“

Florian Mierzwa


UDH Nr. 93

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