BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 94/95  ¦  September – Dezember 2010


Später Besuch in der Heimat

Wer eine Reise tut, der kann viel erzählen. Das ist schon ein sehr alter Spruch, doch an Wahrheit hat er noch nichts eingebüßt. Vor allem nicht, wenn diese Reise im „gehobenen“ Alter erfolgt. Bei einem Familienfest sollte man eine solche Gelegenheit, vorausgesetzt, die Gesundheit erlaubt es, wahrnehmen, wenn auch einige Behinderungen berücksichtigt werden müssen. Hier war es der 80. Geburtstag meiner Schwester.

Man kann heute auch schon bequemer reisen als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Nach Erledigung einiger „Formalitäten“ steigt man in Dortmund in ein Flugzeug und landet nach ca. 75 Minuten am heimatlichen Flughafen Kattowitz. Dieser ist zwar einige km. von Kattowitz entfernt, doch noch viel näher an meinem Heimatort.

Den ersten Tag benutzte ich, um in ein mir bekanntes Gebäude zu gehen, wo ich in meiner Jugend 6 × in der Woche gegangen bin. Es war die alte Schule, die ich 6 Jahre lang besuchte, heute aber eine Bank sich nennt. Da Polen noch keinen Euro hat, mußte ich mir einige Zloty „eintauschen“, denn ohne „Taschengeld“ ist man nicht sehr glücklich.

Da zur Zeit unser Ring (Marktplatz) umgestaltet wird, dauerte diese Runde etwas länger. Wer schon eher die Heimat besuchte, wird vielleicht noch an die alte Arbeitsweise denken. Davon ist aber nicht mehr viel übergeblieben, man kann auch dort die Bordsteine und die Pflastersteine sehr gerade setzten. Dieser Ring hatte die Renovierung sehr nötig; zu lange hat man sich mit Reparaturen begnügt, doch nach der Geldzuteilung aus Brüssel werden andere Maßstäbe angelegt.

Den Nachmittag habe ich mir „reserviert“ für die großen Meldungen über die Wahl aus dem polnischen Fernsehen: In Deutschland wurde der Bundespräsident gewählt. Ziemlich enttäuscht war ich aber, als nur ein Sender dieses Ereignis mit einer kurzen Meldung: „Christian Wulff wurde zum Präsidenten gewählt“ brachte; nur der Handschlag von Frau Merkel wurde gezeigt. Auch die polnische Presse war mit der Meldung ziemlich sparsam. Sie war voll mit der Wahl des polnischen Präsidenten beschäftigt, die nur 4 Tage später, natürlich von dem Volk, nicht von den Parteien, gewählt. Eine Wahl des Präsidenten durch das Volk finde ich gerechter und demokratischer, sie kann nicht „nachgelegt“ werden. Der 1. Juli war nun der große Tag meiner Schwester; hier fand sich die ganze Familie zu einem glücklichen Anlaß zusammen. Inzwischen finden auch dort solche Familienfeste in einem Lokal statt. Vorbei ist es mit der wochenlangen Vorbereitung und dem „organisieren“ von Essen und Getränken, was sehr viel Mühe gekostet hat.

Heute nun der obligatorische Gang zum Friedhof, wo meine Vorfahren ruhen, wo ich in meiner „Jugend“ die Gräber der Großeltern gepflegt habe.

Dieser Friedhof befindet sich beiderseits der Straße, links der alte Teil mit der St. Valentins-Schrotholzkirche. Rechts der Straße ist nun der „Neue“, zu meiner Zeit vor dem Verlassen der Heimat nur mit wenigen Grabstellen und dem Großgrab der 19 polnischen Gefallenen des 1. und 2. September 1939 im Kampf um meine Heimatstadt. Nun ist auch dieser Friedhof weit über die Hälfte belegt. Auf beiden Friedhöfen viele Blumen und teure Grabsteine, viele sogar mit Einfassung. Diese St. Valentinskirche wurde im Jahre 1699 erbaut und inzwischen ganz renoviert.

Nach dem Mittagessen und einer Mittagsruhe ein Gang durch die „Gemeinde“ mit Besichtigung einiger Schaufensterauslagen und des Supermarktes.

Anschließend noch ein Gang durch altvertraute Straßen aus der Jugendzeit. Es hat sich auch hier einiges verändert, nicht alles zum Guten. Einige Häuser sind noch im alten Zustand, da keine Nachkommen oder kein Geld vorhanden. Die Mehrzahl aber ist renoviert und macht einen guten Eindruck. Was aber fehlt, das sind die aus den Fenster schauenden bekannten Gesichter. Doch ich gehe auch an vielen Häusern vorbei, in denen Jugendfreunde wohnten, Schulkollegen oder Spielgefährten, die aus dem Kriege nicht zurückkamen.

Mit 18 Jahren wurde auch ich „zu den Waffen gerufen“. Ich kehrte als 19-jähriger nach zweimaliger Verwundung aus dem Kriege, leider nicht mehr in die Heimat zurück. Ich habe aber die Heimat oft besucht. Wie jeder Urlaub, so auch der Besuch der Heimat ist immer zu kurz, doch das Leben geht weiter. Manchmal frage ich mich, wo ist die Zeit geblieben? Doch bei jedem Besuch dehne ich die Zeit etwas und besuche auch die Umgebung, aber auch Friedhöfe, wo auch deutsche Soldatengräber zu finden sind. So hat sich auch bei meiner Reise ein Bekannter gefunden, der mich etwas durch das Land kutschierte.

So habe ich auch den großen Soldatenfriedhof Laurahütte — Siemianowitz, wo bis jetzt 23.000 Kriegstote deutsche Soldaten umgebettet wurden, besucht. Wenn die Anlage fertig ist, sollen hier 35.000 Tote ruhen. Die Vorarbeiten für die Anlage haben deutsche und polnische Jugendliche geleistet. Anschließend besichtigte ich die vor ca. 2 Jahren angelegte Gedenkanlage für die Toten des Lagers „Zgoda“ und den Gedenkstein auf dem Friedhof, wo sich heute noch oft Angehörige der Toten aus dem Vernichtungslager treffen. Vor einigen Jahren waren diese Menschen noch stumm, da sie Angst hatten, die Wahrheit zu sagen, heute ist das schon anders, man erfährt mehr über die Verhältnisse damals. Leider ist das kein Thema für unsere „Volksvertreter“; man hat nicht diesen Mut.

Von da ging es nach St. Annaberg. Es ist Sonntag, es sind viele Pilger bei den Gottesdiensten anwesend. Ich gehe durch den Friedhof, dort befindet sich ein Großgrab unbekannter deutscher Soldaten, sie starben im dortigen Lazarett (es wird so gesagt); das Grab wurde erst vor einigen Jahren angelegt. Bei jedem Besuch der Kirche stelle ich fest, daß diese immer reicher an Ausstattung ist, ich erinnere mich noch an den ersten Besuch im Jahre 1957.

Bevor wir die „Heimreise“ antreten, suchen wir ein solides Lokal, wo wir uns nach diesen Strapazen etwas stärken können; der Tag war ziemlich warm. Für uns mit dem Euro sind die Preise „angenehm“; so sind mein Bruder, der mich begleitet und mein Chauffeur meine Gäste. Dieser Tag bleibt uns lange in Erinnerung.

In dieser Woche möchte ich noch eine etwas ausgedehnte Reise machen. Meine Nichte erklärt sich bereit, zu fahren; auch mein Bruder ist mit von der Partie, da er sonst die Umgebung auch gerne sieht. Ich besuche nur kurz einen Bekannten in Boronow, im Kreise Lublinitz; dort ist auch eine Schrotholzkirche, die heute aber noch die Hauptkirche ist. An diese Kirche grenzt ein Friedhof. An der Aussenmauer wurden 1945 79 deutsche Soldaten beerdigt, sie durften nicht auf dem Friedhof ihre Ruhe finden. Doch mit den Jahren hat der Pfarrer die Vergrößerung des Friedhofs angeordnet. Man hat den Zaun versetzt; so ruhen heute die 79 Gefallenen auf dem amtlichen Friedhof, Die Gräber werden von der deutschen Minderheit, und aber auch durch die Bewohner gepflegt.

Weiter ging es nach Rosenberg, auch dort ein Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg. Dort liegen deutsche Tote, Österreich-Ungarn und russische Toten, da in Rosenberg ein Lazarett war. Auch diese Gräber werden gepflegt, es sind über 296 Tote (auch Serben). Anschließend noch nach Bodzanowitz, Grunsruh, wo das Grab des ersten gefallenen deutschen Soldaten Paul Grun sich befindet (daher die Umbenennung des Dorfes in Grunsruh).

Von da geht es noch zu der Brücke über die Liswarte, die bis zum Ersten Weltkrieg die Grenze zwischen Deutschland und Rußland war. Hier eine kleine „Episode“. In der Liswarte hat Helmuth von Pannwitz als Kind mit den Kosaken gebadet (im Zweiten Weltkrieg Kommandierender General des Kosakenkavalleriekorps, als „Vater der Kosaken“). Dort haben ihm auch vor dem Ersten Weltkrieg die Kosaken das Reiten auf ihren kleinen Pferden beigebracht. Am Kriegsende haben ihm die Engländer versprochen, daß sie die Kosaken nicht an Stalin ausliefern werden, aber sie haben es doch getan mit von Pannwitz und einigen Offizieren. Generalleutnant von Pannwitz wurde am 16. Januar 1947 hingerichtet. Inzwischen rehabilitiert.

Auf dem Rückweg noch Besichtigung der Schrotholzkirche in Koschentin sowie den Gräbern von 45 im Januar 1945 gefallenen Soldaten auf dem Privatfriedhof von Fürst von Hohenlohe – Oehringen. Damit sind die „Ausflüge“ in der Heimat für mich beendet, die letzten Tage verbringe ich noch mit Besuchen von Verwandten im Ort, vor allem darf ich auch die kleine Kapelle auf dem Florianberge mit der Figur des Hl. Florian nicht vergessen, der mein Namenspatron ist. Diese Kapelle wurde auch vor 3 Jahren renoviert, da die Woischniker Feuerwehr jedes Jahr eine Andacht vor dieser Kapelle abhält. „St. Florian verschone unser Haus, suche dir zum Brennen ein anderes aus“. Wenn wir als Kinder das sagten, da waren unsere Eltern böse. Diese Kapelle ließ Graf Gaschin, als er „Herr auf Woischnik“, war bauen.

Nun soll aber auch der Kurzbesuch in der Kreisstadt Lublinitz nicht unerwähnt bleiben. Diese Stadt macht einen guten Eindruck, obwohl auch dort noch viele Häuser eine gründliche „Überholung“ nötig hätten. Was dort erwähnenswert ist, das ist das Edith-Stein-Museum. Das Haus der Familie S. Courant, der Großeltern von Edith Stein, die als Jüdin den katholischen Glauben annahm / hatten in Lublinitz ein Geschäft, das sie aber nach der „Eingliederung Ost-Oberschlesiens an Polen (1922) verkauft haben, so konnte Edith ihre Großeltern nie besucht haben. Heute wird ein solcher Anlaß immer wieder betont. Edith Stein hat bei ihrem Lebenslauf geschrieben: „Ich, Edith Stein bin eine preußische Staatsbürgerin.“ Über Edith Stein gibt es verschiedene „Erzählungen, wo sie aber umgekommen ist gibt es keine Zeugen.

In den nächsten Tagen noch einige Gänge durch verschiedene Feldwege, wo früher Jungens oder auch Mädchen die Kühe hüteten, oder die Bauern mit ihren Pferden die Felder bearbeitet haben und man konnte mit ihnen etwas „plaudern“, gibt es nicht mehr. Die Struktur des Landes hat sich auch dort verändert. Der größte Arbeitgeber in Woischnik, vor drei Jahren seinen Betrieb den modernsten Verhältnissen und Vorschriften angepaßt hat „Pleite gemacht. Die Menschen leben dort bescheiden. Mich erinnert die Zeit an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, es gab Reiche und Arme. Große Arbeitslosigkeit herrschte, vorallem unter der deutschen Bevölkerung.

In den Unterhaltungen wird immer wieder betont, von denen die noch von ihren Eltern erfahren konnten, daß unsere Vorfahren das Gebiet unserer Heimat das Land nicht kriegerisch erobert haben, sondern daß sie ins Land gerufen worden sind. Es hieß: Die damaligen Landesherren schickten Ihre Diener nach dem Westen um Siedler zu werben (nachzudenken wäre, warum?) Sie rodeten Wälder, bauten Brücken und Straßen, sie bauten Dörfer und gründeten Städte, Sie kultivierten das Land, bauten Schulen und Kirchen um nach getaner Arbeit Gott zu preisen. Nun fragen wir, nur noch die wenigen Zeitzeugen, wo sind diese Menschen bzw. ihre Nachkommen geblieben???

In nur noch wenigen Tagen, da man mich zu dem Heimat-Flughafen bringen wird heißt von mir, Abschied nehmen von der Heimat, die leider nur 18 Jahre meines Lebens mich beherbergte, die zwar mehrere Male besucht wurde von mir, oft mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Ich nehme Abschied von dem Stück Heimat, die von so viel Schweiß unserer Vorfahren getränkt wurde, die von uns Zeitzeugen mit so viel Tränen und Blut getränkt wurde, in der über 2 Millionen unschuldig Menschen ihr Leben verloren haben, die Schuldigen aber nie dem gerechten Richter zugeführt wurden. Die das große Unrecht sogar in Recht umwandeln wollen. Doch diese Menschen, diese „Volksvertreter“ begreifen es nicht was es heißt ein Zeitzeuge einer so schrecklichen Zeit zu sein, darüber nachzudenken hat ihnen das Maß der Gerechtigkeit verlieren lassen, das Wort „Heimattreue“ ist ihnen ein Fremdwort geworden. Der Patriotismus anderer Völker wird hervorgehoben, der eigene auf das schwerste bekämpft.

Nun der Abschied: Zwei Stunden vor dem Abflug muß man am Flughafen sein, um 6.00 Uhr startet die Maschine, ich verabschiede mich von meinem Bruder und der Nichte, sage „Auf wiedersehen“, doch kann man in diesem Alter noch auf ein Wiedersehen noch glauben? Möglich ist es schon — doch darüber kann man nicht selber entscheiden, hier, fern der Heimat, werde ich von meiner eigener Familie erwartet.

Während der kurzen Flugzeit versuche ich zu ergründen, warum hassen sich die Deutschen gegenseitig so? Warum werden wir Heimatvertriebenen von unseren „Volksvertreter“ als Last befunden? Eine Antwort kann ich mir nicht geben. Oder doch, weil man die geschichtliche Wahrheit nicht kennt?

Florian Mierzwa


In der Fremde
Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.

Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauschet die schöne Waldeinsamkeit,
Und keiner kennt mich auch hier.
Joseph von Eichendorf

Bilderalbum

12 Fotos vom Juli 2010, 1 Foto von 2007

© Florian Mierzwa



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UDH Nr. 94/95

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