BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 96  ¦  Januar – April 2011


Erlebnisbericht einer Heimat-Vertriebenen 1945

Die Oder, Warthe, Fetze, Drage — alles heimatliche Flüsse im deutschen Osten. In einem kleinen Ort in der Neumark, östlich Berlin, an der Drage gelegen, bin ich geboren und aufgewachsen. Noch kleinere abgelegene Ortschaften, eine Ziegelei, mehrere Förstereien waren eingemeindet und gehörten zu unserer Kirchen­gemeinde. Umgeben von vielen Wäldern in ruhiger, verträumter Gegend; Verwandte und Besucher kamen aus dem Rheinland und aus Berlin.

Als während des Krieges viele bomben­geschädigte evakuierte Berliner in Privathäusern unterkamen, nannte man unseren Ort sinniger­weise „Klein-Berlin“. Jeder kannte jeden! Vom Krieg merkten wir fast nichts. Es gab Bauern, Arbeit, Privatgärten, reichlich Pilze im Wald, fast jede Familie fütterte ein Schwein zur Haus Schlachtung — so daß man mit der Zuteilung auf den Lebens­mittel­karten gut auskam.

Nur, die traurige Benach­richtigung von gefallenen Soldaten schreckte auf, wozu auch mein einziger Bruder gehörte.

In den letzten Kriegsmonaten änderte sich vieles. Ab August 1944 leitete eine O.T.-Kolonne den Schippeinsatz mit 800 Personen. Meist deutsche Frauen aus der näheren Umgebung waren im Einsatz. In den Wäldern wurden Gräben ausgehoben für den Ernstfall. Frauen, die abends nicht nach Hause konnten, wurden in einem großen Parkettsaal auf Strohlager untergebracht. Verpflegung gab es aus der Großküche, was ehrenamtlich die „Frauenschaft“ übernommen hatte. Zur Unterhaltung gab es „Bunte Abende“ auf dem großen Dorfplatz unter Laubbäumen, oder es wurde die große Leinwand aufgestellt und die „Feuerzangen­bowle“ mit Heinz Rühmann gezeigt.

Schon vor Weihnachten 1944 hörte man in weiter Ferne den Kanonen­donner der Front. - Durch Presse und Gerüchte beruhigte man die Einwohner, daß dort der „Volkssturm“ übe.

Ab 24. Januar 1945 erhielten nur Bomben-Evakuierte einen Erlaubnis­schein vom Amtsvorsteher, per Bahn abzureisen. Für die übrige Bevölkerung kam der Räumungsbefehl leider zwei Tage zu spät. Am Abend des 26. Januar 1945, 20 Uhr, wurde vom Ortsgruppen­leiter der Räumungsbefehl telefonisch dem Bürgermeister durchgegeben — Durch Sturmläuten unserer Kirchenglocke wurden die Einwohner zum Verlassen des Ortes aufgefordert. Mit Einverständnis des Orts­bauern­führers ging der inzwischen zusammen­gestellte Treck mit Pferd, Wagen und Fußmarsch bei großer Schnee­behinderung gegen 2 Uhr nachts los. Einige kamen durch Einsatzwagen, die meisten mit der Bahn weg. Das Ziel sollte der Kreis Anklam in Mecklenburg sein. — Kurz nach Durchgabe des Räumungsbefehls traf schon eine Kompanie Infanterie in unserem Ort ein, welche die Häuser, vorhandene Befestigungsbunker und die Gräben nur schwach besetzen konnten.

Unser Treck kam wegen des hohen Schnees erst am 27.1.45 um 8 Uhr morgens in der nur 18 km entfernten Stadt Woldenberg an. Diese städtischen Einwohner waren im Aufbruch. Tausende Menschen standen auf dem Bahnhof und hatten zum größten Teil noch Glück, mit einem der letzten überfüllten Züge fortzukommen — auch ein Teil unserer Orts­bevölkerung.

Der Rest-Treck kam mit Pferd und Wagen in der nächsten Kleinstadt, Marienwalde, abends nach den Strapazen todmüde an. Auch hier war die Bevölkerung am räumen oder schon fort. — Wir mußten einen Ruhetag einlegen wegen der Pferde, welche die vollbeladenen Treckwagen bei dem vielen Schnee nur mühsam ziehen konnten.

Während der folgenden Nacht vom 27. zum 28. Januar sah man den Feuerschein über der von uns vor wenigen Stunden verlassenen Stadt Woldenberg. Die sich schon als „befreit“ fühlenden Polen und Ausländer trieben ihr Unwesen; sie zündeten ganze Straßenzüge an. — Am Nachmittag des 28.1.1945 sah man hinten auf der Kreisstraße Panzer rollen. Durch die Entfernung konnten wir nicht erkennen, ob es deutsche oder russische Panzer waren. Wie es sich später zeigte, waren es amerikanische Panzer mit Sowjetsoldaten.

Unser Rest-Treck war in der dortigen Schule und Lehrer­wohnung untergebracht, wo wir gemeinsam die Nacht bei verschlossener Tür verbrachten. Gegen morgen des 29.1.1945 hörten wir das Gepolter der ersten Russen und die Aufforderung, die Tür aufzumachen. Wenige Sekunden später streifte die von einem Russen durch die Tür geschossene Kugel unseren Fleischer­meister und blieb im linken Schienbein stecken. (Mein Vater hat die Kugel später mit der Rasier­klinge entfernt.) Der erste Russe stand mit vorgehaltener Maschinen­pistole, dreckig, aber mit blendend­weissen Zähnen vor uns und strahlte übers ganze Gesicht. Die Russen gaben uns zu verstehen, daß sie „morgen am 30. Januar in Berlin sein wollen.“ — Dann kam das bekannte Uri, Uri, die Ausplünderung und die Vergewaltigungen der Frauen von den folgenden Truppen. In der Schulklasse vor Angst zusammen­gebrochen erlebten wir schreckliche Stunden, wo Frauen und Mädchen laufend von Russen geholt wurden.

Da dieser Ort Marienwalde ein Heerlager der Russen wurde, entschlossen wir uns, am 31.1.1945 zu unserem verlassenen Wohnort zurück­zukehren. Unser Ziegelei­besitzer besorgte von einem russischen Offizier „Durchlaß-Dokumente“ und übernahm die Rückführung. Unsere Treckwagen und Pferde waren inzwischen ausgeplündert und gestohlen. Man gab uns einen Wagen und ein abgemagertes Ersatzpferd, so waren wir froh, mit diesem dort wegzukommen. Aber die Schreckens­fahrt nahm kein Ende! Russen über Russen begegneten uns, und Frauen wurden aus dem Treck von der Straße geholt. Die gebildete Frau L. wurde zum nächsten Grundstück gezerrt, über einen Hauklotz von 18 Russen vergewaltigt. Ganz erschöpft, mit aufgelösten Haaren und zerrissener Kleidung holte sie unseren langsam weiter­ziehenden Treck ein, mit den Worten: „Wenn ich Euch jetzt nicht gefunden hätte, hätte ich mich vor den nächsten Panzer geworfen.“ Kurze Zeit später wurde unser Nachbar B., weil er keine Uhr mehr hatte, auf dem Wagen sitzend erschossen. Er fiel im Dorf Klosterfelde vom Wagen auf die Straße. Wir wurden durch Plünderungen noch mehr Sachen los und mußten sofort weiter, ohne den Erschossenen an die Seite legen zu können.

Vor dem nächsten Ort Lämmersdorf trieb man uns am Waldrand zusammen und stellte Maschinen­gewehre auf. Wir standen mit erhobenen Händen und dachten alle an unser Ende. — Hier mußte mein Vater seine fast neue, warm­gefütterte Lederjacke ausziehen, der Ortsbauernführer seine Lederstiefel, so daß er auf Strümpfen im Schnee stand. Nach abermaligem Plündern, Ringe abziehen und vielem Hin und Her zwischen berittenen russischen Offizieren, nahmen sie als Geisel unseren kräftigen älteren Oberförster. Da er Förster-Kleidung trug, riefen die Russen: „Faschist- Faschist“. Wenige Meter von uns entfernt mußte er sich an einen Baum stellen. Seine Angehörigen flehten umsonst! Nach dem ersten Kopfschuß stand Herr U., erst der zweite Schuß legte ihn um. Er lag im Schnee; uns trieb man weiter!

In diesem Ort Lammersdorf lagen unter rotgefärbtem Schnee, die Finger aus dem Schnee ragend, von Panzern überfahrene Menschen. Mit zynischem Wort „Fiemiec“ (Deutscher) zeigte man uns die „große Tat!“

Gegen Abend mußten wir an der russischen Artillerie vorbei, welche den Ort Regenthin beschoß. Die Stalinorgeln heulten! Kleine Feuer brannten, woran sich die Russen wärmten. Uns schickten sie durch lagernde Russen und Kot bis an den Waldrand, wo wir auf dem Wagen neben­einander die Nacht verbrachten. Die Kinder schrien nach Milch, wir mußten sie und unseren großen Durst mit aufgetautem Schnee stillen. Anhand des Dokumentes kamen wir am nächsten Tag weiter bis Lenzenbruck, wo wir in einer Scheune bei großem Sturm und Wetterumschlag übernachteten. Am 2.2.1945 kamen wir wieder in unserem Wohnort an und fanden einige Häusertrümmer vor. Abgebrannt waren sechs Häuser und das Strom­meister­haus mit Geräteschuppen, auch einige Ställe, auf einem Bauern­grundstück Scheune, Ställe und sämtliches Vieh. Zwei Häuser zündeten die Russen später an. — Im elterlichen Geschäft lagen 1 m hoch vernichtete Waren und Akten. Schmutziges Geschirr stand auf allen Tischen. Im Keller waren Weckgläser zerschlagen, geöffnet und angefressen. In den Fremden­zimmern waren die Betten aufgeschnitten, Federn ausgeschüttet und „Haufen“ dazwischen gesetzt. Ich hörte, daß die Russen das Inlett zum Begraben ihrer Soldaten nahmen. In den Zimmern waren sämtliche Bilder an den Wänden vernichtet oder reingeschossen.

Auf der Straße lagen zwei tote deutsche Soldaten. Neun Soldaten fand man im Wohnzimmer eines zwei km entfernten Bauernhauses erstochen in den Sesseln. Die zwei Soldaten ließ mein Vater auf dem Friedhof, die neun Soldaten im dortigen Blumengarten beerdigen. Die Namen der Soldaten hatte mein Vater notiert und die Erkennungs­marken versteckt. Durch seine Verschleppung nach Rußland ist leider alles verlorengegangen. Später fanden wir in Gräben noch vereinzelte und in der Drage zwei angeschwemmte Soldaten.

Im Ort fanden wir noch Schrot und mit Petroleum übergossenes Mehl vor, auch etwas Vieh. Durch große Sparsamkeit und Einteilung dachten wir zu überleben. Mit vorgehaltener Pistole mußte mein Vater nach Uhren und Schnaps suchen. — Im Ort wurde später grundlos ein älterer Mann erschossen. Gestorben sind während der Zeit vier Frauen und ein Kind.

Da die Russen in unserem Haus, eines der größten, ein und aus gingen, verbrachten meine Eltern, Schwester und ich die Nacht vom 13. zum 14. Februar auf einem abseits­gelegenen Grundstück. Am 14. Februar erschien morgens ein russisches Kommando und verhaftete meinen Vater, den Orts­bauern­führer, unseren Bäcker­meister und einen Gastwirt von der Straße weg. Mein Vater war im 1. Weltkrieg schwer verwundet und wie die anderen Männer u.k. gestellt. Alle Männer waren Mitte 40 bis Mitte 50 Jahre alt.

Am Ortseingang standen bereits 25 verhaftete deutsche Männer aus anderen Dörfern. Auf dem Dorfplatz vor unserer Kirche schwenkte der „Kapitän“ die eroberte Krieger­vereinfahne um sie dann mit den Worten „Heil Hitler“ zu zerstören. — Unter starker Bewachung führte man die Zivilisten durch Waldwege zu den Abbauten, wo sie noch zwei Männer aufgriffen. Dort kam der geklaute Kutschwagen des erschossenen Oberförsters hinzu. Die Männer mußten über die Ortschaften Schlittenburg, Pockrandt­teerofen, Schlanow und Rohrsdorf laufen. In Schlanow war Großfeuer und viel Militärtroß der Russen. In der dortigen Schule verbrachten die Verhafteten die schlaflose Nacht mit Vernehmungen unter besonders strenger Bewachung. Hier befanden sich schon viele Bekannte aus den umliegenden Ortschaften. Gegen Mittag etwa 100 Männer, marschierten sie nach Woldenberg in den kalten „Strafkeller“ von Zahnarzt U. Auch hier im Keller waren schon bekannte Männer aus anderen Ortschaften. Vorher wurden noch alle restlos gefilzt. Bei einer größeren Vernehmung wurde mein Vater alle Papiere los und mußte feststellen, daß der Offizier über ihn beruflich und privat gut informiert war. — Es gab zum Abend ¼ - Ltr. Wasser-Kartoffel­suppe bei einer Benzolfunzel, die schwarze Flocken abwarf. Der Wachtposten verhinderte das Sprechen untereinander!

Am 16.2.1945 mittags auf zwei LKW verladen ging es durch Kleinstädte und Ortschaften Woldenberg, Hochzeit, Zützer, Schloppe, Groß-Drensen, Deutsch-Filehne, Czarnikau, Gnesen nach Wreschen. Zützer war besonders eingeäschert. Auffallend war, daß ab Czarnikau (ehem. Korridor) nichts zerstört war. Auf dem LKW holte sich mein Vater eine starke Sehnenzerrung. Beim Krankmelden wurde er fortgetrieben mit dem Hinweis: „Willst Du nach Sibirien?“ — In Wreschen waren die Räume mit etwa 3000 deutschen Männern und Frauen überfüllt. Aus allen Landkreisen der Umgebung waren hier die Internierten. In der dortigen Kaserne hatte man die kriegs­gefangenen Franzosen untergebracht. Mitverhaftete Polen und Deutschrussen nahmen den deutschen Männern die letzten warmen Kleidungs­stücke weg. Bei der amtlichen Untersuchung wurden mehrere Männer sogar die Hosenträger los. Es war schrecklich anzusehen, daß sich Internierte tagelang die Hosen halten mußten.

Plötzlich antreten zur Abfahrt nach Rußland! Etwa 2300 Männer und 100 Frauen wurden pro Viehwaggon mit 50 bis 70 Personen vollgestopft. Die Fahrt ging am 23.2.1945 ab bis Warschau. Als Verpflegung wurden in Warschau leere deutsche Konserven­dosen in den Waggon geworfen und eine 20 Ltr. Kanne mit eiskaltem Wasser. Der Durst war unerträglich! Männer leckten den abgekratzten Reif von den Waggonwänden, bekamen ruhrartigen Durchfall, was meist zum Tode führte. Schon jeder hätte bei strenger Kälte ohne Essen gesund­heitlich gelitten.

Die Fahrt dauerte über Minsk, Moskau bis zum 6. März 1945. Südöstlich Moskau im Torfgebiet wurden sie am 8. März ausgeladen und mit Torfbahnen weiterbefördert. Tote und Kranke mußten mitgeschleppt werden. Nach Entlausungs­anstalt und Haarschur kamen sie dann truppweise im Lager 304 Sossnicki nachts zum 9.3.1945 an. In einem Raum etwa zu hundert auf kahlen Brettern dreistöckig ohne Decke untergebracht, sollte nun die Erholungs­pflege beginnen. Der Magen nahm nichts mehr an, und der einsetzende Durchfall war schrecklich. Die mit­verschleppten Ärzte waren überlastet und ohne Medikamente hilflos. Durch amtliche Untersuchung wurde die Arbeits­fähigkeit festgestellt. Die ersten Brigaden begannen nach 10 Tagen mit Waldarbeit und Vorarbeiten zur Torfgewinnung. Ab 29.3.1945 mußte mein Vater Holz fällen und Holz schleppen. Die Birken und Erlen schnitten sie in 1 m Schneehöhe ab. Als das Tauwetter einsetzte und man in den Boden einsank, war der immer wieder aufzunehmende Stamm eine furchtbar schwere Arbeit. Durch die Lebens­verhältnisse waren die Männer kraftlos. — Zu Ostern kamen 100 Männer, darunter die Orts­verschleppten, in ein Nebenlager. Der sehr kranke Orts­bauern­führer starb in dieser Nacht. Im Nebenlager waren Männer, die den Tod von anderen Bekannten mitteilten. Ein Gefangener mußte mit meinem Vater die verstorbenen Lagerinsassen zum Abfahren auf einen Wagen werfen. Bei dieser Arbeit haben sie ihre Köpfe, wegen des Verwesungs­geruchs, zur Seite drehen müssen. Am 10. April mußten 70 Internierte wieder zurück in das Hauptlager.

Ab 1. Mai wurde mein Vater durch eine Moskauer Arzt­kommission der Arbeits­brigade zugeteilt. Sie mußten Eisenrohre verlegen. Wer wegen Entkräftung zurückblieb, mußte mit Schlägen rechnen … Nach Malaria-Krankheit konnte mein Vater im September 1946 nach Deutschland zurück­kehren. Er fand seine inzwischen von den Polen vertriebene Familie über Berliner-Verwandte in Schleswig-Holstein wieder. Die meisten der Verschleppten haben nicht überlebt. Er hatte nun die Aufgabe, so weit bekannt, die Angehörigen über den Tod der Männer zu benachrichtigen und dieses auf den Ämtern wegen der Witwen­rente zu beeiden.

Zurück zum Februar 1945 !

Wir waren noch 50 bis 60 Deutsche im Heimatort und völlig von der Welt abgeschnitten. Hörten und wußten nichts mehr von der politischen Lage und Frontverlauf. Hatten kein Radio, keine Zeitung, keine Post, keinen Arzt, keine Medikamente, keinen Pfarrer, keine Uhr, überhaupt nichts! Die Tage zählten wir einfach weiter. Die Sonne gab uns die Uhrzeit. Bei der Feldarbeit stellten wir einen Spaten hin und konnten uns nach dem Schatten richten. Dieses hatten wir so gut raus, daß die Uhrzeit fast genau hinhaute. Bei der Feldarbeit erfuhren wir auch von den Russen, daß Roosevelt im April gestorben sei. Am 8. Mai 1945 hieß es: „Nix Rabota, Woina kaputt“ — „Nicht arbeiten, der Krieg ist aus.“ Aus Angst zogen wir grüppchenweise zusammen. Meine Mutter, Schwester und ich wohnten mit 15 bis 20 Personen im benachbarten Bauernhaus. Im großen Zimmer, die Matratzen auf dem Fußboden neben­einander­gelegt, schliefen wir in Kleidung, immer sprung­bereit wegen Russenbesuch. Sämtliche Schlüssel waren verschwunden, deshalb stellten wir nachts mehrere Stühle vor die Tür, so daß wir wegen der Zeit­verzögerung durch andere Innentüren fliehen konnten. — Einmal gelang es mir nicht mehr fort­zukommen; es standen zwei Russen vor uns. Der eine war ein kräftiger Mongole mit einem Filzstiefel und einem Lederstiefel. Sie suchten und sprachen miteinander ihr Vorhaben ab. Ein neben mir liegender 15 jähriger Junge aus dem Warthegau, der sich uns angeschlossen hatte und etwas polnisch verstand, sagte leise zu mir: „Du kommst dran!“ Wie von einer Wespe gestochen schnellte ich hoch und war zur nächsten Tür raus. Die Russen schimpften und würden mich erschiessen. Doch ich war längst im Heu verkrochen und mußte stundenlang ausharren. Tatsächlich kamen beide am Nachmittag wieder, holten zwei Ziegen aus dem Stall, schnitten diesen den Hals durch und fingen das Blut auf. Die toten Tiere ließen sie liegen und hauten ab. Vom Heustall aus, durch kaputte Dachziegel, konnte ich dieses beobachten.

Ich war damals 19-jährig; so hielt ich mich am Tage, auch oft nachts den ganzen Februar/März in Verstecken und im Wald auf. Im Wald war man vor Russen sicherer, da sie selbst Angst vor versprengten deutschen Soldaten hatten. Was auch vereinzelt der Fall war. Um die etwa 30 km entfernte Stadt Arnswalde wurde noch drei Wochen lang gekämpft. Wir hörten das Donnern der Geschütze. Aber die Hoffnung, von unseren Soldaten noch einmal befreit zu werden, mußten wir aufgeben.

Auf Veranlassung der Russen sollten wir in den leer­stehenden Häusern die schrecklich durch­wühlten Zimmer aufräumen. Dabei stieß ich auf einen toten Hund in der Kommode. Oder man mußte mit anderen unangenehmen Dingen rechnen. — Bei uns im Haus wurde der große polierte Eßzimmertisch auf den Balkon in den Regen gestellt. Die Ledersitze von den Stühlen wurden mit dem Seitenmesser (Dolch) aufgeschlitzt und die Stühle aus dem Fenster geworfen. Dieses waren „Arbeiten“ der Russen. Ende März maßten wir mit der Feldarbeit beginnen, erst unter Russen, später unter Polen. Ein sich selbst zum „Bürgermeister“ ernannter Pole ließ uns morgens vor der Kirche antreten und teilte die 12-Stunden-Tagesarbeit ein. Wir mußten mit dem Spaten große Felder umgraben, Dung streuen, Kartoffel pflanzen, später die Roggenernte und im Herbst die Kartoffelernte. — Dieser Pole kam 1939 als Soldat in deutsche Gefangenschaft und arbeitete, bis die Russen kamen, als freier Waldarbeiter bei uns in einer Försterei. Daher hatte er etwas Deutsch­kenntnisse und kannte auch einige Leute im Ort. Ganz bestimmt kannte er durch das Geschäft auch unsere Familie. Denn er unterhielt sich mit meiner Mutter, und irgendwie bevorzugte er mich. Gab mir manchmal Zeichen, wenn Russen kamen oder ähnliches. Dieser „Bürger­meister Miszczak“ (gesprochen Mischak) quartierte sich in meinem Elternhaus, oben in einem der Fremdenzimmer ein. Unten zog ein Pole mit Frau und achtjähringer Tochter ein. Diese kamen mit einem großen Leiterwagen voll geklauter Wäsche, Betten und Koffern an. Diese Wäsche habe ich in großen Zinkwannen tagelang mit den Händen waschen müssen. Ich „durfte“ auch in unserem Haus für die Polen putzen und bekam dafür zwei mal Mittagessen.

Ich durfte sogar für die „Deutschen Feldarbeiter“ die große Mehlration pro Tag 100 gr. mal Arbeitstage ausrechnen und mit dem „Bürger­meister“ diese geringe Mehlmenge abwiegen und ausgeben. Mehl gab es nur einmal, ansonsten gab es für deutsche Arbeiter überhaupt nichts. Alte Leute und Kinder, die nicht arbeiteten, bekamen auch keine 100 gr. Mehl. Alle lebten von den, Gottseidank, reichlich vorhandenen Kartoffeln und gesammelten Pilzen. Speck und Schmalz, was wir unter Feldsteinen versteckt oder eingegraben hatten, wurde meistens gefunden und von den Polen weggenommen. Die Polen hatten lange Metallstäbe, mit diesen tasteten und stachen sie in die Erde, in Holzschuppen und Scheunen, und fanden so das letzte von Deutschen versteckte Hab und Gut.

Es kamen auch oft polnische Soldaten, die deutsche Frauen und Mädchen zum Vergewaltigen suchten. Einmal war ich mit einem Mädchen auf der Straße, plötzlich liefen polnische Soldaten auf uns zu. In Panik rannten wir zu einem Kutschwagen auf dem drei Russen saßen und baten um Schutz. So wurden polnische Soldaten von russischen Soldaten fortgetrieben. Von einem polnischen Soldaten wurde der Stiefel­absatz einer jungen hoch­schwangeren Frau in den Bauch getreten, mit den Worten: „Im Bauch ist ein Nazi!“ Das Kind starb gleich nach der Geburt.

Ein stark betrunkener Pole kam eines Tages mit Wagen und zwei vorge­spannten Pferden. Er schlug auf die Tiere ein wie ein Verrückter und schrie: „Wo ist B....? Wo ist B....?“ Es war offensichtlich, daß er diesen totschlagen wollte. Aber Bauer B..., bei dem er vorher als Knecht arbeitete, war rechtzeitig fortgekommen.

Ein polnischer Zivilist sprach mich mal an: „Ach Sie sind es, die mir damals keine Zigaretten verkauft haben?“ Ich antwortete ihm: „Wenn Sie eine Raucher­karte hatten, dann haben Sie auch Zigaretten bekommen, ohne Karte bekam niemand welche.“

Man mußte sich nur wundern, wie Polen die Deutschen schon vorher ausspioniert und beobachtet haben, auch alles wußten. So war es auch mit den Russen; die wußten genau, welche Tochter zu welcher Mutter gehörte. Ich nehme an, das wurde in deren Quartier abends besprochen, wieviel Mädchen und Frauen in welchem Dorf wohnen und zu suchen sind.

In den ersten Monaten wurden oft Viehherden durch unseren Ort in Richtung Osten getrieben. Es waren jedesmal so ca. 100 Kühe, die von jungen russischen Frauen in Uniform mit Pistole oder Maschinen­pistole, weitergetrieben wurden. (Wir nannten sie Flinten­weiber). Diese Rind­viecher waren Kriegsbeute der Russen aus den überrannten deutschen Gebieten.

Nach Kriegsschluß, d.h. nach dem 8. Mai, kamen vereinzelte oder zu zweit und dritt deutsche Soldaten vorbei, die im Westen der Gefangen­schaft entkommen sind. Sie wollten nach Hause in ihre Heimat Ostpreußen. Diese armen Soldaten sind bestimmt nicht weit gekommen, und so manch einer ist dann in Sibirien gelandet, wenn er nicht schon vorher umgekommen war.

Da ich klein und flink war, habe ich bewußt, um noch kindlicher zu wirken, meine nacken­langen Haare (man trug während des Krieges die Olympiarolle) zu 2 kurzen Zöpfen geflochten, so daß diese an den Ohren seitlich abstanden wie bei „Klein-Erna.“ So schätzte man mich auf 15 Jahre, aber kein Alter hielt die Russen zurück. Eines Tages war ich doch überrascht als bei der Roggenernte zwei Russen erschienen. Der eine sagte zu mir in gebrochenem Deutsch „Du, Du bist ..., Du bist ich weiß nicht wie auf deutsch heißt, Du bist ... Jung ..., Jung..., Jungvieh (er meinte Jungfer) und Ma... ist Kurwa!“ (Hure).

Er zeigte mir, wie man den Roggen, welcher von zwei alten Männern mit der Sense gemäht wurde, in Garben bindet und knallte mit der Maschinen­pistole vor Langeweile in der Gegend umher. — Plötzlich griff er in seine Hosentasche, holte eine Handvoll buntes Papier vor und sagte zu mir: „Hier hast Alliierten­geld!“ Ich wußte zwar nicht, was ich mit den bunten Scheinen anfangen sollte; um ihn nicht zu verärgern nahm ich die Scheine ab. Später nach der Vertreibung bekamen wir unterwegs ein Weißbrot dafür. — Dieser Russe war in deutscher Gefangen­schaft in Schlesien, wie er mir erzählte. Er hatte also schon „Kultura!“

Schon Anfang Juli hörten wir von Ausweisungen der Deutschen aus den Nachbar­orten. Daraufhin gingen wir freiwillig zum Bahnhof nach Kreuz um „abzuhauen.“ Aber als wir die überfüllten Russenzüge sahen, kehrten wir um. Nein, so einfach wollten wir es den Russen bestimmt nicht machen. Denn zwei Wörter „Frau komm“ konnten sie alle sprechen.

Im August bekam meine Mutter vom Graben eine sehr schlimme, ganz dicke vereiterte Hand. Der polnische „Bürger­meister Mischak“ nahm Pferd und Wagen und fuhr mit ihr in die Stadt zu einem polnischen Arzt. Aber dieser konnte nicht helfen, er hatte keine Medikamente. Mit einer Bescheinigung vom „Bürger­meister M.“ durften sie und noch eine kranke Frau nach Berlin fahren. Meine Schwester und ich durften nicht mit; er behielt uns als Pfand, so daß meine Mutter wieder zurückkommen mußte. — Unterwegs haben beide Frauen in und auf den Zügen viel erlebt, es wurde nur gestohlen, sogar die Schuhe von den Füßen. Überwiegend saßen sie auf dem Dach des Zuges und mußten ihre Köpfe einziehen, wenn es unter Brücken durchging.

In Berlin wurde die Hand von einer Ärztin gesäubert, gebadet, behandelt und mit frischen Papier­binden versehen. Anderes Verbandszeug gab es zu dieser Zeit auch in Berlin nicht.

Noch Anfang November 1945 mußten Frauen und Mädchen in dem 10 km entfernten Ort Merenthin die letzten Kartoffeln für die Polen aus der Erde nehmen. Der polnische Bürger­meister M. brachte alle dorthin. Mich bevorzugte er wieder und brachte mich zu einer polnischen Familie zum Wäsche­bügeln. Dort ging es mir miserabel, endlich ein gedeckter Tisch, und ich konnte, weil es mir elend und schlecht war, nichts essen. Ich merkte — aber ahnte es nicht — was die fürchterliche Schwere — und die Schmerzen im Hinterkopf zu bedeuten hatten. Wie von einem fünf Kilo Gewicht gezogen fiel mein Kopf nach hinten. In der kommenden Nacht setzten Fieber und ruhrartiger Durchfall ein. Mit Pferd- und Ackerwagen wurde ich den nächsten Tag zu meiner Mutter zurückgebracht.

Am 19.1.1945 hieß es: „Innerhalb zwei Stunden alle Deutschen raus!“ Der „Bürger­meister“ informierte vorher spät abends nur meine Mutter, daß sie mich Schwer­kranke anziehen konnte. Dafür wurde Mischak von anderen Polen grün und blau geschlagen und hatte am nächsten Tag einen verbundenen Kopf.

Die Deutschen nahmen ihr wenig verbliebenes Handgepäck und mußten sich auf dem Dorfplatz sammeln. Unsere Nachbarin und Hof­besitzerin lief noch einmal zurück, um ihren Mantel zu holen. Schon waren Polen dort und trieben sie mit der Peitsche aus dem Haus. Ich lag auf dem Dorfplatz mit Typhus und hohem Fieber, bekam aber mit, daß unsere Fleischer­frau zu meiner Mutter sagte: „Lassen Sie Ihre Tochter doch zu Hause sterben.“

Ein kleiner Kastenwagen und ein abgemagerter Gaul wurden zum Transport für Kranke und Alte zur Verfügung gestellt. Alle anderen mußten Tag und Nacht auf schlechten Straßen ungefähr 30 bis 40 km zum Kreis­stadt­bahnhof laufen. Von polnischen Jugendlichen begleitet, nahmen diese unterwegs das Letzte weg. Nach einer auf dem Bahnhof Friedeberg verbrachten Nacht, wo es fürchterlich zog, kamen wir in einen Zug, der in Richtung Küstrin fuhr. Unterwegs wurde oft gehalten. Ich weiß nicht, ob es einen oder mehrere Tage dauerte, bis wir in Küstrin ankamen. Während des Haltens konnte meine Schwester das vorher erwähnte Weißbrot kaufen. Ich bekam keinen Bissen vom Weißbrot runter, mein Mund und Rachen waren innen wund und voller kleiner Bläschen. In Küstrin kamen wir in eine ehemalige Kaserne, wo schon tausende von Vertriebenen waren und starben. Die Menschen durch­wühlten die Mülltonnen nach etwas Eßbarem und stritten sich um gefundene Kartoffelschalen. - Zu den Leib­läusen vom Russen kamen jetzt Kopfläuse und Wanzen hinzu. Frauen saßen in der Sonne und kämmten sich die Läuse in den Schoß.

Mein Gesundheits­zustand verschlechterte sich so sehr, daß mich meine Mutter in ein „Kranken­haus“ tragen ließ. In diesem Kasernen­trakt waren die Bett­gestelle mit Stroh­säcken übereinander. Ich war so schwach, daß ich nicht allein ins Bett kam, ins obere „Bett“ schon gar nicht. Einen Arzt und Medikamente habe ich hier nie gesehen. — Meine Mutter gab mir Cognac, den sie in einem kleinen Fläschchen am Leibe trug. Sie sagte immer und meinte es bis zu ihrem Tode, daß nur der Cognac mich gerettet hätte. — Dieser Kasernen­trakt hatte nur einen Vorteil; manchmal bekamen die Kranken dünne Suppe zum Essen. In der Ecke stand ein größerer Topf, vielleicht ein ehemaliges Sauer­krautfaß , wo alle Kranken reinmachten. Ich kann mich nicht erinnern, daß der Topf einmal geleert wurde. In meinem „Bett“ und an den Wänden krochen die Wanzen und übertrugen mir die Krätze, von der ich dann zusätzlich geplagt wurde. — Da ich meist hohes Fieber hatte, weiß ich nur, daß ein 14-jähriges Mädchen aus Ost­preußen im Nachbar­bett gestorben ist. Sie hatte vorher fürchterlich gejammert und phantasiert. Gegenüber starb eine junge Frau, die vier kleine Kinder und den Opa zurückließ. Der Mann und Vater der Kinder war Soldat an der Ostfront. - Die Toten kamen in ein großes Massengrab, das auf dem Kasernen­hof ausge­schaufelt war. Hier ruhen unzählige namenlose Tote! Die zwölf Tage Küstrin waren eine sehr schlimme Zeit!

Ab Küstrin ging es über die Oder nach Mecklenburg, was zwei bis drei Tage dauerte. Der alte Zug hielt laufend. Die Leute mußten raus zum Holz­sammeln, daß die Lokomotive wieder geheizt werden und weiter­fahren konnte. Die im Zug verstorbenen Menschen konnten von den Angehörigen nur an den Bahndamm gelegt werden. Eine tote Oma kam in einen leeren Kartoffel­sack und wurde mit­geschleppt.

Am 6.12.45 landeten wir in Buggow/Mecklenburg. Alle mußten die erste Nacht im Schweinestall eines großen Gutshauses verbringen. (Tiere waren nicht mehr dort.) Nur mich brachte meine Mutter zum dortigen Bürger­meister und Bauern, dem nichts übrigblieb als mich die Nacht dazu­behalten. Am nächsten Morgen kroch eine Leiblaus von mir auf dem Bettlaken, aber ich war viel zu krank und teil­nahmelos, um diese tot­zudrücken. — Das Gutshaus war mit Flüchtlingen voll belegt, der Besitzer vor den Russen geflüchtet. Am nächsten Tag kamen wir zu viert, meine Mutter, Schwester, ich und eine Frau, deren Mann beim Treck unterwegs erschossen wurde, in ein kleines Zimmer auf Strohlager. Erstmal waren wir glücklich über das schmale Zimmer! Leere verrostete Konserven­dosen dienten uns als Nachttopf. Der „Donner­balken“ für hunderte von Flüchtlingen war weit über dem Gutshof hinweg ausgehoben. — Zum Essen­kochen mußten die Frauen anstehen, bis Herd und Kochtopf frei wurden. Wir hatten nur Möhren, Kartoffeln und Wasser. Kein Salz, kein Zucker und erst recht kein Fett. Der Körper nahm nichts mehr an und selten erreichte noch einer den „Donner­balken“. Meine Schwester ging bei Kälte und Schnee 8 km weit, um zwei Pfund Schwarzbrot zu kaufen. Sie strickte Pullover aus Sackgarn für zwei Pfund Brot. Im Ort bettelte sie nach Salz, meist vergeblich, die dortigen Bewohner rückten nichts raus. Meine Mutter lief jeden Morgen zu einem Bauern und kochte dort wegen Brotmangel geriebene Kartoffeln mit Wasser. Dieser glasige Brei schmeckte scheußlich, weil Salz, Zucker und Fett fehlten. Einmal wurde ein Pferd notgeschlachtet; für uns war es ein Festtag. Wir bekamen etwas Pferde­fleisch. Die davon gemachten ungewürzten Frikadellen wurden eingeteilt und mußten für uns vier lange reichen.

Inzwischen hatten wir auch alle vier die Krätze. Jeden Tag zur Abend­dämmerung ging die Plage mit der Juckerei los. Aus Ver­zweiflung schmierten wir unseren Urin über die aufge­kratzten Körper, was fürchter­lich brannte, aber für kurze Zeit Linderung brachte. Mein schrecklicher Husten schallte nachts durch das ganze Gutshaus. An einen Arzt und an Medikamente war auch hier nicht zu denken. Viele ostpreußische Flüchtlings­kinder starben in diesem großen Gutshaus.

Ende Januar 1946 kam der große Augenblick, wo es hieß: Wer eine Adresse in der britischen Zone angeben kann, darf in den Westen. So geschah das Wunder, daß wir vom Lager Greifswald aus zum Lager Friedland kamen. In Friedland verbrachten wir eine Nacht in Well­blech­baracken. Der Boden war aufgeweicht und schlammig. Da ich nur Haus­schuhe besaß, mußte mir jemand Holz­pantoffel leihen, damit ich durch den Schlamm waten konnte. Am nächsten Abend fuhren wir mit der Bahn zum Lager Bad Segeberg. Im Zug waren alle Fenster kaputt, es zog fürchterlich. Im Lager Bad Segeberg wurden die Flüchtlinge auf kleine Ortschaften in Schleswig-Holstein verteilt. Mit Lastauto in das 130 Einwohner­dorf gebracht, lieh mir der dortige Polizist seine Schuhe, so daß ich durch die Regen­pfützen zum Quartier laufen konnte. So kamen wir am 2.2.1946 in einem kleinen Zimmer bei einem Bauern unter. Wenige Tage später suchten wir in Bad Segeberg das Influx-Krankenhaus auf und wurden vom Hals bis zu den Zehenspitzen wegen der Krätze „eingekalkt“. Dort bekamen wir endlich Milchbrei zum Essen. Seitdem ging es mir gesundheit­lich etwas besser, auch der Haar­ausfall hörte langsam auf.

Im September 1946 kam mein Vater aus Rußland, zerlumpt, abgemagert und fast zahnlos zurück. Aber der dortige Bauer hatte für einen Rußland-Heimkehrer keinen Liter Milch übrig obwohl im Stall fast 20 Kühe standen. Wir kratzten vor Hunger bald den Boden aus unserem Alu-Kochtopf. Die fetten Brat­kartoffeln auf dem Nebentisch durften wir nur sehen.

Mit Arbeitsplätzen sah es dort sehr schlecht aus, weil wenig Industrie und Schleswig-Holstein mit Flüchtlingen aus dem Osten überfüllt war. — Deshalb meldeten wir uns später in Bad Segeberg zur Umsiedlung an. So landeten wir am 17.9.1952 in Baden-Württemberg. Von der hiesigen Gemeinde bekamen wir zwei einfache Holzbetten und einen zweitürigen Schrank. Der aus einem Stahlhelm geformte Kochtopf mußte die erste Zeit auch hier noch Verwendung finden. Es fehlte alles!  Erst so nach und nach konnten wir uns Geschirr und Möbel kaufen. Kleider- und Schuhkauf mußte vorerst zurückgestellt werden. — Schon ab 1.10.52 bekam ich eine Arbeits­stelle und verdiente monatlich 187,– DM netto (222,– DM brutto). Weil ich nun der Verdiener war, bekam mein Vater wöchentlich ganze 7,– DM Stempelgeld für sich und meine Mutter zum Leben, zur Hausrat­anschaffung, Miete usw. — Mit 57 Jahren fand auch mein Vater noch Arbeit. Wir haben gespart, eingeteilt und in wenigen Jahren hatten wir es geschafft.

Noch einmal zurück zum Heimatort 1945!

Das Verstecken der Mädchen und Frauen vor den Russen ging nicht immer glatt. So möchte ich noch einen Teil der Einzel-Erlebnisse schildern:
Eines Tages im Februar 1945 hielten sich, wie so oft Russen im Ort auf. Ich hatte Glück, rechtzeitig eine kleine Scheune zu finden, wo ich die Nacht verbrachte. Als der Tag anbrach, hat mich irgendwie meine damals 15 jährige Schwester gefunden und berichtete, daß die Russen noch immer da sind. — Wir kletterten gemeinsam in die äußerste Giebelspitze, direkt unter die Dachsteine ins Heu. Es dauerte nicht lange, da hörten wir Russen, die Frauen und Mädchen auf dem Nachbar­grundstück suchten. Die dort wohnende ältere Frau wimmelte die Russen ab, indem sie sagte: „Geht doch in die Scheune, geht doch in die Scheune.“ Es war unser Glück, daß die Russen das „Wort Scheune“ nicht verstanden haben. — Ein zehnjäriger Junge, für den es ein Abenteuer war, rief: „Steckt doch die Scheune an, steckt doch die Scheune an!“ — Wir konnten alles deutlich hören. — Es dauerte nicht lange, da merkten wir, daß das Wohnhaus zu dem die Scheune gehörte, brannte. Die Russen hielten sich noch lange auf, liefen umher und hatten ihre Freude an den Flammen des angezündeten Wohnhauses. — Plötzlich ging die Scheunentür auf und mehrere Schüsse knallten nur ganz wenige Zentimeter an unseren Köpfen vorbei. Die Dachziegel über uns gingen in Stücke, meine Schwester weinte, ich hielt ihr den Mund zu und dachte: „Nur jetzt nicht selbst verraten!“ Aber diese schreckliche Angst dabei! —Als sich die Russen verzogen hatten, fühlten wir uns wie neu geboren, und in Sekundenschnelle waren wir aus der Scheune raus.

Einmal versteckte ich mich auf dem Friedhof. Ein Russe kam und entdeckte mich. Ich lief, was ich konnte, er lief hinterher. Dabei dachte ich: „Wenn der jetzt schießt?“ Ich rannte noch schneller, bog auf den nächsten Hof, durch Zäune, über Zäune, den über­nächsten Hof, ich hatte ihn „abgehängt“. Ich keuchte, mein Herz raste, und ich hatte mal wieder Glück!

Ein anderes Mal versteckte ich mich bei unserem Nachbarn, der wie ich schon erwähnte, einen großen Bauernhof hatte und über dessen Stallungen das Heu lagerte. Im Heu hatten wir uns Kriech­löcher gemacht, wo wir einige Meter reinkriechen konnten. Auf einmal kamen fünf polnische Soldaten hoch. Einer davon vergewaltigte die 16 jährige E. direkt vor meinem Heueingang. Die anderen Soldaten durchsuchten den Heustall weiter hinten. Danach fing der Ersterwähnte an, mit seiner Gewehrspitze, es war eine Metallspitze, die mit am Gewehr war, ins Heu hineinzustechen. Ich merkte, daß er mit der Spitze schon ganz in meiner Nähe war. Vielleicht hat auch er etwas gemerkt, denn er lief nach hinten, um Kameraden­hilfe zu holen. Diesen Augenblick nutzte ich, rannte zum Giebel des Stalles und sprang von oben aus der Heuluke in den Hof. Mein Knöchel schmerzte, rannte weiter, ich schaute mich nur einmal kurz um, sah die fünf Soldaten­gesichter in der Heuluke, aber keiner getraute sich nachzuspringen.

Zu der polnischen Familie in unserem Haus kamen abends oft russische Offiziere und Soldaten. Die Polenfrau Ozesna (Stesna) mußte für sie kochen, und angeblich „zum Servieren“ brauchten sie deutsche Mädchen. Die aufgeweckte achjährige. Tochter Baseha (Barbara) konnte fließend deutsch sprechen und war meistens die „Dolmetscherin.“ Die Hauptnahrungsmittel der Russen waren Brot, Speck, Zwiebeln und Wodka

Eines Abends waren meine Schwester und ich oben im Zimmer beim polnischen Bürger­meister M., der uns wegen der Russen im Kleider­schrank versteckte, abschloß und den Schlüssel in der Hosentasche trug. — Später kam ein russischer Offizier von unten rauf, unterhielt sich vielleicht 10 Minuten mit dem Polen, was wir natürlich nicht verstanden haben. Auf einmal klopfte der Russe an die Schranktür und sagte auf deutsch: —“Fräulein sprechen Sie russisch?“— Als wir das hörten, sind wir im Schrank vor Angst fast gestorben. Ich nehme an, daß wir von der Polenfrau an den Russen verraten waren. —Jedenfalls konnte der Pole den Russen vertrösten und runterschicken. Schloß danach den Schrank auf und sagte zu uns: „Der Russe verlangt, daß ich die Mädchen rausgebe. Also, eine muß runter!“ Dann ist meine Schwester gegangen! Unten waren schon zwei deutsche Mädchen, die den Russen das Essen servierten und Wodka trinken mußten. — Als es später gefährlich wurde, konnten die Mädchen mit Hindernissen an russischen Posten vorbei, aber noch rechtzeitig über den Hof und durch das Stallfenster türmen.

Die Nacht vom 15. zum 16. März 1945 werde ich nie vergessen. Meine Schwester und ich hielten uns stundenlang im Wald auf. Gegen Abend schlichen wir zurück und hörten unsere Mutter weinen. Sie wurde von zwei Russen schikaniert, sie solle die Mädchen rausgeben. So hatten wir keine andere Wahl, als mitzugehen. In dem kleinen Ein­familien­haus waren in den unteren Räumen Russen mit deutschen Mädchen und Frauen. Der sehr junge Russe (ca. 17 Jahre) und der Dickere gingen mit uns nach oben ins Zimmer. Hier zerlegte der junge Russe mit seinen schwarz­schmutzigen Fingern ein gekochtes Huhn. Wir sollten essen und trinken. Als wir das sahen, waren wir schon satt! Dann forderte er mich auf, daß ich mich ausziehen sollte. — Ich legte ganz langsam den Mantel ab und stellte mich stur. Dabei dachte ich: „Wie kommst Du hier nur fort?“ Na, hast ja noch eine lange Trainings­hose und drei Schlüpfer an. — Inzwischen legte er den Dolch an das Kopfende des Bettes und forderte mich wieder auf. Ich zog recht langsam die Schuhe aus. Aber das ging ihm nicht schnell genug, er riß mir die Trainings­hose runter. Dann warf er mich aufs Bett!

Ich wehrte mich mit Händen, Schultern und Füßen. Er zeigte mir den Dolch! Ich sagte zu ihm, er solle mich lieber erstechen. Da horchte er auf, schüttelte mich vor Wut und fluchte, fluchte. Weil halb betrunken, schlief er bald ein. — Ich aber überlegte: „Springst aus dem Fenster? Nein, das geht nicht!“ — Nach ein paar Stunden begann der Kampf von neuem. Wieder zeigte er auf den Dolch, und wieder sagte ich, er soll doch stechen. — Dann drückte er mich aufs Bett, ich preßte die Beine über­einander und machte mich ganz steif. Vor Wut zerriß er mir alle drei Schlüpfer! Doch ich besaß den Mut und sagte, daß ich ihn beim Offizier auf der „Kommandatura“ melden werde. Er horchte auf, schüttelte mich wieder, schimpfte, fluchte und ließ mich plötzlich in Ruhe.

So langsam wurde es draußen hell. Da fiel mir etwas anderes ein. Ich mußte mal austreten! Durch zeigen, daß ich meinen Mantel, Schal, Handschuhe, Trainings­hose alles zurückließ, glaubte er an mein Wiederkommen. Ich schlich die Treppe runter, unten schliefen alle. Jetzt wohin? Wohin? Ich rannte was ich konnte die Straße hoch, und schon war ich im Wald. Schlug eine Richtung ein, die außerhalb des Ortes führte. Der Märzmorgen war kalt, ich war nur halb angezogen. Doch nach kurzer Zeit hatte ich außer­gewöhnliches Glück, ich fand im Wald deutsches Soldaten­gepäck und nahm mir davon die Decke. Einige Zeit später sah ich am Hauptweg zwei Männer mit Hunden laufen, ich warf mich auf den Waldboden und tarnte mich mit der Decke. Ob die mich suchten oder zufällig dort gingen, konnte ich nie erfahren. Jeden­falls auf vielen, vielen Umwegen kam ich erst gegen Mittag wohl­behalten zurück. Die russischen Fronten-Bummler waren inzwischen von einem Offizier fortgeschickt. Bei Dunkelheit lief ich abends immer durch den großen Gemüse­garten bis zur Grenzmauer unseres Grundstücks. Dort schaute ich rüber — ob die „Luft rein war“, d.h. ob keine Russen in unserem Haus bzw. im Ort sind. Einmal bin ich dabei fast auf einen Russen getreten, der lang aus­gestreckt in einer Kartoffel­furche lag. Ich weiß nicht, wie schnell ich aus dem Garten raus war. Dieser „Iwan“ versteckte sich vor russischen Offizieren, um nicht an die Front geschickt zu werden. Der Viktor drückte sich schon tagelang bei uns rum, war aber ausnahms­weise für Mädchen und Frauen harmlos.

Im August 45, als meine Mutter wegen der schlimmen Hand in Berlin war, war ich in unserem Haus, im Zimmer beim polnischen Bürger­meister. Plötzlich trat ein russischer Offizier ein, groß und stark, ein Brocken von Mann. Nach kurzer Verständigung ging der Pole raus. Der Russe packte mich und warf mich aufs Bett. Ich wehrte mich mit Händen, Füßen und sämtlichen Gelenken. Ich entwischte ihm, heulte, rannte zur Tür, doch diese war verschlossen. Dann wollte ich durch das Fenster springen — doch der „Klotz“ stand vor mir — schlug mich mit seiner breiten „Tatze“ mitten ins Gesicht. Mit diesem Schlag flog ich drei Meter weiter, Nase und Lippe bluteten, und die Tränen liefen. Daraufhin verließ er, Gottseidank, das Zimmer.

Bei den Bestien, ob Russen oder Polen, gab es kaum einen Unterschied, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen. — So habe ich durch meinen Mut oft das Leben riskiert. Im Traum verfolgten sie mich noch 10 bis 15 Jahre später! — Durch die täglichen Ängste und Aufregungen hatte man kein Hunger­gefühl mehr. Bei den Frauen und Mädchen blieb monate­lang die Periode weg. Durch den anhaltenden Streß reagierte der menschliche Körper nicht mehr normal.

Durch den Krieg verlor ich mein Elternhaus, unsere Grundstücke und meine deutsche Heimat. Mein einziger Bruder und zwei Vettern von mir, einzige Söhne, sind gefallen. In den letzten Kriegs­tagen fielen noch zwei Onkel in Berlin. Eine Tante nahm sich wegen der Verge­waltigungen mit ihrem jüngsten Kind das Leben. Von einem Russen wurde meine Großmutter durch den Arm geschossen. Sie starb 72-jährig nach der Vertreibung an Entkräftung und kam kurz vor Berlin in ein Massengrab. Tausende deutscher Menschen im Osten haben Ähnliches erlebt. Doch selten spricht jemand darüber, weil Leute, die dieses nicht erlebten, es nicht glauben und nicht hören wollen.

Als ich nach Jahren in die deutsche Heimat fuhr, war ich bitter enttäuscht. Die meisten der Häuser und ganze Bauernhöfe sind verschwunden. Wie ich hörte, wurden die Steine in Richtung Warschau abtransportiert. Die wenigen noch vor­handenen Häuser sind von Polen bewohnt und dem Verfall nahe. — Unser Friedhof gleicht einem Urwald. Die Grabsteine sind umgeworfen und zertrümmert, sogar Gräber geöffnet. Ein deutscher Name durfte und darf nirgends mehr erscheinen. — Unsere alte Fachwerk-Kirche ist zusammen­gestürzt. — Die Drage, einst sauber mit starker Strömung und Holzfloß­betrieb, wo die Strom­meisterei für den Uferschutz sorgte ist längst versandet und von beiden Seiten mehrere Meter zugewachsen. In der Schule lernten wir damals: Die Drage fließt bei Driesen-Vordamm in die Netze, die Netze bei Landsberg-Zantoch in die Warthe, die Warthe bei Küstrin in die Oder.

Beruhigend war dort nur das viele satte Grün und das Rauschen der Wälder.

So wurden Millionen Deutsche befreit

Wann wird Deutschland einmal von den „Befreiern“ befreit sein?

Unterschriftskürzel
Nachtrag in Ausgabe 97: → Bilder aus Friedrichsdorf (Neumark)

UDH Nr. 96

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