BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 98  ¦  September – Dezember 2011


Meine Erinnerungen —
an das Kriegsende 1945 und den Todesmarsch durch Prag mit anschließender einjähriger Gefangen­schaft bei den Tschechen.

Seit Wochen hörten wir den Geschütz­donner der Front. Die Festung Breslau war schon am 6. Mai 1945 gefallen — General­feld­marschall Schörner konnte die Front nicht mehr halten. Es kam der Aufruf, daß sich Frauen, Kinder und Greise in Sicherheit bringen sollten. Für meine Mutter mit sechs Kindern (Familie Reinelt, Schlageter- bzw. Karlsplatz 5, Habelsch­werdt) war das keine Kleinigkeit. Von meinem Vater hatten wir schon einige Zeit keine Post mehr aus Rußland bekommen. Wir entschlossen uns zur Flucht. Mutter und ich packten eine ganze Nacht, jedem einen Rucksack mit dem Nötigsten für unterwegs, außerdem Koffer mit Wertsachen, Kleidung usw.

Am Morgen des 7. Mai 1945 holte ich mir am Rathaus noch einmal Informationen über die Lage der Front. Die Situation sah nicht gut aus und man riet uns, uns am Nachmittag mit unserem Gepäck beim Landratsamt einzufinden. Es war damit zu rechnen, daß wir den Russen in die Hände fallen. Deshalb klärte Mutter uns drei Schwestern (16, 14 und 12 Jahre) über Verge­waltigungen auf. Für uns war das ein Schock. Nach einem letzten gemeinsamen Essen in der Heimat luden wir unser Gepäck auf einen Handwagen und setzten uns in Richtung Sammelstelle in Bewegung. Die Ein­quartierung aus Oberschlesien (vier Frauen und ein Kind) blieb in unserer Wohnung zurück. Aus unserem Haus ging Familie Müller mit uns, eine Kollegenfrau mit vier kleinen Kindern und einer über 70jährigen Großmutter. Also waren wir eine Gruppe von zwei Müttern, zehn Kindern und einer Großmutter. Bis zum Schluß (März 1946) blieben wir zusammen.

Es verging einige Zeit und dämmerte schon, als endlich ein paar Last­kraftwagen für uns aufge­trieben waren. In der Ferne erklang das Lied „Kehr ich einst zur Heimat wieder“, gesungen von einer Gruppe, die sich zu Fuß auf den Weg machte. Es war eine eigenartige, gedrückte Stimmung — gingen wir doch einer ungewissen Zukunft entgegen.

Ein Fluchtweg war nur noch über das Sudetenland offen, was uns zum Verhängnis werden sollte. In den Morgenstunden des 8. Mai 1945 erreichten wir Adersbach und Weckels­dorf, wo uns die Bauersfrauen reichlich mit Milch versorgten. Da unser LKW mit Holzkohle fuhr, kam er nicht sehr schnell vorwärts. Unterwegs schlossen wir uns deutscher Wehrmacht aber auch Zivil­fahrzeugen an. Im Laufe des Tages war ein langer Treck zusammen­gewachsen, den die Tschechen nicht mehr aus dem Sudeten­land heraus­ließen. Sie lenkten uns in Richtung Prag. Es war kein Krieg in der Tschechei, und trotzdem war Kriegs­stimmung zu spüren. Wir fuhren an brennenden Häusern vorbei. Am Straßenrand standen ausgebrannte Autos, und in der Nacht sah man überall Feuerschein.

Am Tage des 9. Mai 1945 erreichten wir einen Vorort von Prag. Die Tschechen dirigierten unseren Treck auf eine große Wiese, wo alle die Fahrzeuge verlassen mußten. Was wir an Gepäck tragen konnten, durften wir mitnehmen. Die uniformierten Tschechen stellten uns zu einem langem Zug zusammen, und wir mußten zu Fuß weitergehen. Es hieß: „Ihr werdet wieder nach Hause geschickt“. Aber bald standen schon viele Tschechen auf beiden Seiten der Straße. Sie beschimpften und bespuckten uns. Es flogen Steine, wir wurden geschlagen und getrieben. Je näher wir Prag kamen, um so schlimmer wurde es. Ich sah einen toten deutschen Soldaten liegen, dessen Blut den Rinnstein entlangfloß. Meine Mutter bekam mit einem Gewehrkolben einen Schlag über den Rücken. Sie hatte seitdem immer unter Rücken­schmerzen zu leiden.

Ein kleiner Junge saß weinend am Straßenrand und rief nach seiner Mama. Ich sah, wie ein Tscheche auf das Kind zuging, es trat und meinte: „Ach was, Mama!“ — und dann das Kind erschoß.

Vor uns lief ein Förster, der seinen Dackel auf dem Arm hatte. Ihm riß man das Tier weg und erschlug es vor seinen Augen. Wir rannten nur noch um unser Leben. Gepäck, sofern es uns nicht aus den Händen gerissen wurde, warfen wir selbst weg, um schneller rennen zu können. Wir sahen verzweifelte Menschen über Brücken­geländer ins Wasser springen. Mutter und ich waren nur noch bestrebt, unsere Familie zusammen­zuhalten. Zwei junge Männer, die neben uns rannten, trugen abwechselnd meinen fünfjährigen kleinen Bruder auf den Schultern. Dieser Todesmarsch durch Prag am 9. Mai 1945 dauerte über fünf Stunden. Völlig erschöpft und verängstigt landeten wir im Hof der Hyberner-Kaserne. Als erstes stellte meine Mutter fest, daß keiner von uns fehlte. Nun gingen Uniformierte herum und forderten uns auf, Uhren und Schmuck abzuliefern. „Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt, wird erschossen!“ hieß es. Müde und froh, mit dem Leben davon­gekommen zu sein, gaben wir alles ab. In unserer Nähe fanden wir auch Familie Müller wieder. Sie waren ebenfalls alle noch zusammen. Sogar die Großmutter hatte das Inferno überlebt. Eine Bekannte von uns suchte ihren 9jährigen Jungen. Sie fand ihn am nächsten Tag unter den deutschen Soldaten wieder, die den Jungen in ihre Obhut genommen hatten.

Die Nacht verbrachten wir schlecht und recht auf dem Kasernenhof. Am nächsten Morgen verteilte man uns auf die Kasernen­räume. Familie Müller und wir waren bei den ersten, die im oberen Stock ankamen. Die beiden Mütter gingen gleich auf den hintersten Raum zu, der durch einen zweiten Raum vom Flur getrennt war. Diese Vorausschau der beiden Frauen hat uns später manche Schikane erspart, da die Tür zu uns oft übersehen wurde.

Später kam noch ein älteres Ehepaar dazu. Wir hausten mit 15 Personen in einem ca. 3 × 5 m großen Raum. Zum Schlafen lagen wir auf dem blanken Fußboden wie die Heringe neben­einander. In den geretteten Rucksäcken befanden sich noch drei Decken, die uns als Zudecke für sieben Personen dienten. Dabei waren wir noch gut dran, denn viele hatten gar nichts. Die Ver­pflegung pro Tag bestand aus einem halben Pfund klitschigem Brot, morgens und abends einem Tippl (kleiner Blechtopf) schwarzem Kaffee und mittags einer dünnen Wasser­suppe mit etwas Dörrgemüse, an Sonn- und Feiertagen dazu noch ungesalzen. Nach kurzer Zeit schon gingen Durchfälle und Erkrank­ungen herum. Die sanitären Ein­richtungen waren nicht für so viele Menschen gedacht und daher in einem katastro­phalen Zustand. Nachts hallten Schreie durch den Flur, wenn deutsche Soldaten und Männer in Zivil verprügelt wurden. Da es nur einen Waschraum gab, konnte ich oft die total blau geschlagenen Rücken dieser Männer und Jungen sehen. Nachts gingen Russen durch die Kaserne und holten sich Frauen heraus. Da kam uns der hinterste, etwas versteckte Raum zugute, und wir wurden davon verschont.

Einmal wollte ich am Morgen im Flur, der inzwischen auch mit deutschen Gefangenen belegt war, unsere Decken zum Fenster aus­schütteln. Dabei mußte ich um eine mit Blut getränkte Decke herumgehen. Ich sah den Mann, der daneben hockte, fragend an. Er sagte nur: „Der hat sich die Pulsadern durch­geschnitten.“

Ein andermal stürmte ein Posten mit Gewehr im Anschlag in unseren Raum. Er brüllte, einem Kollegen sei ein Brillant­ring weg­gekommen. „Wenn der Ring nicht wieder auftaucht, wird jeder Dritte erschossen!“ Mutter rechnete aus, daß es in unserer Familie bis zu drei Personen treffen konnte. Sollten wir uns als Familie neben­einander oder besser einzeln verteilt aufstellen? Nach ein paar Tagen hörten wir davon nichts mehr.

Es gab auch positive Erlebnisse. Eines Morgens kam ein Wachposten zu uns herein. Aus seinem über den Arm gehängten Helm holte er ein Päckchen heraus und drückte es einem Kind in die Hand. Dann verschwand er schnell wieder. Als wir das Päckchen auswickelten, war ein dickes belegtes Brot darin. Dieser Vorgang wiederholte sich noch ein paarmal, aber nach kurzer Zeit sahen wir diesen Wachposten nie wieder. Sollte es heraus­gekommen sein, daß er uns Brot gegeben hatte, dann ist es ihm bestimmt schlecht ergangen.

Bald wurden wir zur Arbeit eingeteilt. Unsere Mutter mußte einmal die Karlsbrücke fegen. Dabei wurde sie bespuckt und geschlagen. Mich schickte man zum Aufräumen und Sauber­machen eines Foto­geschäftes. Als ich dann in die dazu­gehörige Privat­wohnung geholt wurde, um einen großen Berg Geschirr abzuwaschen, merkte ich bald, daß die Wohnung neue Besitzer hatte. Die Tschechin konnte mir nicht sagen, wo ich manche Dinge finden oder einordnen sollte.

Einmal wurde ich mit anderen Frauen zusammen abgeholt um in einem großen, prächtigen Herrenhaus, das von Russen belegt war, sauber zu machen. Unter dem Vorwand, etwas tragen zu helfen, mußte ich mit einem Soldaten mitgehen. Er führte mich zu seiner Unterkunft, schloß hinter uns ab und deutete mir an, ruhig zu sein. Dann versuchte er, mich zu ver­gewaltigen. Da ich mich aber mit aller Kraft wehrte, ließ er nach einer Weile von mir ab und führte mich zurück. Ich war vor dem Schlimmsten bewahrt geblieben. — Wir waren eben vogelfrei! Bald hieß es, daß wir in ein anderes Lager überführt werden sollten. Zuvor mußten sich alle Lager­insassen auf der Lager­komman­dantur, die in einem der Kasernen­zimmer eingerichtet war, melden. Es sprach sich schnell herum, daß sich der Kommandant an Frauen vergriff und jede Frau drei Schläge mit der Hundepeitsche auf das nackte Gesäß bekam. In mir lehnte sich alles auf, und ich wollte nicht mitgehen. Meine Mutter bestand aber darauf, weil sie Angst hatte, es könnte heraus­kommen und schlimmeres passieren. Als ich an die Reihe kam und den Raum betreten mußte, saß hinter einem Schreibtisch ein ca. 45- bis 50jähriger uniformierter Mann mit aufgedunsenem Gesicht. An der Wand hinter dem Schreibtisch stand ein Kasernenbett. Der Kommandant schloß die Tür hinter mir ab und setzte sich wieder. Ich mußte meinen Namen nennen. Er meinte: „Du warst beim BDM.“ „Ja, wir waren doch alle dabei“, antwortete ich. Er sagte: „Dafür bekommst du Schläge.“ Er befahl mir, mich mit dem Gesicht nach unten auf das Bett zu legen. Da ich mich weigerte, holte er einen Wachposten herein, dem er auf tschechisch etwas sagte, was ich nicht verstand. Der Posten mußte mit mir zur Toilette gehen, wo er mir ein deutsches Verwundeten­abzeichen in die Hand gab, das ich in die Toilette werfen mußte. Danach ging er mit mir zurück. Als ich wieder in die Kommandantur kam, lief mir meine Mutter mit tränen­überströmtem Gesicht entgegen und gab mir einige schallende Ohrfeigen. Dazu sagte sie: „Du sollst folgen und machen, was man dir sagt!“ Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Meine Mutter wurde hinaus­geschickt und die Tür erneut abgeschlossen. Nun mußte ich mich doch auf das Bett legen und bekam wesentlich mehr als drei Schläge auf das nackte Gesäß. Die offenen Schwielen taten noch lange weh, und ich kannte ein paar Tage nicht sitzen. Frauen, die das Geschehen vom Fenster gegenüber beobachten hatten, sagten mir hinterher, daß ich statt drei fünfzehn Schläge bekommen hatte. Später erst erfuhr ich von meiner Mutter, daß man mich ihr wegnehmen und in ein Arbeits­lager stecken wollte. Es hieß, sie würde mich nie mehr wieder­sehen. Mutter hat sehr um mich betteln müssen und wurde zu den Ohrfeigen und der Auf­forderung, daß ich folgen solle, gezwungen. Danach wurden wir in einen Reitstall verlegt. Den Weg dorthin sollten wir zu Fuß zurücklegen. Vor dem Fußmarsch war uns angst und bange, hatten wir doch schlechte Erfahrungen gemacht. Aber wir wurden über Neben­straßen geführt und außer Beschimpfungen — aber auch mitleidigen Blicken — geschah uns nichts.

Der Lagerwechsel war mit gründlicher Durchsuchung nach Wertsachen verbunden. Dabei nahm eine tschechische Frau meiner Mutter Kamm und Zahnbürste weg. Mutter meinte, das wären keine Wert­gegenstände, und man könnte ihr das doch lassen. Da antwortete die Tschechin: „Deutsches Schwein nix Kultura!“

Nun waren wir in einer großen Halle zusammen­gepfercht. Mit Sägespäne gefüllte Papiersäcke dienten uns als Nachtlager. Die Verpflegung war genauso schlecht wie in der Kaserne. Mütter konnten ihren Säuglingen nur schwarzen Kaffee im Fläschchen, sofern sie eines hatten, geben. Die ganze Nacht hörten wir die Kleinen vor Hunger und Bauchweh schreien. Das Schreien wurde von Tag zu Tag weniger und hörte nach einiger Zeit ganz auf. Die kleinen Würmchen waren alle verhungert!

Die sanitären Ein­richtungen waren für so viele Menschen mit Durchfällen nicht ausreichend und daher miserabel. Wasch­gelegenheit gab es so gut wie keine. Russen holten auch hier wieder nachts Frauen und Mädchen heraus. Mutter schützte meine Schwester und mich, indem wir rechts und links neben ihr lagen. Weiter nach außen legte sie unsere kleineren Geschwister. Kamen die Russen in den Reitstall, gab Mutter uns beiden einen Stups auf den Kopf, wir krochen unter die Decke, während die jüngeren Geschwister ein bißchen aufgedeckt wurden. So blieben wir auch diesmal wieder verschont. Der Aufenthalt in diesem Reitstall dauerte nur kurze Zeit Es folgte bald wieder ein Lagerwechsel, diesmal in das Loretto-Kloster. Dort hatten wir endlich wieder abgeteilte Räume, wenn es auch nur kleine Zellen waren. Sogar drei­stöckige Betten standen darin. Unserer Mutter mit sechs Kindern wurden zwei dieser kleinen Räume zugeteilt. Außerdem wurden unsere Personalien aufgenommen. Die Freude über die Betten wurde bald getrübt. Es wimmelte in diesem Kloster nur so von Wanzen.

Die Verpflegung war die gleiche, aber es ging ruhiger zu. Wer zur Arbeit geholt wurde und Glück hatte, bekam auch etwas Eßbares. — Beim Sortieren von Kleidern in einer Lagerhalle „organisierten“ wir uns neue Kleidung. Wir zogen drei bis vier Kleider übereinander und konnten so für die anderen im Lager noch etwas mitbringen. „Organisieren“ wurde lebens­notwendig, nur erwischen lassen durften wir uns nicht. Aber Not macht erfinderisch.

Inzwischen war es Sommer geworden. Wir wurden zur Landarbeit auf einen Gutshof nach Videvise gebracht. Mehr schlecht als recht hausten wir in den Land­arbeiter­wohnungen, Plumpsklo über den Hof, Wasch­gelegenheit an der Pumpe, geschlafen wurde auf Strohlagern. Zur Abwechslung machten wir nun mit Läusen und Kakerlaken Bekannt­schaft. Bis auf zwei Großmütter (eine davon war von Familie Müller) und die ganz kleinen Kinder mußten alle auf dem Feld arbeiten.

Die Verpflegung war nicht besser als im Lager. Es bot sich aber die Gelegenheit, von Feld und Wiese etwas mitzunehmen. Eine Koch­gelegenheit war vorhanden, das Holz dafür wurde organisiert und Töpfe oder Tippl fanden wir im Hof oder auf Müllhalden. Aus Brennesseln und Sauerampfer kochten wir Spinat, ohne Salz! — Aus Taschen­tüchern nähten wir uns kleine Säckchen und banden sie uns unter die Röcke. Auf dem Feld rubbelten wir Körner von den Garben, die wir in den Säckchen mit zurücknahmen. Roh oder gekocht waren sie eine Erweiterung unseres Speise­zettels. Im Herbst wurden Kartoffeln in die weiten Beine der Skihosen gesteckt und mit in die Unterkunft genommen. So schlugen wir uns mit der Ernährung gerade so durch.

Von zwei Polen, die ebenfalls auf dem Gut arbeiteten, wurden wir reichlich schikaniert. Für uns war es ungewohnte Arbeit. Machte einer schlapp, gab es auch mal Schläge. Krankheiten grassierten dort ebenfalls. Eine Frau starb an Diphtherie. Sie wurde auf einem Leiterwagen weggebracht. Wohin? Wir erfuhren es nicht. — Läuse knacken gehörte zur täglichen Körperpflege. Eine der Großmütter (sie hatte ihren 13jährigen Enkel dabei) war schrecklich verlaust. Da sie nicht mehr gut sehen konnte, wollten wir ihr helfen. Aber sie ließ keinen an sich heran. Das bekamen die Polen mit und zerrten die arme Frau auf den Hof. Sie mußte sich völlig nackt ausziehen, die Polen schonen ihren Kopf ganz kahl, zündeten ihre Kleider an und ließen sie, mit einem Knüppel „Gewehr über“, um ihre brennenden Kleider laufen. Dazu grölten und lachten sie. Wir suchten unter unseren Kleidern etwas heraus, um es der völlig verwirrten Frau zum Anziehen zu geben.

Im Laufe des Sommers waren meine Schuhe total abgerissen. Als ich im Oktober bei Regen und Kälte barfuß aufs Feld mußte, zog ich mir bald eine fieberhafte Blasen­entzündung zu, die mir den ganzen Winter über zu schaffen machte und mich auch später noch lange Jahre quälte. Medikamente bekamen wir ja nicht. Warme Kleidung hatten wir auch kaum. Da erbarmte sich der Gutsbesitzer endlich und borgte mir von der Wirt­schafterin ein Paar Schuhe. Ich habe sie einfach behalten und nach Prag mitgenommen. Sie leisteten mir noch lange gute Dienste.

Auf diesem Gut erlebte ich meinen 17. Geburtstag. Als Geburtstags­geschenk bekam ich von meiner Mutter ein Stück trockenes Brot. Es war mehr wert, als heute das beste Stück Kuchen.

Nachdem die Kartoffel- und Rübenernte eingebracht war, wurden wir wieder nach Prag zurück­geschickt. Ehe man uns in das Lager Hagibor, in dem wir den Winter über gefangen­gehalten wurden, brachte, mußten wir uns erst wieder einer eingehenden Durch­suchung nach Wertsachen unterziehen. Frauen mußten sich vollständig entkleiden. Nicht nur die Kleidung wurde ganz gründlich durchsucht, man griff sogar einigen Frauen mit Gummi­handschuhen in die Scheide, um nach Wertsachen zu suchen. So gesehen von meiner Mutter, die es Frau Müller in meinem Beisein erzählte. Die Handschuhe wurden natürlich nicht gewechselt.

Das Lager bestand aus großen Baracken mit doppel­stöckigen Betten. Uns wurden zwei solcher Betten zugewiesen — sie waren unsere Privatsphäre. Hier wurde geschlafen, gegessen, „gewohnt“. Die Verpflegung hatte sich etwas gebessert. In der Mittags­suppe waren wenigstens so viele Kartoffeln, daß es keine wässerige Angelegen­heit mehr war. Jeden Morgen mußten wir antreten und wurden zur Arbeit ausgesucht, das war die einzige Gelegenheit, einmal aus dem Lager heraus­zukommen.

Außerdem bekamen wir am Arbeitsplatz oftmals etwas zu essen. Die Übergriffe der Tschechen wurden seltener. Einmal wurde unsere Mutter mit anderen Frauen in eine Fabrik geschickt, wo sie die Wäsche von deutschen gefangenen Soldaten waschen mußten. Weil das Essen gut war, versuchte unsere Mutter, uns drei Ältesten dort unter­zubringen. Mit Erfolg. Mein 13jähriger Bruder mußte Eisen­abfälle wegbringen, meine Schwester und ich arbeiteten an einer Stanzmaschine. Da die Arbeiter fast alle deutsche Gefangene waren, gab es kaum Schikanen. Um unsere Arbeitskraft zu erhalten, wurden wir gut verpflegt. Alle zwei Wochen kam Mutter aus dem Lager in die Fabrik zum Wäsche­waschen. Dann sahen wir uns wieder. In dieser Fabrik lernte ich meinen späteren Mann kennen, der dort als Gefangener arbeitete.

Meine jüngste Schwester, die im Lager verblieb, drohte zu verhungern. Eine ärztliche Versorgung, die mehr schlecht als recht war, stand im Lager inzwischen zur Verfügung. Über diesen Arzt konnte Mutter die drei jüngsten Geschwister in ein tschechisches Kinderheim geben, wo sich meine Schwester wieder etwas erholte. Aber sie waren der Willkür der Kinder­schwestern ausgesetzt. So über­standen wir alle den Winter einiger­maßen.

Im Februar 1946 wurden wir plötzlich ins Lager zurückgeholt. Es sollte ein Transport zusammen­gestellt werden. Jetzt ging es darum, unsere drei Kleinen aus dem Kinderheim wieder­zubekommen. In letzter Minute, als wir schon zum Abfahren bereit­standen, wurden uns die Kinder gebracht. Bis dahin hatten wir bange Minuten durch­gestanden. Wir kamen in ein Lager, von dem die Transporte abgingen. Wohin es gehen und wie lange wir unterwegs sein würden, war ungewiß. Durch das bessere Essen hatten wir uns körperlich etwas erholt. Also sparte Mutter von der täglichen Brotration etwas und trocknete es als „Marsch­verpflegung“.

Bald war es soweit. Wir wurden in Viehwaggons geladen und fuhren ab. In einer Ecke standen ein alter Marmeladen­eimer für die Notdurft und ein Eimer mit Wasser für den Durst. Die Waggons waren fest verschlossen und nur durch die Ritzen konnten wir erkennen, ob es Tag oder Nacht war. Uns wurde weder Essen noch sonst etwas gegeben. Da half uns das getrocknete Brot weiter. Hatten wir im Lager gemault, daß Mutter es uns abgespart hatte, waren wir jetzt froh, die Brotstückchen lutschen zu können.

Die ganze Fahrt über lagen wir im kalten, fast dunklen Waggon und dämmerten vor uns hin. Daher kann ich mich nur schwach an diesen Transport erinnern und weiß nicht, wie lange wir unterwegs waren.

Endlich wurde die Waggontür aufgeschoben. Wir sahen Männer vom Deutschen Roten Kreuz.

Erleichtert und vor Freude weinend fielen wir uns in die Arme. Wir waren in Wiesau, irgendwo in Bayern — endlich in Sicherheit!

Die Helfer vom Roten Kreuz sagten, daß unser Zug der ärmste wäre, der bis dahin angekommen sei. Wir erzählten ihnen, daß es den ganzen Transport über keine Verpflegung gegeben habe. Daraufhin forschte das Rote Kreuz nach und stellte fest, daß der Waggon mit Lebens­mitteln noch vorhanden war. Die Tschechen wollten ihn wieder mit zurück­nehmen. Nun aber mußten sie ihn ausladen, und wir bekamen die Verpflegung noch nach­träglich. Es gab Brot und Wurst, daß uns die Augen übergingen. Doch erst als uns das Rote Kreuz mit Haferschleim versorgt hatte, erlaubte uns Mutter, die Wurst langsam zu genießen. Danach wurden unsere Personalien auf­genommen und anschließend wurde zur Entlausung gründlich mit DDT eingepudert.

Weiter ging es in Richtung Hessen. Arm, abgerissen, ausgemergelt und einge­schüchtert — so kamen wir in Groß Gerau bei Darmstadt an.

Mit „Organisieren“, Erfindungs­geist und Ausdauer haben wir diese schreckliche Zeit überlebt. Bei meiner jüngsten Schwester wurde ein Verdacht auf Tuberkulose fest­gestellt, der sich zwar zum Glück nicht bestätigte, aber sie mußte noch lange zur Tuberkulose-Kontrolle, bis sie auch das überstanden hatte.

Was mit uns geschah, geschah nach dem Krieg und fällt in keine Kriegs­ereignisse.

Im Februar 1947 kam unser Vater aus russischer Gefangenschaft zurück. Er war vollkommen unter­ernährt und hatte Wasser in den Beinen. Durch einen Onkel in Berlin, bei dem auch wir uns gemeldet hatten, erfuhr er den Aufenthalt­sort seiner Familie.

Ich danke Gott, daß ich trotz meiner schrecklichen Erlebnisse den Mut zum Leben nicht verloren habe und aus mir ein fröhlicher, zufriedener Mensch geworden ist.

gez. Vera Heger, geb. Reinelt


UDH Nr. 98

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