BGD — Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 99  ¦  Januar – April 2012


Ein nicht alltägliches Jahreserlebnis
am 5. Mai 1945

Ein ungewöhn­liches schönes Vor/Frühlings-Wetter! Als wenn — die unzäh­ligen Bomben­angriffe der Alli­ierten auf die Festungs­stadt Breslau, die gesamte Atmo­sphäre erwärmt hätten. (Makaber, aber vielleicht die nackte Wahr­heit.)

Monat April: Gedanken eilen hin und her,…totale, große Bomben Geschwader/Flieger über­queren unser Gebiet. Unge­wisse Zukunft und ein Inferno zeichnen sich ab. Sogar die Hunde jaulen und heulen fürchter­lich … aus tierischer Ver­zweiflung. Wenn man nach­voll­zieht, daß dies alles bei klarem Sonnen­schein abläuft. (die russische Front lag bei Jauer/Zobten am Berge in der Korn­kammer) … Künst­licher Nebel erfaßt uns oft, daß die Ver­hältnisse noch uner­träglicher werden. Mein Vater und sein alter Nachbar­freund, Hofmeister vom Kreppelhof (ehemals große Land­wirt­schaft „von Stolberg“/alte Preußen-Herr­lichkeit), faßten einen letzten Entschluß:

Der Treck­versuch wird gestartet.

In aller Eile hatte mein Vater den gängigsten Wagen gerüstet und eine hohe Plane (natürlich mit Gestänge als Träger darunter) darüber gespannt.Mitnahme­güter waren kaum richtig überlegt. (Völlige Panik), / (Die gute Aus­steuer von unserer bereits gestorbenen Mutter (nun schon 5 Jahre tot) hatten wir alle, Vater, Renate und Charlotte (sowie meine Wenigkeit) bereits vorher in mehreren Truhen ziemlich sorg­fältig in den Scheune-Depart­ments versteckt! Das wichtigste waren volle Hafer­korn­säcke für die Pferde! (Woll­decken etc.)

Die große Fahrt begann abends gegen 19 Uhr. Die Sonne ging schon langsam unter. (Schmerz, Hoffnung und Ver­zweiflung.) Der Treck­führer, Hofm. v. Kr. Hof hatte seinen schweren Traktor voraus­gestellt und dahinter waren es mehrere Deuler-Wagen/Gummi-Bereifung, mit den hübschen gelb­braunen Fuchs-Rössern. Aus dem Kreppel­hof waren zu dieser Zeit mindestens 60 Personen Mitarbeiter usw., die alle auf den Wagen Platz fanden. Als Schluß­licht folgten wir, mit unseren Rappen. Einer davon war unser Staeber, der selbst­gezogene Hengst-Wallach (Fach­sprache). Seine Lebens­geschichte gehörte zu uns. Die Aufwuchs­gescheh­nisse eines Tieres sind genau so interes­sant, wie jene eines Menschen.

Wir kamen gut voran, (konnten wir das Leben noch erkunden?) so daß bei Dunkel­heit in der Höhe von Michen­dorf, das Heu-Nacht­lager gehalten werden konnte. Es waren furchtbar viele Menschen unterwegs. Keiner wußte genau, was geschehen würde. Viele flüchtende deutsche Soldaten waren in Richtung tsche­chische Grenze unter­wegs. So hatte sich dem­zufolge unser Fahrrad, welches am Wagen hing, wohl selbst­ständig gemacht. Jeder wollte in letzter Panik — dem anderen voraus sein. Welch ein grausamer Irrtum.

Flucht­versuch — rette sich wer kann — wer weiß schon, was richtig ist — und wohin: Bayern/Hof, bayerischer Wald! Ein weites Ziel, aber ein Hoffnungs­schimmer. Die Fahrt nach Trautenau/Trutnow/Grenze dauerte nur bis zum nächsten Tage abends.

Wir fanden einen großen Werks/Innenhof und bauten eine Wagen-Burg. Also einen Kreis! Kaum hatten wir das ganze Halt, da wurde uns unheim­lich, denn es näherten sich uns eine große Zahl von tsche­chischen Männern, die mit Waffen etc. bestückt waren. Diese Situation gab uns eine böse Vor­ahnung.

Jetzt kam uns eine Schicksals­fügung zur Hilfe. Diese aufge­brachten Menschen, stürmten zu unserem Glück, einen Biwack­wagen vom deutschen Militär. (Anzunehmen war, daß sich dort Lebens­mittel­vorräte für Offiziere und Mann­schaften darauf befanden.)

Somit fiel die Ent­scheidung: Gefahr im Verzuge! — alles sofort wieder zurück. Denn die Wort­fetzen der Tschechen bedeuteten „Tod den deutschen Flücht­lingen.“ Also zurück nach Landeshut/Krausen­dorf. Heimat, wir ver­lassen dich nicht. (Dort, wo wir alle geboren sind.)

Es sickerten die Nach­richten durch — in Kürze prallen wir mit den sieg­reichen sowje­tischen Besatzungs-Truppen zusammen. Diese Experten haben unser Gebiet wohl­gemerkt „kampflos“ über­nommen. — Dieser Grund­satz gilt auch heute noch. Und ich glaube sicher, diese Meinung hat auch unser erster Bundes-Kanzler Dr. Adenauer und sein Mit­streiter Dr. Kurt Schumacher (der mit dem einen Arm) vertreten. Letztere haben stets ver­lauten lassen: Wir werden auf den Wert der Ost­gebiete niemals ver­zichten können. Siehe auch Schlesier-Dichter Gerhard Hauptmann: „Schlesien ist immer deutsch und fränkisch gewesen… und muß es auch bleiben. Unrecht gedeihet niemals.“

Zurück zur Kultur-Kata­strophe! So kam es auch unver­züglich. Trotz­dem die krieger­ischen Sieger/Russen unser Gebiet kampflos über­nommen haben, war es ein Todes­urteil für unsere Zukunft.

Mit einem furcht­baren Gegröle, voll­trunken, sieges­bewußt und waffen­strotzend kamen selbige auf uns zu. Zuerst waren wir alle starr vor Entsetzen!Auf die brutalen Schreirufe der Russen: Germansky Faschista Buchalika — (deutsche Nazi-Schweine) horchend, hatten wir erst gar­nicht bemerkt, daß zwei Mongolen (Schlitz­äugige) in unsere Pferde hinein­gesprungen waren. Die spontanen Droh­gebärden bedeu­teten, daß mein Vater die eigenen P.S. aus­spannen mußte. Und dies hatte zur Folge, daß Vater wohl oder Übel mit­helfen mußte, die eigenen Zug­pferde umspannen mußte, (in einen russischen Panje­wagen).

Ich war vor Schreck wie tot. Denn ich betone dies so sehr, daß ich ja noch Kind war, und mir keine Schuld zustand. Meine Schwester Charlotte hatte den Mut und war lauschend herum­gegangen. Die tsche­chischen Leute waren voller Wut auf uns, sie ließen erkennen — und sagten so frei heraus, wenn ihr noch im Finstern hier stehen bleibt, dann schlachten wir euch ab. Meine älteste Schwester mußte sich sowieso im Wagen ver­stecken. Denn wenn die russische Solda­teska anwesend ist, kommt auf dem Fuß die Verge­waltigung. Und das Chaos ist an der Tages­ordnung. Ich selbst heulte nunmehr erbärm­lich, denn einer von den Mongolen riß unsere Reserve-Kreuz­zügel vom Kutscher Bock. Unsere Pferde wurden davon­geprügelt. Den Blick zurück, das heißt unsere Pferde blickten noch einmal zurück zu uns. (Tiere haben auch einen Ver­ständi­gungs-Instinkt.)

Diesen Abschieds­blick — also für immer — werde ich nie ver­gessen! (So eigen­artig es auch klingen mag für einen Unbe­teiligten.) Gott sei Dank war Vaters Freund (Hofm. v. Kreppelh.) ein echter Kumpel! Er hatte von seinem Traktor-Sitz über­blickt gesehen, daß unser Gefährt über­rumpelt worden war. Er hatte sich in diesem furcht­baren Inferno nach Stunden wieder zurück kämpfen können, um unseren Wagen nach­holen zu können. So hatten wir in letzter Sekunde, wie es nach Dante heißt, den Welt­unter­gang noch einmal über­standen. (Für einen hohen Wege­zoll: unschuldig, versteht sich) Aber es begann nunmehr eine Höllen­fahrt und ein Spieß­ruten-Laufen. Die immer heftiger werdenden Russen-Kolonnen machten ihrer Barbarei wirklich Ehre. Sie fuhren unter bestia­lischen Schreien und Hauen in unseren Wagen hinein, daß es rumpelte und schüttelte, wie auf einer Geister­bahn.

Dies war die Nacht des Schreckens, die nicht zu Ende gehen wollte. Das Zwischen­ziel hieß Alben­dorf. Hier mußte wieder umge­spannt werden. Unser Vater fand einen Bauern, der ihm zwei Ochsen lieh, so das wir bis nach Michels­dorf gelangen konnten. Hier lebte sein Kriegs­kamerad Effmert (aus dem ersten Welt­krieg) auf einem Bauern­hof. So weit, so gut — mußte mein Vater wie ver­sprochen — die Ochsen wieder zurück­bringen. Auf diesem Umwege entdeckte mein Vater am Waldes­rand ver­sprengte deutsche Soldaten mit einigen Militär-Pferden. Wie die Not oft bestimmte, erkaufte sich mein Vater ein Paar abge­schundene Krea­turen. Tat­sächlich hatte er das Glück, daß er dieses Gespann zu unserem Zwischen­quartier zurück bringen konnte. Schnell konnten die neuen P.S. in der Scheune ver­steckt werden. (Noch­mals zur Geschichte: der Quartier-Wirt Effmert war ein Kriegs­kamerad des Vaters — aus dem 1. Weltkrieg 1914/18 — Schauplatz bei und um Flandern „Mars la Tour.“)

Ein Schrecken jagt den anderen, denn es kamen nunmehr unzäh­lige sowje­tischen Besatzer-Truppen (end­loser Tross von Russen) auf den Hof. Diese wollten ein Erober­ungs-Festgelage abhalten. An Schrecken zu gewöhnen ist kaum zu beschrei­ben. Wir mußten uns als mensch­liche Schatten ver­wenden, das heißt, nur flüch­tiger Zaun­geist/gast sein. Schnell ver­krümeln und auf keinen Fall in Tuch­fühlung kommen. Die Sieger benahmen sich wie die Halb­götter im alten Rom. Was gefiel, wurde ent­wendet. Auf der dem Hof angren­zender Wiese wurde ein Feuer ent­facht, und es begann ein uraltes Grill-Ritual.

Was jetzt geschah, war für uns unglaub­lich, man traute seinen Augen nicht. Kleine Schwein­chen/ Ferkel wurden aus den Ställen geholt. Ohne Betäubung abge­stochen und einfach an einem Dreifuß über das lodernde Feuer gehängt. (Schlachte­fest nach Hunnen-Art u. Kultur.) Das Sieger-Rausch-Fest war in vollem Gange. Primitives Werkzeug und Salz waren schnell auf­getrieben. Schnaps bzw. rus­sischer Wodka hatten die Experten bei sich. (So wie die Mönche die Bibel.) Unsere mensch­liche Zuver­sicht wurde beim Erspähen dieses Szenarios völlig demora­lisiert.

Plötzlich nach Stunden gab es ein Raunen in der Menge und der Auf­bruch der Heer­scharen erfolgte. Zurück­gelassen wurde ein ent­setz­liches Trümmer­feld. Danach kamen auch die anderen Bewohner des Stand­ortes kreide­bleich im Gesicht zum Vorschein und alles war vor Ent­setzen sprachlos. Angst und Schrecken beherrschte unser Dasein.

Wir mußten uns beeilen und auf­brechen, denn das Quartier lag an der Durch­gangs­straße. Die mensch­liche Atmosphäre war völlig über­lastet. Die beiden neuen klapprigen Zug-P.S. sahen nicht leistungs­stark aus. Mensch und Tiere waren einfach über­fordert und nicht mehr belast­bar. Vater hatte noch Ballast abge­laden, denn die Zitter­partie war schlimm genug. Kaum um die erste Weg­kreuzung, lag schon der erste Berg vor uns. Doch siehe da, die neuen Militär-Pferde waren vom Schicksal so gezeichnet, daß diese bei der erschreckenden Begleit­musik (donnerndes Sieges-Geräusch der Russen kam aus allen Rich­tungen) — sich regel­recht mit ihren Hufen im Weges­belag ein­krallten und den Wagen, wie in einem optimi­stischen Hohn, vor­wärts schleiften. Daß dieser sog. Heimweg ein Opfer­gang war, konnte man an den ange­spannten Nerven und am ganzen Leib spüren.

Irgend­wie hatten wir unseren Nachbar Treckzug/Krepp/Hof ein­geholt. Die Ankunft beim Kreppel­hof in Landes­hut lief ab wie eine Selbst­verprüge­lung. Die Situation hatte sich gewendet, so daß sämt­liche Gefäng­nisse geöffnet waren und die mensch­lichen Kontraste nicht mehr abzu­schätzen waren. Prak­tisch — die Leute, die in der Vorzeit gestrau­chelt waren, gingen jetzt auf Rache aus. Der Weg führte uns am Kreppel­hof vorbei und wir kamen in einen schlimmen Erwar­tungs­drang, Von und aus weitem Bogen/Umgehung sahen wir unser Gehöft und erblickten wenig­stens unsere Rinder auf der Weide.

Die Anhöhe hinauf und an den alten, baum­bestan­denen Teichen vorbei. Endlich wieder die heimat­liche Flur und Tür erreicht. So daß der Wagen mit den Schick­sals­banden in der Scheune ver­steckt und ver­staut werden konnte.

Zu Hause waren ja doch noch unsere Berliner (Bomben­geschä­digte) geblieben. Selbige Leute hatten sich nicht in dem Panik-Treck-Versuch hinein ver­irrt. Keiner wußte genau, was der andere dachte. Der Stim­mungs­leit­satz hieß so etwa: ohne Kommentar. Unlieb­same Besucher hatten bereits eine Inspektion vor­genommen. Der elter­liche große Spiegel-Kleider­schrank stand da, mit zer­trümmerter Vorder­front. Die Chaoten­über­fälle warfen ihre Schatten voraus. Was wird kommen?, grübelte man im Kopf! Die normale Früh­jahrs­bestel­lung des geliebten Heimat­bodens hätte längst in vollem Gange sein müssen.

Es lief also der Zeit ent­sprechend und die russischen Militär-Kolonnen zogen in Massen ein, in unser Heimat-Gebiet Antonien­wald. Dieses Plan­quadrat lag hinter unseren Feldern und Zwischen­wald vor den schönen Aus­flugs­stätten: „Honigbauden“. (Zu der Familie Anders hatten wir ein ganz besonderes Ver­hältnis.)

Nach Orts­bestimmung und Lage ist dies der Grenz­winkel der Besit­zungen vom Kreppel­hof und unserer Familie Erbhof­ländereien und Bewal­dungen.

Dort befand sich schon ehedem aus alter Zeit ein Militär­gelände mit Offiziers-Häusern und Mann­schaft-(Geheim) Begehungen, sowie ein Gefangenen-Lager.

Von diesem Stütz­punkt aus, konnten uns die Besetzer fort­während beob­achten und die Raub­züge wurden von diesem Punkt aus orga­nisiert.

Schicksals­ver­knüpfung zeigte sich insofern, daß in dieser Gegend damals 1814 (Franz. Aggression-Krieg) auch die Russen lagen bzw. biwa­kierten. Aber damals als Ver­bündete mit den Preußen, also unseren Vor­ahnen. Wie die irri­tierende Völker­geschichte doch abläuft und sich grausam zu wieder­holen vermag. Ehemals wollten die Franzosen die Welt und Europa verändern.

Viele Spuren und stumme Stein-Denkmäler gaben Zeugnis davon. Nicht weit von unserem Kreis Landes­hut liegt der kleine Fluß „Katz­bach“, direkt unter der Schnee­koppe, (heut­zutage ½ Auto-Stunde entfernt).

Hier zu Ort hatte Reiter-General Blücher die Franzosen belehrt (1818), noch bevor „Waterloo“ in die euro­päische Geschichte einging.

Nach dieser Über­legung und Gedanken­zersplit­terung zurück zum Monat Mai 1945 bis zum Mai 1946.

(Unsere 2. Flucht notgedrungen — und nach Menschenrechts-Verletzungen, das größte Unrecht, was uns widerfuhr. Von den Viehwagen Transporten noch später ausführlich.)


Zur Chronologie-1945

Monate Juni, Juli, August, Oktober November und Dezember

Die vor­program­mierte Besetzung kreiste uns immer mehr ein. Eine pausen­lose Kontrolle bzw. in Form von Raub und Über­fällen lagen vor unserer Zukunft und Ungewiß­heit. Praktisch machten uns die Ver­hält­nisse das Leben zur Hölle.

Die erste hautnahe Besetzung (unserer Behausung) war noch glimpf­lich aus­gegangen. Alt­gediente Pionier-Flieger hatten die Parallel-Feldmark-Flächen vom Kreppel­hof aus­gemacht. Dies ging so vor sich: Ein Trupp kam auf das Hof­gelände gestürmt und rannte durch alle Zimmer. Bis man im Schlaf­zimmer alle Bett­laken heraus­riß. (Farbe weiß war Bedingung, Man befahl uns, mit Harken und Rechen bewaffnet, zu folgen. Die Feld­fläche wurde schnell und grob geebnet, und die Bett­laken wurden als Richt­fläche aus­gespannt.

Direkt aus­geführt und schon kamen mehrere kleine Sport­flugzeuge ange­braust und landeten daselbst. Diese Experten waren noch ziemlich mensch­lich. Sie biwakierten in Zelten. Der Umgang kam uns noch recht distan­ziert vor. Nur des nachts wurde aus­geschwärmt und die weitere Nachbar­schaft mußte sich mit Vieh­dieb­stählen abfinden. Die Ernährung der Truppen erle­digte sich somit von selbst. So begann die gezielte Entrechtung (man nannte es auch Befreiung)… Der Truppen-Besetzungs-Tournus dauerte immer im „drei Monate Zyklus“. Es folgten Wach­ablösungen und andere Couleurs … sozu­sagen, ereilten uns immer härter werdende Schick­sals-Fügung.

Nur noch wenige mensch­liche Erkennt­nisse ließen Hoffnung sprießen, das heißt: Die slawische Kultur nahm brutale Ausmaße an.

Es begannen die Ver­gewalti­gungen der Frauen. Auch unter den rus­sischer Ver­bänden konnten wir brutale Gegen­sätze erkennen. Schläge­reien und Bedro­hungen waren an der Tages­ordnung.

An einem schönen Sonnen­tag Juni/Juli trauten wir unseren Augen nicht. Ein russisches /Kosaken Pferde-Rennen (Troika-Fest) lief so ab, daß die herr­lichen Roggen­felder mit ent­setz­licher Gewalt platt gewalzt wurden. Alles Germansky kaputt … hieß es Brot kaputt, dann auch endlich letzte Germansky kaputt.

Die dritte Welle der Besatzer Kommandos hatten es auf unser Gehöft total abge­sehen. Ein wohl oberer höherer rus­sischer Offizier erschien und sagte: „Bauer, alles raus und letzte Vieh auch weg, sonst bumm, bumm“. In mehreren Stunden völliger Fas­sungs­losig­keit hatten wir die Tiere überall bei den Nachbarn und auch bei Opa in Vogelsdorf verteilt. Unsere Nachbar Paul Bien war ein rechter Artist. Er hatte unserem Zucht­bullen einfach einen Sack über den Kopf gezogen, und ab ging es zu Weiss Gustav. (Auch ein ganz beson­derer Leidens­genosse.)

So über­schlugen sich die Ereig­nisse. Meine älteste Schwester mußte sowieso schon vorher zu Opa ins gegen­über liegende Dorf flüchten. Schlimme Ereig­nisse hatten sich bereits abgespielt. Eines Nachts stürmte ein hoher Offizier unser Schlaf­zimmer. Betrunken und schwer bewaffnet, raste er auf Schwesters Bett zu, Sie konnte sich, geistes­gegen­wärtig über mein Bett springend, noch in Sicher­heit bringen. An ein Erlebnis kann ich mich noch sehr genau erinnern. Unser Vater dengelte noch seine Sense auf dem Hof­gelände. Plötzlich kam ein rot­haariger Tartaren-Offizier auf seinem Roß ange­sprengt. Er gab dem Pferd so brutal die Sporen, daß das Tier sich wand und drehte. Es schlug nach hinten aus und sollte wohl meinen Vater erschlagen. Ich stand als Kind daneben und durfte das Ent­setzen durch­machen. Obwohl er sich vor den Kindern hätte schämen müssen, lachte er nur schallend und ver­brecherisch.

Solche Erlebnisse wird man auch niemals los. Denn die Nerven bringen dies in den Träumen immer wieder hoch. Schweißgebadet wacht man dann auf.

Die letzte Nacht in unseren Betten war ein Marty­rium, denn immer wieder kamen ange­trunkene Solda­teska-Ver­treter und wälzten sich auf unseren Nacht­lagern herum. Dies konnte kein Mensch mehr ertragen. Die Gedanken waren auch immer wieder bei unserem Tieren. Die damaligen Militär-Pferde und die Schweine waren in höllischen Nacht-Über­fällen bereits entwendet.

Es kamen so viele Russen (aller Rassen) Mongolen, Tartaren, Weiß­russen, Kirgisen u. a. Diejenigen die uns etwas freund­licher erschienen ver­schwanden sehr schnell. Ukrainer und Moldawier waren noch zu Mensch und Tier (animalisch) also erträg­licher.

Ca. 70 Raubgut-Pferde und vier Kamele (vom Zirkus Breslau stammend) hielten Einzug in den Ställen.

Nunmehr kam die Parallel-Kata­strophe. Das heißt, jede Menge Polen (wohl aus Bessa­rabien und Brest-Litowsk) auch von den Stalin-Truppen geschändet, hatten sich über Nacht und überall ein­genistet. Die Dorf­bevöl­kerung aus Wittgen­dorf/Hinter Ruhbank wurde eines schönen Tages mit Kind und Kegel Oma und Opa aus reiner Schikane auf der Durch­gang­straße Vogels­dorf entlang getrieben. Richtung: weiß nicht wohin. Die grenzen­losen Chaos-Verhält­nisse nahmen ihrem Lauf. Wir lebten nur noch von den Übel­taten der Besetzer. Hier noch einiges von den Russen-Schau­spielen. Die markan­testen Umstand liefen im Oktober ab:

Russische Oktober-Revulutions-Fest-Feiern. Wir wurden nur noch als vogel­freie Individuen betrachtet. Ein Zwischen­spiel fällt mit noch ganz besonders ein. Und zwar hatten wir ja noch die Berliner Frauen mit Kindern als sog. Leidens­genossen. Auch wurde im Nachbar­haus (Manche/Teichm.) etwas gefeiert. Sozu­sagen gab es auch Russen, die ein bißchen gepfleg­tere Zer­streuung suchten. Dann kamen wieder dazwischen reine sogenannte „Brüder Karamasow's“ tartarisch, Glatz­köpfig und angst­erregend. Nunmehr gab es Streitig­keiten wohl um die Frauen. Der gewaltige Konkurrenz-Kampf lief eines abends ab. Meine Schwester Charlotte hatte schnell durch­geblickt. Und wir holten den freund­lichen Michailow zur Hilfe. Dieser war nur Chergenant und fackelte nicht lange. Er quetschte sich durch Tür und Gewrangel und die Treppe hoch, nahm den hohen Tartaren Offizier (mit den gefähr­lichen Stalin/Orden auf der Brust) einfach in den Schwitze­kasten und warf letzteren direkt die Stein­treppe hinunter. Wir flüchteten in völliger Panik aus dem Haus.

Alles rannte wohl im Kreis. Oft ging es in den Nacht-Flucht-Exkur­sionen so zu, daß wir vor anderen gegen­seitig weg­liefen. Denn die Nerven-Zusammen­brüche waren wie ein Fieber­wahn.

Flucht­wege durch die Stallungen und die Heu­schächte wurden stark frequen­tiert.

Auch die Offiziere schika­nierten die Rekruten bis zur tieri­schen Eskalation. Das eine Mal hatten die hohen Herren einen jungen Rekruten die Feuer­taufe absol­vieren lassen. So mit tödlichem Wodka eingesäuf, daß dieser nur noch lallen konnte. Sodann wurde dieser Unglück­liche in den Landauer-Kutscher-Kasten hinein­geschmissen. Ab ging die Fahrt über den Sturz­acker. Zurück völliger Torso. Der halb­tote Betrunkene war von Kopf bis zum Fuß vollgekackt und überkotzt, wie man so sagt… (mehr als tierisch). Wir Kinder und auch die Berliner sahen dies und lachten aus völlig über­forderter Depression dummer­weise und erschöpfungs­bedingt. Daraufhin packte der Geschundene die Maschinen­pistole und hätte uns Kinder alle nieder gemäht. Zum Glück war der lettische Schmied und Menschen-Freund der Schwachen in unmittel­barer Nähe. Dieser Schick­sals­genosse (geschändet auch von allen Seiten) sprang mit letzter Kraft herbei und konnte den Chaoten-Schützen zu Boden reißen. So ging die tödliche Ladung in den Mist­haufen.

Ebenfalls markant war die Begeben­heit, als ein ziemlich freund­licher aber undurch­sichtiger Offizier herbei­spaziert kam. Er setzte sich an Mutters Klavier und spielte ganz fried­liche Töne. Eine unge­wöhn­liche Abhandlung — die sich bereits vor der ganz schlimmen Zeit-Abrechnung ergab. Wir waren noch bei kläglicher Zusammen­kunft und konnten zitternd beobachten.

So sahen wir unzählige aus allen Rich­tungen Truppen-Bewe­gungen. Das aus­gemachte Ziel war unser Gehöft. Die Luft zum Atmen wurde immer enger, Wie eine gewaltige Todes­welle kam uns dies vor. Totale Abschnü­rung bewegte unser Herz­klopfen noch mehr. Doch genau so plötz­lich änderte sich die Abhand­lung. Der bewußte Offizier hatte sich auf das Sofa unter dem Hof-Fenster gelegt. War es Absicht oder ein ver­rücktes Spiel? Auf einmal schlug der Anführer das Fenster ein, direkt dort wo der Hohe Soldat lag. Die Offiziere hatten meist ihre Pistole griff­bereit.

Die sog. Führungs­kraft war aufge­sprungen und ein Gemurmel entstand. Die Worte konnten wir nicht verstehen und nur deuten. Wie der Schreck kam - so erfolgte auch der Abtritt. Ein gewaltiger Pfiff erschalte, und die Soldaten-Schar trollte sich davon. Bei anders­artigen Überfällen — in den Monaten zu vor, war unser Flucht­sprung immer vom Heuboden ins Freie. Die letzte Rettung war stets die Feldmark oder das kleine Wäldchen unser beliebter Sturms-Garten. Ein Fleckchen… Im weiteren Verlauf hatte sich die Ein­kreisung des Hofes so voll­zogen, daß ein riesiger Kreis von Christ­bäumen herum gesteckt wurde, sozu­sagen eine Frei­festung. Das Eingangs­portal bestand aus Bretter­säulen, welches mit Blättern geschmückt war. In der Mitte an höchster Stelle — nicht zu übersehen — hing das Stalin-Bild. Welch ein grotesker Hohn.

Eine größere Schande konnte nicht passieren…

Nebenbei bemerkt, das Material der Brett/Säulen war natürlich aus Vaters mühselig zusammen gespartem Bauholz entwendet.

Auch die vaga­bundie­renden Polen wurden immer gemeiner. Wir bekamen Prügel und nichts mehr zu Essen blieb für uns.

Frau Nachbarin Wittig wurde erwischt, als sie für ihre Kinder noch ein bißchen Quark gemacht hatte. Schon kamen Stasek, Bollek und Janek schnappten sich die Frau und legten diese über den Stuhl. Die Kleider wurden hoch­geklappt und die Kinder mußten mit ansehen, wie ihre Mutter auf das Hinter­teil endlose Schläge absolviert bekam.

Unsere andere Nachbarin Frau Bien hatte für alle die mühselig und beladen sind, (zu Weih­nachten 1945/1946) von ihrer Freundin den blanken Hunde-Molly geschlachtet. Ohne noch die Kraft zur Über­legung zu haben ver­schlangen wir das Letzte was uns eben blieb. (Und uns das klägliche über­leben — vielleicht noch sicherte. Familie Mücke mit ihren zehn Kindern waren auch mit von der Partie). Die ganz kleinen schrien stets am meisten, denn Hunger tut weh!

Der Hundegulasch hatte uns wohl ganz gut getan, denn als die gespon­serten Fleisch­säfte uns die ausge­dörrten Lippen wieder etwas gangbar gemacht hatten, waren wir im siebenten Himmel. Und die Weihnachts-Engel — wie man so burschikos sagt, schwebten auf uns hernieder.

Die Krank­heiten griffen natürlich um sich. Den Tod vor Augen, blieb uns nur noch die end­gültige Flucht.

Man denkt oft zurück an die verrückten Russen und Polen. Ganz furchtbar war ja auch das Kartoffel-Schnaps-Brennen. Diese Experten haben da eine Schweinerei gemacht! Ganze Dörfer hätten damit aus­gerottet werden können. Uns Jungens haben die Barbaren auch von diesem Gift ein­geholfen. Man kann sich vorstellen, wie diese Banditen sich gefreut haben, wenn wir Blut und Jauche gekotzt haben. Totale Wahn­sinns­vor­stellungen bekam ich davon. Auch die Polen und Russen bekamen sich oft bei etwaigen Feier­lich­keiten in die Haare. Einmal hatten die Russen einfach zwischen die Polen geschossen. Es wurde natürlich auf die Deutschen geschoben. Unseren Vater und die Berliner Frauen (Frau Golu und Frau Emmerich) hatte man eben­falls ange­schwärzt und zu Ver­nehmungen heran­gezogen. Was da wirklich gelaufen ist, ging in diesem Nerven­krieg dann unter.

Wie bereits erwähnt, wurden die Polen immer aggres­siver und plump frech.

Mein Vater hatte sich aus lauter Zukunfts-Liebe ein kleines Pferd gekauft. (Von wem, weiß ich nicht mehr.) Dieses erweckte schon wieder Habgier bei den Polen. Die Rache folgte auf dem Fuße. Die drei selbst­ernannten O.-Kommissare: Jannak, Bollek und Stassek (alle drei bestimmt totale Analpha­beten) hatten, geführt von einer furcht­baren Furie (Polen-Hexe), das Kommando. Sie kamen schnur­stracks auf uns zu, hauten meinem Vater ein paar Ohrfeigen und nahmen das niedliche Fohlen einfach mit. Dies war das wahre Gesicht der Polen. Vater und ich lebten ab jetzt bei Nachbar Wittig im Schweine­stall. Herr Wittig war bereits im Krieg gefallen. Zurück blieben drei Kinder und die Mutter sowie ein kleiner Onkel „Knauerle“ — er hatte einen Knaben­wuchs und ein ganz ver­runzeltes Gesicht. War aber ein prima Kumpel und hatte bei den Polen auch schlechte Karten. Er wurde einmal von den Polen gefilzt. Das heißt ihm wurden in der Scheune die Hosen aus­gezogen und alles durch­sucht. Alles nur zum Hohn und Spott. Knauerle hat furcht­bar geschrieen, denn es war ihm grausam unan­genehm, (Die Polen waren ja wirklich keine Ärzte. (Nur bösartige Massak)

Unser übrig­gebliebener sozu­sagen noch Besitz waren zwei Ochsen und eine alte Kuh, die blinde Hanne. Weiter­hin hatten wir noch die 20 Stück Trut­hühner im Schuppen verstecken können. Aber dieser gute Happen wurde eines nachts einfach gestohlen. Einkauf auf polnisch… Die Nächtigung im Schweine­stall war alles andere als vorteil­haft für meine Gesund­heit. Der feuchte Geruch hatte und hat noch immer zu schweren und negativen Folgen geführt.

Auch Schwester Charlotte hatte es ganz viehisch erwischt. Sie lag mit fiebrigem Hunger­typhus bei Wittig oben in einer Spreu­kammer. Furcht­bares Leben zum Durch­drehen. (Ich hatte auch noch aus lauter Ver­zweiflung und kind­licher Unbe­holfen­heit den Pinkel-Eimer umge­rannt.) Es war die reine Hölle.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Schwester Renate eine wahre SOS Engels-Eingebung. Sie schleppte mittels eines alten Kinder­wagens Ihre schwer­kranke Schwester durch die polnischen Spieß­ruten-Stellen ins Landes­huter Kranken­haus. Dies war bestimmt die letzte Chance, einen Menschen noch durch­zubringen. Gott sei Dank gab es dort noch Kranken­schwestern, die sich einem Kranken annahmen.

Renate wurde auch noch von den Polen geschnappt und mußte mit vielen anderen, auf dem Friedhof die Gebeine aus­buddeln. Was die Polen damit bezweckten, weiß bestimmt keiner — auch heute noch nicht. An einem eis­kalten Sonntag Morgen gingen Vater und ich ins Kranken­haus nach Landeshut. Charlotte hatte man ans Fenster geholt und wir konnten sie von draußen sehen. Heil froh waren wir, daß sie noch lebte. Denn einen mensch­lichen Verlust in dieser Miseren-Zeit wäre wohl für uns das Ende gewesen. (Der Tod bringt das letzte bißchen Hoffnung um.) Bei Nachbar Bien (Wanda, Mutter, Vater, Paul und Helga sowie Kurt Kuttla) waren so viele Menschen in ver­zweifel­ter Lage unter­gebracht. Familie Hömann mit ca. 4 Personen und Mückes mit ihren 9-10 Kindern. Die kleinen Gören schrieen immer vor Hunger. Das russische Militär requi­rierte alles und war nachts noch auf Raub und Ver­gewal­tigung aus. Mutter Wanda war nicht unter­zukriegen. Sie hat uns stets angemacht. Wie schon erwähnt hat sie uns das Weihnachts-Fest 1945/1946 ganz besonders ins Gehirn einge­mergelt. Denn viel­leicht hat uns das Hunde-Fleisch das Leben gerettet.

Ein richtiges Essen gab es ja schon lange nicht mehr. Einmal wollten wir Jungens (Manni Hömann war der Anführer) das von den Russen ange­legte Fleisch­depot stürmen, (oberhalb des Honig-Baud.-Weges). Gedacht getan und Mut der Ver­zweiflung... und schon waren wir in der Festung drin. Doch auf einmal krachten Schüsse und Fenster­scheiben klirrten. Die Posten hatten uns schnur­stracks in die Falle gelockt. Türmen konnten wir nun nicht mehr, denn die Stolper­drähte waren hoch gezogen. Nun war die Ver­zweiflung wie ein kalter Tod. Die Wache rief uns zu: hotsch, hotsch,dawei... dawei... kommt schnell zur Abur­teilung. Meine Angst stieg bis zum Wahn­sinn. Ich rannte auf den Posten zu und knutschte ihm die Hand, stammelte: „schön dobri Pann!“ Damit hatte ich den Herkules zum Lachen gebracht und sie scheuchten uns davon. Aber leider ohne etwas zu Futtern.

Nun schlug wieder eine weitere Kata­strophe zu. Die Polen hatten Spitz bekommen, daß auf Vaters Hof, welcher von den Russen oft verweist war viele unsinnige Waffen und Klamotten herum­lagen.

Diese diffizile Sauerei nutzten die Polen aus, um meinen Vater einen Revan­chisten zu nennen.

Und somit sperrten die Menschen­ver­nichter meinen alten Herren ins K. Z. nach Landeshut ein. (Alles so mir nichts dir nichts, ohne Gnade.)

Die Kopfhaare wurden abge­schoren und die Inhaf­tierten mußten alte Bomben Klamotten etc. hin- und her schleppen. Besuchen durften wir ihn nicht. (Menschen­rechts­verletzung höchsten Grades.) Weitere Schikanen folgten inso­fern, daß wir alle (d. Nimsky) weiße Arm­binden tragen mußten. Mit schwarzer Schrift stand darauf: „Krasnadora“ … (Sollte wohl „Rotes Dorf“ heißen, also gebrannt­markt.)

Was und wie sich die Polen an uns gerächt und auf­geführt haben, will heut­zutage von den etablierten Studierten niemand mehr hören und wissen. Erfahrung ist eben alles. Man kann sagen: Menschen­rechts­ver­letzungen (über uns) sind niemals zur Sprache gekommen. Wir mußten uns praktisch schämen, daß wir zu Aus­sätzigen gemacht wurden…

In der Zwischen­zeit mußte ich allein in Wittigs-Schweine­stall campieren und schlafen. Mich über­fiel ein entsetz­liches unbe­schreib­bares Gefühl. Ich ahnte etwas. Mit letzter Kraft hatte ich einen Balken innen vor der Tür und in Ver­riegelung, also ver­barrika­diert. Dies war mein Glück, denn in dieser Nacht wollten mich die Polen auslöschen. ­los bullerten diese Henker an die Stalltür und wollten herein und mich endgültig fertig machen. Draußen waren rd. 20 Grad Minus, also knackiger Winter. Der Schnee knirschte wie eine Toten­gewalt. (Noch eine Stunde vorher hatte mich Renate mit der Reitzker Lene und Heidel Dorn besucht. Selbige kamen von Opas Hof.) Die Mädchen hatten noch viel Mut, es war alles Makaber, denn hätte man sie erwischt, wären sie auch dran gewesen.

Die Polen-Ein­schüchter­ungs-Kampagnen dauerten bestimmt eine Stunde. Ich war von Hunger und Angst so ent­kräftet, daß ich praktisch nicht mehr auf­stehen konnte. Ich hatte einen Nerven­zusammen­bruch. Meine Arme hatten sich in die Pritsche gekrallt. Viel­leicht hatte eine unsicht­bare Schick­sals-Gnade meinen Unter­gang ver­eitelt.

Frau Wittig hatte noch ein paar gute Kühe und somit frische Milch. Dies war teils Rettung und wiederum schwierig, da die Russen und auch die Polen laufend Kontroll­abgaben forderten. Wie dies ablief war und ist in den vorher­gehenden Zeilen nach­zulesen.

Der größte Schweinehund war der ehemalige Schreib­tisch­täter und Bürger­meister Kurt Bernd. Er hat sich sein Fell freigekauft, indem er uns, also die Schwächsten im Glied noch oben­drein zusätz­lich uns bei den Peinigern anschwärzte.

Familie Bernd war sowieso ein schwer­wiegender Fall da diese Leute auf allen Seiten gefähr­liche Kassiber Dienste ein­kalku­lierte. Auch ein großer Bogen um diese Typen nutze nichts mehr. Denn die Familie hatte schon vorher (in der Nazi-Zeit) einen Polen junior als Doppel-Pfand und Beschützer. Uner­klärlich dieser Ablauf. Auf beiden Seiten gefähr­lich (Kurt und Helmut sowie Helga könnten dies bestimmt bestä­tigen). Die alte Frau Bernd war so was von mystischer Hexerei-Macherei, daß alle Nachbarn und auch Weiß Gustav in Angst und Schrecken lebten. Man sprach von tsche­chischer Tetzel Kunst, die niemand hätte auffliegen lassen können. Die 6. und 7. Buch Moses Böse-Kunst war an der tschechi­schen Grenze seit je her unmensch­lich und unddurch­sichtig. Unsere alten Ver­wandten sprachen oft davon. Was alles für bös­artige Menschen und Machen­schaften so aus alter Zeit her — üblich waren.

Unsere Lebens­lage wurde zusehends miserabler. Gesund­heit unter aller Kanone. Das Unge­ziefer hatte mich gräßlich zuge­richtet. Das Gesicht war bereits pockig. (Wanzen­bisse u.a.) Das Frieren war am ganzen Körper wie eben eine Beulen-Pest. (Arzt-Besuch und Hilfe waren nicht mehr.) Eben­falls waren bei ihm schon viele Flücht­linge von der rechten Oderseite unter­gebracht und nunmehr kamen noch unzählige Polen dazu. Die Bedrohungen und prakti­zierter Revo­lutions-Haß nahmen mehr als bedenklich zu. Von unserem wüst zuge­richteten Gehöft wurden laufend Inventar und Maschinen usw. entwendet. (Kachel­öfen zer­schossen, Fuß­böden auf­gerissen und einfach Feuer gelegt.) Unsere geheimen Schätze, Andenken an unsere liebe Mutter, die ver­steckten Truhen mit der wert­vollen Aus­steuer, waren nun auch schon aufge­buddelt und aus­geraubt. Sogar die fest ein­gebaute Dresch­maschine riß man heraus und der Abtransport erfolgte am heller­lichten Tage. Also Nieder­gang der Wirt­schaft und Lebens­kultur.

Unsere herrlichen Pferde-Kutschen (Glanz­stücke aus der Kaiser­zeit) hatten die Eroberer kurzer­hand aus der Scheune heraus­gestoßen und den Hang hinunter getrümmert. Durch den Feder- und Schwung-Gelenk-Mecha­nismus hatten sich die guten Stücke total ver­quengelt und lagen da, als ver­nichtetes Beutegut.

Unsere Lebens­lage bedeutete also: in der Heimat sterben, oder noch einmal die Flucht zu wagen.

Noch vorher mußten wir mit ansehen, wie die Bevöl­kerung aus Wittgen­dorf mit Mann Maus durch die Gegend getrieben wurde. Die Zukunfts-Chance war für uns auf den Null­punkt herab­geschraubt. Eine Hilfe für uns unschuldig geschun­dene Menschen konnte für uns, trotz Aushalte-Parolen nicht mehr kommen. (Die sogenannten alliierten Hilfs­maß­nahmen waren Schall und Rauch.)

Die bange Frühjahrs-Hoffnung hatte uns erfaßt und wir trafen uns heimlieh in dem kleinen Rütli-Schwur Natur-Garten/Sturms-Garten (auch ein Relikt aus besseren Zeiten, der soge­nannten Kartoffel-Fest u. Heimat Fest-Veran­staltungen.) Es sei noch zu erwähnen, daß wir an der Rampen­seite zur E.-Bahn-Straße Merszdorf — Landeshut ein großes Weckglas mit Geld vergraben haben. Dies stammte aus der ersten Zeit, als uns ein russisch/ukrainer Zahl­meister ein Rind bezahlte (lila/bunt). Diese Fund­stelle könnte ich noch heute aus­machen, wenn auch der Wert dahin ist. Nebenbei konnten wir auch fest­stellen, daß der Russenhaß unter­einander so groß war, daß gut­mütige diplo­matische vielleicht höhere Dienst­grade äußerst gefährdet blieben. Ein mensch­licher Kontakt — praktisch schon tödlich.

Die Eroberer hatten bereits viele deutsche Personen auch Lehrer auf offener Straße erschlagen. Aus diesem Grunde heraus mußte die Flucht ganz einfach gelingen. Auch Frau Wuttkeit ihre zwei Töchtern (waren sehr mutig) und drängelten zur Abdankung. Rettung in höchster Not, auf eigene Gefahr… Es war wieder Monat Mai 1946 an einem Sonntag-Morgen als die Odyssee begann. Mit weichen Knien erreichten wir Ruhbank — die nächste Bahn­station. Eine berüchtigte Stelle, denn hier hatten die Polen eine sog. Eskaladier-Bahn einge­richtet. Wer Pech hatte, wurde so lange im Kreis herum­getrieben, bis ihn der Exodus ereilte.

Es gelang uns also Gott sei Dank (am Sonntag sind die Polen kirchlich engagiert) von Ruhbank nach Hirsch­berg ins Hotel zur Schnee­koppe zu gelangen. Hier war bereits ein Auffang-Lager schlecht­hin. Die Wanzen bissen alles was sich im Dunkeln befand. Bei mir war es so schlimm, daß die Augen bereits zuge­schwollen waren und ich durch fürchter­liches Schreien die anderen dazu bewegen konnte, das Licht brennen zu lassen. Bei hellem Licht gehen die Wanzen in Deckung und die Fronten sind im Unheil getrennt.

Der nächsten Morgen war ent­setzlich — völlige Kopf­leere… und auch waren Schlepper da. Die für Geld das Geleit über­nehmen wollten. Wir hatten keines mehr. Nach Irrungen und Wirrungen gelangten wir auf einem Ochsen­karren nach Greifen­berg. Überall standen die polnischen Milizionäre auf Posten. Die Angst brachte das Denken durch­einander. Irgendwie sind wir in Lauban gelandet. In einem Diakonissen-Heim gab es eine Stunde Ruhe und das Herzjagen ließ etwas nach. Ein altes Bauern-Ehepaar gesellte sich zu uns. Die alte Mama hatte Weck­gläser mit ein­gekochter Nude­suppe dabei. Sie spendierte und wir glaubten wieder an das Himmel­reich. Ihr alter Herr und Ehe­gespinnst sagte noch so sinnierend und ver­zweifelt: „gibste dann fremda Leuta die schiene Nudel­suppe“. Wir wollten garnicht mehr hinhören. Die Diakonissen-Schwestern beteten noch mit uns zum unwider­ruflichen Aufbruch. Wieder begann das Knie-Flattern und die eine resolute Schwester hielt das Gesang­buch in der Hand und sagte: „Gott befohlen, ziehet hin in Frieden, vielleicht in die Frei­heit, ich begleite euch“. Am Bahnhof stand natürlich wieder bewaffnete polnische Miliz! Als er uns erblickte, wurde die Maschinen-Pistole auf uns gerichtet. Die gewisse End­zeit­stimmung hatte uns wieder. Doch die tapfere Diakonie-Schwester nahm das Gesang­buch und drückte dieses dem Wächter auf die Stirn, Sie rief direkt und bestimmt: „Bist du Gottes oder Marias Sohn, so lasse diese Leute durch. Andern­falls bist du nicht wert, daß dir der Schöpfer das Leben geschenkt hat,“

Dies wirkte wie ein kleines Wunder und der bewußte ließ die Waffe herunter. Wir trotteten wie geschlagene Hunde in den ersten besten Eisen­bahn­waggon. Hier saßen tat­sächlich (uner­klär­licher Weise) gut ange­zogene Menschen. Anzu­nehmen: Kommis­sionäre polnischer Prägung. Wir kauerten wie auf dem Schafott.

Es ging über viele kleine Stationen und man war wie besinnungs­los. Irgendwie ist mir die Erin­nerung abge­rissen. Denn wir müssen dann in einen Vieh­waggon umge­stiegen sein und trafen auf unsere Walden­burger Leidens­genossen.

Wir Kinder saßen auf dem Fußboden oder auf der offenen Schiebetür. Die Beine baumelten kraftlos herunter. Ich habe nur noch mit­bekommen, daß die Polen oft an den Wagen entlang tüchtig geschossen haben. Dies galt zur Ein­schüchterung.

Ja, Hunger und Durst quälte bestimmt jeden von uns. Mit einem jüngeren Mann hatte ich durch Zufall Augen­kontakt. Auf einmal pinkelte er in einen Becher und trank diesen gierig aus.

Die stuckelnde Reise führte über eine hohe Behelfs-Brücke und somit erreich­ten wir das Lager Kohlfurt dicht bei Frankfurt an der Oder! (Wege­litze oder so ähnlich auf polnisch.)

Gleich­mütig und wortlos wurden wir in eine große Halle geschoben. Nun begann die Welten verändernde und dement­sprechende Quarantäne! Wir Jungens sahen verheerend aus. Plötzlich standen Hilfs-Doktors vor uns und lachten hämisch. — FOCKING BASDARD — war die Begrüßung.

Hemd und „Hose wurde auf­gerissen und zuerst bekam ich eine Ladung DDT Gift­pulver mittels einer Pulver-Pistole ins Gesicht geschossen. Der giftige Gestang nach Meta­systox: Sammel­name „Dichlor-diphenil-trichlor­metyl­methan“ machte mich ohn­mächtig (auf nüchternen Magen sozu­sagen). Ich fiel um, und bekam noch jeweils eine Pulver-Ladung unter die Achsel/Achillen und unter den Hosenbund in die Schritt­beugen.

Da ich ein fürchter­liches Würgen bekam und im Magen nichts mehr drin war, spukte ich Blut. (Wer konnte da noch sagen: Lohn des Zornes.)

Höchstens andere häßliche Vokabeln konnten wir vernehmen! Ver­nichtende Schlag­worte, wie: „Germansky — Faschista — Buchalika.“ Deute es - wer es versteht.

Nach dieser Genug­tuung der Sieger-Beauf­tragten krackselten wir wie halb tot­getretene Würmer hin und her. Die Menschen-Massen wurden aufgeteilt.

Familie Wuttke wurde nach Westfalen abkom­mandiert. Wir echten Krausen­dorfer bekamen den Zielpunkt Salz­gitter bis Wolfen­büttel. Nach einer Weiter­fahrt gelangten wir über Magdeburg.

Jetzt kommandierte oder scheuchte man uns auf die riesen­große Latrine. Da aus dem Körper nichts mehr heraus kommen konnte, schossen die Polen in ihrem Übermut in die dort befindlichen Fäkalien. Über Helm­stedt ging es bis nach Waten­stedt Salz­gitter. Mein Schicksal war vorerst besiegelt, denn ich kam sofort in das berüchtigte Seuchen- und Krätze­lager, Baracken-Station Lager 9.

Nun sollte die sog. Nächsten­liebe im wohl gepriesenen goldenen aber zer­bombten Westen beginnen.

Es gab Rennfahrer-Suppe. Durch­marsch war angesagt, denn ihr sollt das Laufen lernen, hieß die Parole. Wartet ab, was euch morgen früh wider­fahren wird.

So kann man sich K.Z.-Milieu vorstellen und zu Gemüte führen. Alles nackend aus­ziehen und antreten. Einer schubbste den anderen. In der Mitte stand ein Blech­eimer mit brennender Essig/Brühe, wer weiß.…

Auf einmal und plötzlich wurde ich zur Mitte gestoßen: „Stell dich nicht so dämlich an. Es guckt dir niemand etwas weck.“ Die Tortur hieß also: selbst mit beiden benetzten Brühe-Feucht-Händen den ganzen Körper einreiben. Auch „bitte“ habe ich dieses Wort überhaupt gehört? Zugleich auch die Körper beugen und Gegenpol d. Vernunft.

Es brannte mehr, als ich vertragen konnte.

Das Keifen und anderes mehr, war die Begleit­musik zum künst­lichen Sonnen­brand unter Menschen­ver­achtung. (Und nicht ohne Tränen.)

Diese Streichel­ein­heiten mußte ich für eine Woche in Kauf nehmen.

Da man völlig marode war und blieb, konnte sich der Körper auf den Papier-Schlaf­säcken oder Matratzen von der Seele trennen.

Das knitternde Geräusch bedeutete: „man kann absolut einem nackten Mann nicht mehr in die Tasche fassen.“

Neben mir gastierte eine Berg­werks-Familie mit ca. 10 Kindern. Der Papa war so frustriert und viel­leicht voller unbän­diger Wut, daß er seiner Mama einen Backen­streich ver­paßte. Die Mama gab das hand­greif­liche Merkmal weiter an den nächst älteren. So ging das Klack, Klack weiter bis zum Kleinsten. Dieser schrie natür­lich furchtbar auf, denn er hatte keinen mehr, seine Ohnmacht weiter zu vermitteln.

Zum Schluß kam das Luxus-Bad in einer Behelfs-Wanne. Und man mußte sich die Haut­ver­färbungen und eben­falls die Schorf­stellen, welche auch von der „Luxus­ernährung“ her­rührte, abkratzen.

Bald wird es weiter gehen — hieß es — ohne Arbeit, nichts mehr zu essen.

Wie das Schicksal so den Menschen beglückt! Meine anderen Familien­mit­glieder holten mich ab. Und es ging erst einmal ins Nachbar-Dorf Adersheim. Dort wartete ein altes Ober­zimmer mit Gips­fuß­boden. Eine Koch- und Wasch­möglichkeit gab es nicht. Die Not­durft, wenn sie sich doch ein­stellen sollte, mußte um die Hofecke herum, am besten hinter den Feld­büschen erledigt werden.

Zum Einreihen in den Nieder­sächsischen Lebens­alltag wurden wir als Billig­arbeiter (zum Schritt­halten des dies­bezüg­lichen Lebens­standards) auf dem Rüben­feld zum Zucker-Rüben Akkord-Jäten und Hacken eingeteilt.

Großbauer August Johns trug immer ein Gewehr und er sagte zu uns: „Wenn man richtig an die Arbeit herangeht, ist selbige sehr schnell ver­gessen“.

Wenn jetzt der Winter einkehrt, so lautete die sarka­stische Leit-Befehligung; dann müßt ihr euch - mangels einer Heizung — gegen­seitig unter euren kümmer­lichen Woll­decken wärmen. Denn, wenn einer von euch sterben oder erfrieren sollte, gibt es kein Begräbnis, denn ihr könnt sowieso nichts bezahlen.

In der Schule wurde ich verkack­eiert! Denn ich hatte das Schreiben völlig verlernt. Lehrer Bartsch — ein Kieler-Sprotten-Dick­kopf — sagte zu mir: „du kannst sowieso nichts und weißt nicht wo du her­kommst.“ Damals gab es noch keine IMPULS-Nach­richten: Daten, Fakten und Perspek­tiven.

Später las man dann doch: „die Aus­wirkung der demo­graphischen Entwicklung der 50iger Jahre hat für Nieder­sachsen, durch die Billig­arbeiter aus dem ehe­maligen deutschen Osten große Grund­lagen-Vorteile gebracht.

Ein Sprung zur jetzigen Neuzeit sei mir noch erlaubt: Die Lüne­burger Gospel und Baptisten-Gesang-Freude singen so schön:
(„Weeping an endure in the Night ... the JOY will coming in the Morning Light...) Heute geht es nur noch um die Kosten und das liebe Geld.

Hoffentlich lesen Sie meine Zeilen recht gerne. Es liegt mir am Herzen.

Alfred Vogt


Frühling

Friederike Bradel
Liebe Freunde,

dieses Gedicht unserer lang­jährigen Mit­streiterin habe ich bewußt hinter den erschüt­ternden Bericht von Herrn Vogt gesetzt. Beweist es doch, daß trotz allem erlit­tenen Leid unsere Dichterin selbst an ihrem ein­hundertsten Geburts­tag noch die Kraft findet, Lebens­freude in die Welt zu senden. —

Wir danken Ihr dafür!

Horst Zaborowski


UDH Nr. 99

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