BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 101  ¦  September – Dezember 2012


Hurra, wir leben noch!

von Gerd Bünermann

Wir leben noch im Jahr 2012!
Wir haben es tat­sächlich geschafft! — Kaum zu glauben, aber wahr, — wir sind noch da! Nach dem heutigen Stand der Technik, nach EDV, VDE Vor­schriften, DIN-Normen und den neusten gültigen Umwelt­standards, nach Vor­gaben der Gesetz­geber und Bürokraten in Brüssel, vom Bund, in den Ländern, bei der Gewerbe­aufsicht, den Umwelt- und Gesund­heits­behörden, dürfte es uns nach Meinung der Grünen und der Medien längst nicht mehr geben. Wir müßten alle schon tot sein!

Unsre Kinderbetten waren gestrichen in strahlenden Farben voller Blei, Cadmium und Lösungs­mitteln. Formaldehyd sickerte aus allen Fugen und Ritzen, Holz­schädlings­bekämpfungs­mittel aus allen Poren. Ganz zu schweigen von den gefähr­lichen Wand­farben, dem Tapeten­leim, dem Kleber von Linoleum, Stragula oder den PVC-Aus­dünstungen im unseren Fuß­böden. Bettstroh, das nicht sterili­siert war, oft zu zweit in einem Bett­gestell unter Gänse­federn ohne besondere Des­infektion.

Natürlich wurden unsere Windeln regel­mässig gewechselt, die man mit konta­miniertem Regen­wasser (saurer Regen) und Seifen­flocken gewaschen hatte. Zum Bleichen legte man die weiße Wäsche auf verun­reinigte Wiesen, manchmal nach Spülung in Bach­wasser, das von Verun­reinigungen strotzte, weil Betriebe, Gemeinden und Städte keine Klär­anlagen hatten. Kinder­kleidung wurde von den älteren auf die jüngeren Kinder über­tragen ohne chemische Reinigung. Aber — Hurrah, wir leben noch!

Es gab keine Sonder­sicherungen an Flaschen mit Medizin, Reinigungs­mitteln oder Urin­stein­entferner. Schubladen oder Steck­dosen hatten noch keine Schutz­vor­richtungen gegen Hinaus­ziehen, Stochern oder Hinein­greifen. Messer, Gabel, Schere, Licht wurden uns zwar immer wieder verboten, aber wir mußten uns erst einmal ver­letzen, um es zu glauben!

Mit unseren Rollern, Rollschuhen und Fahr­rädern fuhren wir scharfe Kurven, steile Hänge ganz ohne Knie-, Hand-, Ellen­bogen- oder Kopf­schutz! Risiken per Anhalter bis in den nächsten Ort zu fahren, waren unbekannt. Die Autos hatten keine Kopf­stützen, Sicher­heits­gurte, Airbag, ABS und ähnliche Sicher­heits­vor­richtungen. Alle fuhren flott, auch nach vergnügtem Umtrunk und tollen Festen. Es grenzt an ein Wunder. Aber: — Hurrah, wir leben noch!

Wasser tranken wir direkt aus dem Bach, dem Brunnen oder dem Garten­schlauch. Bei Feld­arbeiten wurde ein Eimer mit frischem Wasser mit­genommen, daran hing, eine Schöpf­kelle für alle. Niemand ist daran gestorben. Hatten wir eine Limonaden­flasche, schlugen wir mit einem Nagel ein Loch in den Kron­korken — und tranken alle daraus.

Wahnsinn, wenn ich an die fetten Schmalz­stullen denke mit Salz, oder die Margarine­schnitten mit Zucker drauf, an das Brause­pulver, das wir uns auch schon mal ohne Wasser einver­leibten, oder an die Salmiak­pastillen, an denen auch unser Freund mit­lecken durfte. Und war uns unser Butter­brot einmal in den Dreck gefallen, kannten wir guten Rat: Dreck scheuert den Magen! Aber: — Hurrah, wir leben noch!

Aber wir wurden trotzdem nicht fett, weil wir uns draußen bewegten. Erdnüsse kannten wir ebenso wenig wie Chips. Fastfood war uns fremd. Gespielt haben wir eigent­lich immer nur draußen und wenn es geregnet hatte, kannten wir Pfützen mit Dreck, durch die wir wateten. Wir kamen eigent­lich erst wieder ins Haus, wenn es draußen dunkel wurde — oder wenn wir Hunger hatten. Unsere Eltern wußten nie, wo wir waren. Ein Handy gab es nicht. Bei starkem Regen spielten wir im Haus „Mensch ärgere Dich nicht“, „Fang den Hut“, „Mühle“ oder „Dame“. Wir kannten keine Play­station, X-Boxen, Video­spiele, PCs und hatten auch kein Fern­sehen oder Surround­anlagen.

Ein besonderes Erlebnis war ein Kino­besuch, zu dem wir uns besonders schick heraus­putzten — um älter zu erscheinen. Wir hatten Magen­kribbeln als Vorfreude. Fußball spielten wir mit allem was rund war oder rund gebolzt werden konnte, wer einen echten Ball hatte, war König, durfte immer mit­spielen, egal wie schlecht er war. Wir spielten auch Völker­ball, Indianer oder kloppten uns. Unsere Knöchel, Knie und Schienen­beine waren lädiert und mit blauen Flecken übersät, es machte uns nichts aus.

Wir sind von Bäumen gesprungen und über Mauern gerutscht. Wir sind in die Werre (Weser) gehechtet, auch schon mal auf einen alten Pfahl. Wir haben uns die Knochen gebrochen und Zähne verloren — und niemand wurde deswegen ange­klagt, es wurde nicht nach Schuldigen gefahndet. Der Begriff Aufsichts­pflicht war uns unbekannt. Wir waren eben selbst ver­antwortlich. Hatten wir uns an Bren­nesseln verbrannt oder eine Biene gestochen, haben wir darauf gespuckt, gepinkelt, alles half.

Wir haben Spiele erfunden, mit Stangen und Stöcken geschlagen, mit der Zwille geschossen, Nachbars Äpfel geklaut, Bonbons gekocht und Würmer als Mut­probe gegessen. Wir haben auch Eier beim Nachbarn geklaut. Trotz aller Prophe­zeiungen haben wir keinem ein Auge aus­gestochen oder uns gar den Magen verdorben. Wir haben es überlebt.

Wir sind zu Freunden geradelt, haben an der Tür geklingelt, sind dort geblieben, haben geredet, gequatscht, manchmal haben wir auch nicht geläutet, die Tür war offen. Immer haben wir unser Fahrrad nicht abge­schlossen und es stand stets an der Stelle, wo wir es gelassen hatten. Ohne Termine und ohne Wissen unsrer Eltern. Keiner brachte uns hin und holte uns. Wie war das möglich?

Wir gingen oder fuhren vom ersten Schultage an allein zur Schule. Manche von uns waren nicht so schlau wie wir, also haben sie die Klassen wieder­holt. Durch­gefallen ist keiner, sie wurden vom Lehrer einfach zurück­gestuft. Es gab trotzdem keine emotionalen Eltern­abende, Änderungen oder Leistungs­bewertung oder gar Verwaltungs­streit­verfahren. Wir mußten auch nicht in eine andere Schule. Wir waren für unsere Leistungen selbst ver­antwortlich.

Wenn einer eine Dummheit gemacht hatte oder gar schlimmeres, dann hauten unsre Eltern uns nicht aus dem Schlamassel heraus. Im Gegen­teil! Sie waren der gleichen Meinung wie die Obrig­keit. So was! Hatten wir in der Schule — wie immer zu Unrecht — Senge bezogen und beschwerten uns darüber zu Hause, gab's noch eine Tracht. Trotz allem waren wir in der Lage eine Fülle von inno­vativen Problem­lösungen zu erdenken. Wir hatten Risiko­bereit­schaft, wir waren Erfinder hatten Miß­erfolge aber wir waren ver­antwortungs­bewußt. Mit allem konnten wir irgend­wie fertig werden. Neurologen, Logopäden, Psychologen vor allem Schul­psychologen waren uns unbekannt. Wir mußten mit allem selbst fertig werden. Und wir wurden es auch.

Das meiste hat geklappt. Die paar Mal, wo es daneben ging, zählen wir als unsere Lebens­erfahrungen. Die Eltern trauten uns selbst zu, Ent­scheidungen zu treffen. Erinnert Euch einmal daran, wie Ihr auf­gewachsen seid. Fällt Euch auf, was unseren Kindern fehlt — oder unsren Enkel­kindern?

Seien wir dankbar und glücklich, einer Generation anzu­gehören, als Kinder noch Kinder waren, Kinder sein durften und keine Anwälte, mit Schaden­ersatz­forderungen oder Politiker mit nicht kind­gerechter Politik unseren Alltag bestimmten!

Sehen wir uns heute einmal tief in die Augen und rufen alle laut:

Hurrah, wir leben noch!

Ein ähnlicher Artikel (Vorläufer?) war bereits in → № 94/95 erschienen.

UDH Nr. 101

Sprung zur Indexseite Sprung zur Seitenübersicht