BGD - Bund für Gesamtdeutschland

BGD — Die Neue Deutsche Mitte

Freistaat Schlesien

Bericht in mehreren Folgen über die Vertreibung aus Schlesien


So war es 1945

Fuhrmanns Flucht aus Schlesien


Fortsetzungfolge in UDH Nr. 62:

Trotz aller Angst machte ich mich dem polnischen Milizer verständlich, ich wollte wissen, wo der Kinderwagen war. Ein Achselzucken war die Antwort. Ich wollte aber auch nicht weiter auffallen, also lief ich los, Richtung Innenstadt. Ich hatte eine Wut in mir, aber was half das. Von weitem erblickte ich eine Frau vor mir, die etwas vor sich herschob. Als ich näher kam, war es meine Bekannte mit der „grünen Minna“. Sie fragte mich ganz aufgeregt, was haben sie mit dir gemacht? Ich beruhigte sie und erzählte ihr alles.

Immer wieder mußten wir bei den Russen oder Polen Arbeiten verrichten unter Schmähungen oder gar Schlägen. Es fiel ihnen immer was ein, um uns zu erniedrigen. Wir hatten auf dem „Schwarzmarkt“ schon oft was verkauft, was wir in den Kellern der Ruinen gefunden hatten, aber das wurde immer seltener. Auch von unser wenigen Bekleidung mußten zwei Sachen herhalten, um uns ein Brot zu kaufen. Ich hatte von roten Ripsübergardinen ein Kleid mit der Hand genäht, die Polen nahmen das alles. Nur wir wurden dabei tüchtig übers Ohr gehauen, so wenig Geld gab man uns dafür, aber man nahm es uns einfach weg. Kartoffeln fanden wir kaum noch in den Kellern, was sollten wir tun, um zu überleben. Schweren Herzens entschloß ich mich, meinen fast neuen Lammfellmantel auf dem „Schwarzmarkt“ zu verscheuern. Ich holte selben aus dem Rucksack, da ich ihn immer versteckt hielt, und ging los. Es wurde für mich eine bedrohliche Angelegenheit. Den Mantel über den Arm gelegt, stand ich nun da. Eine Russin in Uniform näherte sich mir, griff nach dem Mantel, den ich natürlich sehr festhielt. „Wieviel“ sagte sie, ich verlangte 1.000,00 Zloty, das war sehr, sehr wenig. Man bekam nicht mal zwei Brote dafür. Aber ich wußte, mehr bekomme ich doch nicht. Sie schüttelte mit dem Kopf, „900,00“ sagte sie, aber das war mir zu wenig. Auf einmal drohte sie mir mit einem Revolver. So sehr ich auch Angst hatte, sagte ich, schieß doch, den Mantel bekommst du nicht. Ein Pole hinter mir flüsterte, „Frau nicht geben“. Die Polen und Russen mochten sich gar nicht. Ich blieb eisern, hielt den Mantel ganz fest. Nach lautem Gezeter ging sie dann endlich, ich besaß meinen Mantel noch. Eine Polin feilschte dann mit mir. Nach langem hin und her gab ich ihn ihr doch für nur 900,00 Zloty, ich hätte von keinem mehr bekommen. Enttäuscht ging ich nach Hause, was sollte ich für 4 Personen mit dem wenigen Geld anfangen, es gab ja nichts weiter als Brot für so wenig Geld.

Fortsetzung folgt

UDH Nr. 62


Fortsetzungfolge in UDH Nr. 63:

Wie wir erfuhren, wohnte eine Familie, die auch Leuthenstraße 64 gewohnt hatte, jetzt in Bischofswalde, ein Außenbezirk von Breslau.
Meine Mutter, Marianne und ich machten uns auf, um zu erfahren, was aus unseren Sachen, die wir im Keller untergebracht hatten, geworden war. Nach einer freudigen Begrüßung erfuhren wir von der Familie, da sie in der Festung geblieben war, daß sie soweit wie möglich unsere Sachen, ehe sie unseren Stadtteil verlassen mußte, mitgenommen hatte. Aber Polen kamen dann und plünderten alles, auch sie besaß nichts mehr. Wir waren schon so gedemütigt und ausgeraubt, daß uns alles gar nicht mehr berührte.

Eines Tages hörte ich, die Russen suchen Arbeitskräfte zur Einbringung der Ernte, bei derselben Verpflegung wie bei der „Roten Armee“. Ich meldete mich mit dem Gedanken, daß ich für mein Kind und meine Eltern nach getaner Arbeit etwas zu Essen mitbringen könnte. Mein Vater redete mir ab, er sagte, „Bleibe hier, wer weiß, ob das alles stimmt“: Aber ich blieb bei meinem Entschluß. Mit Lastautos wollte man uns aufs Feld fahren. Einen Topf oder Kochgeschirr und einen Löffel sollten wir mitbringen. Am nächsten Morgen, frühzeitig, trafen sich alle, die sich entschlossen hatten mitzumachen, auf dem Stellplatz. Die erste Pleite war, kein Auto war zu sehen. Wir standen ewig mit hungrigem Magen herum, Russen bewachten uns, damit keiner fortlief. Wir mußten uns dann in Reihe und Glied aufstellen, zu Fuß ging es dann los. Wir kamen uns vor wie Gefangene, vorn, in der Mitte und am Ende unserer Reihe Bewacher mit umgehangener Kalaschnikow. Es war bald Mittag geworden. Wir marschierten aus Breslau raus. Bis zum späten Nachmittag liefen wir die Landstraße entlang. Vor einem Bauernhof wurde halt gemacht, er war verlassen, kein Deutscher war zu sehen. Ein russischer Offizier machte uns im gebrochenen Deutsch verständlich, hier wird übernachtet. Aus der Scheune mußten wir Stroh holen, jeder machte sich im Haus ein Lager fertig. Verpflegung noch nicht da, hieß es, alle murrten. „Wir warten bis der Verpflegungswagen kommt“, riefen wir. Dann endlich, es wurde schon dunkel, kam der Pferdewagen. Jeder erhielt 200 gr. Brot und einen Eßlöffel Zucker. Das war gleich mit für den nächsten Tag als Frühstück gedacht. Heißhungrig wurde alles aufgegessen. An der Wasserpumpe reinigten wir uns so gut es ging vom Staub, es war schrecklich, wir konnten uns doch nicht vor allen ausziehen. Dicht gedrängt lagen wir dann Frauen und Männer im Stroh auf dem Fußboden.

Fortsetzung folgt

UDH Nr. 63


Fortsetzungfolge in UDH Nr. 64:

Am anderen Morgen wurden wir durch zwei Schüsse geweckt. Alle mußten im Hof antreten, dann wurde durchgezählt. Der Offizier stand vor uns und klatschte sich mit der Reitpeitsche an den Stiefelschaft, scheinbar, um sich Geltung zu verschaffen. Anschließend ging es auf das Feld. Eine Erntemaschine, von einem Russen gefahren, fuhr hin und her. Wir mußten das Getreide raffen, binden und zu Puppen stellen. Zu Mittag wurde die Hitze unerträglich, Durst quälte uns. Im Schatten der Bäume saßen uniformierte Russinnen, die uns bewachten, immer riefen sie dawai, dawai, schnell, schnell. Einigen fiel es sehr schwer, so zügig mitzuhalten. Mir ging es gut von der Hand, da ich sehr sportlich war. Trotz großen Hungers hatte ich noch viel Kraft. Mittag gab es Graupen, sehr dünn gekocht, unser Kochgeschirr wurde nur halb gefüllt. Ermüdet saßen wir im Schatten der Bäume, die vereinzelt am Rande des Feldweges standen. Hungrig wurden die Graupen verschlungen. Bis es anfing, dunkel zu werden, blieben wir auf dem Feld. Auf dem Bauernhof angekommen, gab es dann wieder 200 gr. Brot und einen Löffel Zucker. Ein kurzer Schlaf, im Morgengrauen wieder zwei Schüsse, antreten, durchzählen. Ein junges Mädchen weinte, sie hatte Schmerzen im Leib. Bei uns befand sich ein deutscher Arzt, der genau so elend dran war, wie wir und ebenso bewacht wurde. Er schrieb dem Mädchen eine Bescheinigung aus für das Hospital in Breslau. Sie zeigte die Bescheinigung dem Offizier, dieser brüllte sie auf russisch an, sie mußte bleiben.

Mit nüchternem Magen ging es wieder auf das Feld. Am Abend faßten wir unsere Rationen und wollten uns schlafenlegen. Aber es kam anders, wir mußten wieder antreten. Die halbe Nacht marschierten wir weiter zu einem anderen Ort. Die Bewacher an unserer Seite. Aber trotz allem merkte ich, wie im Dunkel der Nacht ein paar von uns sich in den Straßengraben abrollen ließen, unbemerkt von den Russen. Ich war nahe daran, das Gleiche zu tun, aber mir war das zu riskant. Es mußte einen besseren Ausweg geben, von hier wegzukommen. Wieder wurde auf einem Bauernhof haltgemacht. Stroh auffüllen, schlafenlegen, wecken, auf das Feld. So ging das fünf Tage, immer weiter entfernten wir uns von Breslau. Was wir nicht bemerkten, sie führten uns wohl im Kreis auf immer neue Felder. Am 5. Tag, abends, erfuhren wir, heute bleiben wir hier. Jetzt war meine Stunde gekommen.

Fortsetzung folgt

UDH Nr. 64


Fortsetzungfolge in UDH Nr. 65:

Ich markierte Schmerzen im Leib und ging zum Arzt, der ein paar Häuser weiter untergebracht war. Der Posten am Hoftor wollte mich nicht rauslassen, es kostete mich viel Überredungskunst. Der Arzt sagte mir, hier kann ich Sie nicht behandeln, ich schreibe Ihnen eine Bescheinigung für das Hospital nach Breslau, aber ob Sie damit Glück haben, kann ich nicht versprechen. Ich ging dann sehr langsam (denn ich war ja krank) zu dem Haus, wo die Russen untergebracht waren. Eine Russin öffnete; dieselbe, die mich schon einmal gelobt hatte. Ich setzte eine Leidensmine auf, zeigte ihr die Bescheinigung, machte ihr verständlich, indem ich sagte, „Breslau Hospital“. Sie sagte, „Du warten“ und verschwand im Haus. Als sie zurück kam, sagte sie „Du Hospital, wenn gut, Du wiederkommen“. „Wenn nicht gut“, fragte ich, „dann Du bleiben“. Die Bescheinigung bekam ich wieder. Ich dachte bei mir, da wird es nie wieder gut.

Im Bauernhof angekommen, legte ich mich zum Schlafen auf das Stroh. Meine Nachbarinnen waren zwei junge Mädchen. Leise erzählte ich ihnen, daß ich früh nach Breslau gehen würde. Sie waren erst sehr betrübt, ich hatte sie immer ein bischen aufgemuntert. Nach einer Weile flüsterten sie mir ins Ohr, wir versuchen in der Nacht, hier rauszukommen, wir warten draußen in einem Versteck auf Sie. Früh steckte ich mein Brot vom Abend in einen kleinen Beutel. Das hatte ich nicht angerührt, um wenigstens ein lächerlich kleines Stück Brot mit nach Hause zu bringen. Ich war sehr traurig, weil ich für meine Kleine und meine Eltern nichts mitbringen konnte als ein kleines Stück Brot. Dem Posten am Tor zeigte ich meine Bescheinigung, auf der nun auch etwas in russisch stand. Als ich mich ein Stück entfernt hatte, kamen aus dem Getreidefeld die beiden Mädchen auf mich zugelaufen. Sie hatten es geschafft, unbemerkt rauszukommen. Froh marschierten wir los. Es waren keine deutschen Schilder mehr vorhanden. Das Glück war mit uns, es war der richtige Weg, den wir eingeschlagen hatten. Nach langer Zeit sahen wir einen Pferdewagen von weitem auf uns zukommen, auf dem drei Russen waren. Stützt mich, sagte ich zu den beiden Mädchen, es muß so aussehen, als kann ich nicht alleine laufen. Wir wollten an dem Wagen vorbei, aber das übliche „Stoi“ erklang, Dokument sagte einer von ihnen. Ich gab ihm die Bescheinigung vom Arzt, er sah mich an, zeigte auf meine Begleiterinnen, sagte etwas auf russisch, was ich ja nicht verstand. Mit Bewegungen und Zeichen machte ich ihm klar, daß die beiden mich stützen müßten.

Fortsetzung folgt

UDH Nr. 65


Fortsetzungfolge in UDH Nr. 67:

Die Bescheinigung bekam ich zurück. Der Wagen fuhr weiter. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Ohne jeden weiteren Zwischenfall erreichten wir kurz nach Mittag Breslau. Wir verabschiedeten uns und machten einen Treff aus. Meine Eltern sowie Marianne waren froh, als ich wohlbehalten vor der Tür stand. Ich drückte meine Tochter gleich an mich und teilte das wenige Brot auf. Am nächsten Morgen meldete ich mich wieder bei der sogenannten „Zelle“, gab die Arztbescheinigung ab. Es ging alles in Ordnung. Einige Tage später erfuhr ich, die beiden Mädchen hatte man geholt und im Keller der Kommandantur bei den Russen eingesperrt, sie waren ja unerlaubt ausgerissen. Fünf Tage hielt man sie dort fest, dann schaffte man sie wieder zur Arbeit aufs Feld. Ich habe sie nicht wieder gesehen. Da wie immer nichts zu essen da war, entschloß ich mich, zum „Schwarzmarkt“ zu gehen. Ein Heizkissen, welches ich in einer Ruine gefunden hatte, wollte ich den Polen verkaufen. Ich wußte aber nicht, ob es noch beheizbar war. Wir hatten ja keinen Strom zum ausprobieren. Darüber machte ich mir keine Sorgen, denn keiner legte uns mehr rein wie die Polen. Für einen Rodelschlitten bekam ich einmal eine Leberwurst, ich freute mich sehr. Wir konnten ja von Wurst nur noch träumen. Aber zu Hause angekommen, war die Enttäuschung groß. Der Darm war mit Graupen gefüllt. Was für ein Zorn erfaßte mich. Wir haßten die Polen, sie spielten sich auf wie die Herren, demütigten, beklauten und schlugen uns Deutsche. Nach ein paar Tagen kam Vaters Ehering an die Reihe. Auf der anderen Straßenseite war ein polnischer Fleischer. Es gab keinen Laden, er verkaufte alles im Hof. Ich nahm Marianne auf den Arm und ging zu dem Fleischer. Mein Vater gab mir nur ungern den Ring zum tauschen. Die Uhr hatten ihm schon Wegelagerer (Polen) unterwegs weggenommen. Die Frau vom Fleischer handelte mit mir lange, dann gab sie mir 2 Brote und ein kleines Stückchen Wurst. Was konnte ich machen, wir hatten Hunger, also mußte ich zufrieden sein. Wochen waren dahingegangen, kein Lebenszeichen von meinem Mann. Jede zweite Nacht oder auch gleich die nächstfolgende Nacht hielt ich Wache im Vorderhaus. Wir wechselten uns ab, ein alter Mann und ich, oder hielten zusammen Wache. Die anderen Bewohner hatten Angst oder waren zu geschwächt. Manche Nacht, wenn auf der Straße geschossen wurde oder wenn man Angstschreie hörte oder das Aufeinanderschlagen der Stürzen, war es auch mir unheimlich.

Fortsetzung folgt

UDH Nr. 67


Fortsetzungfolge in UDH Nr. 69:

Aber das mußte man unterdrücken, die Angst erst gar nicht aufkommen lassen. Ein Mann im Haus war an Hunger gestorben. Im Leiterwagen brachten ihn zwei Hausbewohner fort. Sie schaufelten ein Grab, so wie er war, legten sie ihn in das Erdloch, dann wurde er zugeschüttet. Einen Sarg gab es nicht, was wollten wir machen. Froh waren wir, wenn eine Nacht vorbei war, in der keine Schüsse oder Schreie zu hören waren.

So verging eine Woche nach der anderen, ohne daß sich an unserem Elend was geändert hätte, im Gegenteil: Kartoffeln fanden wir immer seltener in den Kellern oder auf dem Land in den Kartoffelmieten. Eines Tages, Mitte September, hörten wir Lärm im Hause, auch an unsere Tür wurde geschlagen. Ich öffnete, Polen drangen in unsere Wohnung. Wir mußten raus auf den Hausflur, da standen schon andere Hausbewohner, alles mußten wir stehen- und liegenlassen. Ich raffte schnell noch ein paar Sachen für meine kleine Tochter zusammen, wir besaßen ja an Kleidung kaum noch etwas. Die Polen rissen mir diese aus der Hand, ich wurde zur Seite gestoßen. Die Milizer ließen uns dann auf der Straße antreten. Ich lief schnell über die Straße zu meiner Schwiegermutter, sie wohnte jetzt ebenfalls hier, um Bescheid zu sagen. Max sagte: „Ich komme mit Euch mit, hier ist kein Leben mehr für mich“. Sie führten uns auf den Hauptbahnhof. Auf dem Bahnhof sagten sie: „deutsche Schweine raus“. Nach langem Warten unter Bewachung fuhr endlich ein Zug ein, der war schon voll mit Polen, „deutsche Schweine aufs Dach“, wurden wir angeschrien. Nun zog einer den andern nach oben. Ich kletterte zuerst rauf, Vater reichte mir Marianne nach oben, dann kam Mutter. Sie war ganz verstört und ängstlich, sie setzte sich neben Marianne und hielt sie fest. Dann kam das schwerste, wie konnte ich meinem Vater am besten helfen. Am Waggon war zwar eine kleine Eisenleiter angebracht, aber er war so geschwächt und hatte durch die Aufregung noch mehr Atembeschwerden. Ich legte mich flach auf das Dach, als er dann unter viel Selbstbeherrschung die Leiter rauf kam, umfaßte ich seinen Koppel und zog ihn langsam hoch. Max kam hinterher. Wir hatten es geschafft, die anderen Leute auch. Rechts von mir hielt ich Marianne fest, und links umfaßte ich Vaters Koppel, wenn er einen Hustenanfall bekam, damit ich ihn festhalten konnte. Diese Milizer hatten sicher auf eigene Faust gehandelt, denn es war ja kein regulärer Transport. Nach einiger Zeit setzte sich der Zug in Bewegung. Wir fuhren aus Breslau, aus unserer geliebten Heimat raus in Richtung Westen.

Fortsetzung folgt

UDH Nr. 69


Fortsetzung folgt (wo? Wann?)

Irma Fuhrmann



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