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Freistaat Schlesien

Vertreibung


Ausweisung aus Schlesien

Kurzbeschreibung bis zur Ausweisung 1956 von Hubertus Kindler

Kindler Hubertus, geb. 09.09.1928 in Niederfriedrichswaldau, Kr. Guhrau, Niederschlesien.

Marsch von Dresden nach dem Gefangenenlager Nardt bei Hoyerswerda. September 1945 Entlassung als Jugendlicher. Rückkehr in die Heimat nach Läskau bei Köben. Zwangsarbeit bei verschiedenen russischen Kommandos ohne Bezahlung oder Deputat — ohne Nahrung. Da alles geplündert war, lebten wir nur von Getreide, das noch in den Scheunen war. Diese Zwangsarbeit dauerte bis zur Ausweisung am 22.10.1946. Die Frau, deren Gehöft abgebrannt war und die mit ihren vier Kindern in unserem Hause wohnte, hatte am Tage der Ausweisung den Polen verraten, daß ich einige Sachen vergraben hatte, da ständig geplündert wurde. Unter anderem eine Tafel Bienenwachs von unseren Bienen. Wir mußten zu Fuß ca. 40 km von Nährschütz bis Wohlau laufen und durften nur das mitnehmen, was wir tragen konnten; aber auch für 10 Tage Verpflegung.

In Wohlau angekommen, wurden alle Deutschen von den Polen durchsucht, und was ihnen gefiel, nahmen sie uns ab. Kurz darauf wurde ich verhaftet und bei der BU (polnische Geheimpolizei) in den Keller gesperrt. Nach ein paar Tagen holten sie mich herauf und legten mir die vergrabene Bienenwachsplatte vor mit der Behauptung, daß es sich um Sprengstoff handle. Nach Tagen tauschten sie diese Platte gegen eine Tellermine aus. Da ich mich dagegen stellte, daß diese mir gehörte, wurde ich wochenlang auf das Grausamste, immer bis zur Bewußtlosigkeit, gefoltert.

Als ich ein polnisches Schreiben unterzeichnen sollte, weigerte ich mich, da ich es nicht lesen konnte. Sie brachten einen angeblichen Dolmetscher, der mir übersetzte, daß ich entlassen werde und ich nichts über das Erlebte in dieser Zeit des Verhörs erzählen dürfte. Nach mehrmaligem Zaudern überzeugte er mich, daß ich dann frei komme und nach dem Westen abgeschoben werde. Ich unterschrieb. Ich hatte unterschrieben, daß es meine Mine war.

Am 2.12.1946 bekam ich von dem Breslauer polnischen Militärgericht, ohne Verteidiger, der Sprache nicht mächtig, die Todesstrafe durch Erschießung. In der Todeszelle, die eine weitere Folterzeit bedeutete, konnte ich einen Wachmann überreden, der mir einen gefangenen Polen (Rechtsanwalt) besorgte, welcher mir ein Gnadengesuch an den damaligen Präsidenten Bierut schrieb. Zu Ostern 1947 kam ich aus der Todeszelle zu anderen Gefangenen, ohne mir zu sagen, daß ich begnadigt war. Im gleichen Jahr verlegten sie mich nach Nowogard (Naugard, Pommern) in das dortige polnische Zuchthaus. 13 Gefangene auf 6,1m². Freiwillig meldete ich mich zur Arbeit, da dies die einzige Überlebenschance war.
Bis 1953 arbeitete ich als Gefangener am Bau. Wir bekamen keinerlei Bezahlung. Nicht einmal eine Briefmarke oder Schreibpapier konnten wir uns kaufen, um den Angehörigen zu schreiben. Gefangene Polen schenkten uns dieses und schrieben uns ab 1950 Briefe in polnisch.
Wir bekamen nichts zu lesen, durften nicht deutsch sprechen und durften auch erst seit 1950 vier Mal im Jahr eine DIN A 5 Seite in großer Schrift in polnisch schreiben lassen und ebensoviel polnisch geschriebene Post erhalten, die uns vorgelesen und dann konfisziert wurde. Das Essen bestand zunächst aus 200 g nassem Brot, später 400 g, ½ l schwarzem Wasser aus gebrannten Rübenschnitzeln, Mittag und Abend ½ l Wassersuppe. Wer arbeitete, bekam ¾ l. Viele starben an Unterernährung und Hungerkrankheiten.
1953 konnte ich einigermaßen polnisch sprechen. Die erste Kommission, die im Gefängnis aufkreuzte, benutzte ich, um auf das Unrecht aufmerksam zu machen. Auch sagte ich, daß ich weder mein Urteil noch meine Strafzeit kenne. Im Sommer 1953 wurden die letzten zwei Jahre „Zuchthaus in Zwangsarbeit mit Bewährung” umgewandelt, und ich kam nach Ossowo (Wussow bei Naugard) auf Kolchosen. Dort mußte ich bis zum 2. Februar 1956 arbeiten. Wir wurden verpflegt und bekamen einen kleinen Lohn, mit dem wir uns selbst die Kleidung kaufen mußten.
Am 6. Februar 1956 traf ich im Lager Friedland ein. Mit diesem Tag endete mein Sklavendasein.

Im Westen bekam ich eine Entschädigung von 7.200 DM, welche ich zunächst für Kleidung und zur Erlangung eines Schulabschlusses verbrauchte. Für die Ausbildung zum Elektrotechniker bekam ich zwei Jahre eine monatliche Zuwendung von 275 DM, von der ich alles bestreiten musste. Unterkunft in Würzburg und Nürnberg, Verpflegung, Bekleidung und Ausbildungsmaterial. 1959 beendete ich diese Ausbildung und konnte meine erste feste Arbeitsstelle beginnen.
Die Ausfalljahre von 1944 bis 1959 wurden mir bei der Rente als Hilfsarbeiterjahre, also dem niedrigsten Satz, angerechnet. Seit 1961 bin ich Rentner.

Von meiner verlorenen Jugend mit den unglaublichen Erlebnissen von 1944 bis 1956, die mir bleibende psychische Schäden verursachten, will niemand etwas wissen und wurden seitens der Behörden auch nicht anerkannt. Ein Arzt sagte mir einmal: „Sie haben die falsche Nationalität!”

Über die Ungerechtigkeit der Siegermächte und die Unzulänglichkeit und Zaghaftigkeit unserer Regierungen bin ich erschüttert. Weder Italien noch Japan, die ja mit Deutschland gleichgestellt waren, haben sich so berauben und in die Schuld manövrieren lassen wie der deutsche Michel. Ihm ließen sie nur noch die Zipfelmütze, die sie nicht mochten und ihm über den Kopf zogen bis zu den Füßen.


Liebe Freunde,
dieser Bericht wurde von mir in unsere Zeitung aufgenommen anstelle einer bildlichen Darstellung über die Flucht und Vertreibung. Jeder, der diesem Völkermord entgangen ist, hat seine erlittenen Leiden jederzeit vor Augen. Um über alle Leiden, über alle von den Vertreibern begangenen Verbrechen berichten zu können, reichen alle Publikationen, Zeitungen usw. nicht aus. Ein jeder von uns kann an diesem geschilderten Schicksal sein Schicksal messen. Und er kann dankbar sein, wenn er nicht zu den vielen gehört, die das geschilderte Leid oder gar noch schwereres erleiden mußten. Wir alle jedoch sollten nicht diejenigen vergessen, deren Entscheidungen diese Leiden in Gang setzten. Auf Seite 23 ← wurde von Dr. Georg Jaeckel aufgelistet, warum und von welchen völkerrechtlichen Vereinbarungen her solche Leiden hätten nicht verursacht werden dürfen.

Diese Konventionen usw. können nur wirksam werden, wenn sie von den Menschen beachtet werden. Zu allen Zeiten waren humanitäre Vereinbarungen, so diese den Mächtigen im Wege standen, nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben worden sind. Dies kann und muß sich ändern — indem wir alle Möglichkeiten der Kommunikation nutzen, diese Verbrecher an den Pranger zu stellen. Dazu ist Solidarität aller Gedemütigten eine Verpflichtung unseren Ermordeten gegenüber. Wenn nicht wir, wer sonst hat das moralische Recht, Rechenschaft zu fordern.

Horst Zaborowski

UDH Nr. 67


Fuhrmanns Flucht aus Schlesien

Am anderen Morgen wurden wir durch zwei Schüsse geweckt. Alle mußten im Hof antreten, dann wurde durchgezählt. Der Offizier stand vor uns und klatschte sich mit der Reitpeitsche an den Stiefelschaft, scheinbar, um sich Geltung zu verschaffen. Anschließend ging es auf das Feld. Eine Erntemaschiene, von einem Russen gefahren, fuhr hin und her. Wir mußten das Getreide raffen, binden und zu Puppen stellen. Zu Mittag wurde die Hitze unerträglich, Durst quälte uns. Im Schatten der Bäume saßen uniformierte Russinnen, die uns bewachten, immer riefen sie dawai, dawai, schnell, schnell. Einigen fiel es sehr schwer, so zügig mitzuhalten. Mir ging es gut von der Hand, da ich sehr sportlich war. Trotz großen Hungers hatte ich noch viel Kraft. Mittag gab es Graupen, sehr dünn gekocht, unser Kochgeschirr wurde nur halb gefüllt. Ermüdet saßen wir im Schatten der Bäume, die vereinzelt am Rande des Feldweges standen. Hungrig wurden die Graupen verschlungen. Bis es anfing, dunkel zu werden, blieben wir auf dem Feld. Auf dem Bauernhof angekommen, gab es dann wieder 200 gr. Brot und einen Löffel Zucker. Ein kurzer Schlaf, im Morgengrauen wieder zwei Schüsse, antreten, durchzählen. Ein junges Mädchen weinte, sie hatte Schmerzen im Leib. Bei uns befand sich ein deutscher Arzt, der genau so elend dran war, wie wir und ebenso bewacht wurde. Er schrieb dem Mädchen eine Bescheinigung aus für das Hospital in Breslau. Sie zeigte die Bescheinigung dem Offizier, dieser brüllte sie auf russisch an, sie mußte bleiben.

Mit nüchternem Magen ging es wieder auf das Feld. Am Abend faßten wir unsere Rationen und wollten uns schlafenlegen. Aber es kam anders, wir mußten wieder antreten. Die halbe Nacht marschierten wir weiter zu einem anderen Ort. Die Bewacher an unserer Seite. Aber trotz allem merkte ich, wie im Dunkel der Nacht ein paar von uns sich in den Straßengraben abrollen ließen, unbemerkt von den Russen. Ich war nahe daran, das Gleiche zu tun, aber mir war das zu riskant. Es mußte einen besseren Ausweg geben, von hier wegzukommen. Wieder wurde auf einem Bauernhof haltgemacht. Stroh auffüllen, schlafenlegen, wecken, auf das Feld. So ging das fünf Tage, immer weiter entfernten wir uns von Breslau. Was wir nicht bemerkten, sie führten uns wohl im Kreis auf immer neue Felder. Am 5. Tag, abends, erfuhren wir, heute bleiben wir hier. Jetzt war meine Stunde gekommen.

Fortsetzung folgt

So war es 1945

Bericht Fuhrmann

Wie wir erfuhren, wohnte eine Familie, die auch Leuthenstraße 64 gewohnt hatte, jetzt in Bischofswalde, ein Außenbezirk von Breslau.
Meine Mutter, Marianne und ich machten uns auf, um zu erfahren, was aus unseren Sachen, die wir im Keller untergebracht hatten, geworden war. Nach einer freudigen Begrüßung erfuhren wir von der Familie, da sie in der Festung geblieben war, daß sie soweit wie möglich unsere Sachen, ehe sie unseren Stadtteil verlassen mußte, mitgenommen hatte. Aber Polen kamen dann und plünderten alles, auch sie besaß nichts mehr. Wir waren schon so gedemütigt und ausgeraubt, daß uns alles gar nicht mehr berührte.

Eines Tages hörte ich, die Russen suchen Arbeitskräfte zur Einbringung der Ernte, bei derselben Verpflegung wie bei der „Roten Armee”. Ich meldete mich mit dem Gedanken, daß ich für mein Kind und meine Eltern nach getaner Arbeit etwas zu Essen mitbringen könnte. Mein Vater redete mir ab, er sagte, „Bleibe hier, wer weiß, ob das alles stimmt”: Aber ich blieb bei meinem Entschluß. Mit Lastautos wollte man uns aufs Feld fahren. Einen Topf oder Kochgeschirr und einen Löffel sollten wir mitbringen. Am nächsten Morgen, frühzeitig, trafen sich alle, die sich entschlossen hatten mitzumachen, auf dem Stellplatz. Die erste Pleite war, kein Auto war zu sehen. Wir standen ewig mit hungrigem Magen herum, Russen bewachten uns, damit keiner fortlief. Wir mußten uns dann in Reihe und Glied aufstellen, zu Fuß ging es dann los. Wir kamen uns vor wie Gefangene, vorn, in der Mitte und am Ende unserer Reihe Bewacher mit umgehangener Kalaschnikow. Es war bald Mittag geworden. Wir marschierten aus Breslau raus. Bis zum späten Nachmittag liefen wir die Landstraße entlang. Vor einem Bauernhof wurde halt gemacht, er war verlassen, kein Deutscher war zu sehen. Ein russischer Offizier machte uns im gebrochenen Deutsch verständlich, hier wird übernachtet. Aus der Scheune mußten wir Stroh holen, jeder machte sich im Haus ein Lager fertig. Verpflegung noch nicht da, hieß es, alle murrten. „Wir warten bis der Verpflegungswagen kommt”, riefen wir. Dann endlich, es wurde schon dunkel, kam der Pferdewagen. Jeder erhielt 200 gr. Brot und einen Eßlöffel Zucker. Das war gleich mit für den nächsten Tag als Frühstück gedacht. Heißhungrig wurde alles aufgegessen. An der Wasserpumpe reinigten wir uns so gut es ging vom Staub, es war schrecklich, wir konnten uns doch nicht vor allen ausziehen. Dicht gedrängt lagen wir dann Frauen und Männer im Stroh auf dem Fußboden.


Nicht vergessen — Nicht verdrängen !

Irma Fuhrmann

UDH Nr. 62


Persönliche Anklage wegen Völkermordes

Gertrud Bell, geb. 23.03.1929, Geburtsort: Gräditz Krs. Schweidnitz/Schlesien

UDH Nr. 67


Antwortschreiben des Generalbundesanwalts (16.12.2003)

Faksimile des Antwortschreibens
61kB 1985×3088

UDH Nr. 67


Schlesien-Archiv

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