BGD - Bund für Gesamtdeutschland

BGD — Unsere Deutsche Heimat

Nr.62 (4. Quartal 2002)

Auszug


Schmerzliche Erinnerungen

Am 27. Januar 1945 wurde die Grenzstadt Beuthen in Oberschlesien von der russischen Armee eingenommen. Jetzt erst hatten die Sieger Gelegenheit, auf deutschem Boden zu plündern, zu vergewaltigen und sich zu rächen. Wenige Tage später kam der Aufruf des russischen Stadtkommandanten (Sitz im Café–Hindenburg): „Deutsche Staatsbürger im Alter von 17–50 Jahren sind verpflichtet, sich zu melden im Lager an der Carsten-Centrum-Grube.“ Für 14 Tage sind Lebensmittel und Bekleidung mitzubringen. Es ist ein Einsatz im rückwärtigen Frontgebiet. Nach zwei Tagen ging es unter schwerer Bewachung zu Fuß im Schnee nach Gleiwitz. Nach 5 Stunden Wartezeit vor dem Tor der Keithkaserne bekamen wir Einlaß und sahen viele Hunderte von Menschen, die auf ihren sogenannten Einsatz warteten. Es war uns unbekannt, was mit uns geschehen sollte. Mehrmals wurden alle von russischen Offizieren vernommen. Es ging um Zugeständnisse zur Parteienzugehörigkeit oder Waffen-SS. Politisch Belastete wurden abgeführt und verschwanden für immer. Dann kam der Marschbefehl. Es war ein langer Marsch bei eisiger Kälte. In der Nacht kamen wir in Peitschkretscham am Umschlagbahnhof an. Ein Güterzug mit einer russischen Lock stand bereit. In Viehwagen ging es am frühen Morgen ab in Richtung …? Diese Reise sollte für viele die letzte sein. Es ging über Beuthen, Kattowitz in Richtung Osten.

Nach 13 Tagen kam Lemberg, Kiew und unser Zielort „Soshorodok“ — 30 km vor Stalino. Die Verstorbenen auf der Fahrt wurden auf Befehl unserer Bewachung während der Fahrt aus dem Wagen geworfen. Wir waren erschöpft, hungrig und durstig. Wir wurden aufgefordert, die Waggons zu verlassen, und wurden in Gruppen aufgeteilt. Es waren ungefähr 300 Mann. Da mein Vater in einer anderen Abteilung stand, bat ich den Wachtposten, es zu genehmigen, mit dem Vater zusammen zu stehen!

Im Dorf standen die Bewohner und beschimpften uns und warfen mit Steinen „Fritz kaputt“. Das sogenannte Lager war noch von Dorfbewohnern bewohnt und wurde dann auf Befehl geräumt! In der Zwischenzeit trugen wir Bretter aus dem nahegelegenen Sägewerk, um uns Schlafstellen zu bauen. Auf nasse Bretter, von denen das Eis abtaute, legten wir uns in den Morgenstunden zum Schlafen. Es wimmelte von Ungeziefer und Dreck. Später bauten wir einen Stacheldrahtzaun!

Die erste Essenszuteilung: grüne gefrorene Tomaten und Sauerkraut. Aber es sollte noch schlimmer werden. Jeden Tag machte ich meine Notizen im Kalender, d. h. in mein Tagebuch. Nach zwei Tagen wurden alle in das in der Nähe liegende Bergwerk, dem Schacht Nr. 40, zugeteilt. Die Schachtanlage liegt im Kohlenrevier „Donetz“. Diese Anlage war vor Verlassen der deutschen Armee gesprengt und stillgelegt. Unsere Aufgabe war, die Produktion der Steinkohle (Fettkohle) zu bewirken. Die Stollen standen unter Wasser. In drei Schichten hatten wir zusammen mit russischen Bergmännern zu arbeiten. 13 Mann stiegen in einen Korb und wurden 125 m in den Schacht hinuntergelassen. Es war ein Grauen und eine Aufgabe, die man mit dem Leben bezahlte. Mit der Picke und Schaufel hatten wir die Norm zu erfüllen. Bei 100%iger Erfüllung der Norm bekamen wir Brot und 100 Gramm Speck.

Man erinnerte uns ständig, als Deutsche seid Ihr verpflichtet zu Wiedergutmachungsarbeiten! Die Menschen fingen an zu kränkeln, und dazu kamen noch Unfälle bei der Arbeit. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer. Es gab keinen Arzt — ein internierter Arzt aus Hindenburg war verstorben — keine Medikamente. Das Sterben begann, und ich als Jüngster hatte die zusätzliche Aufgabe, hinter dem Lager auf dem Acker die Gräber zu schaufeln und die Verstorbenen-Namenlosen in Massengräbern zu verscharren. Die Ruhr nahm den Menschen die letzte Kraft und Hoffnung zum Leben.

Im Monat Mai erkrankte mein Vater. Sein Wunsch war, eine Zigarette zu rauchen. Einen Pullover tauschte ich nach der Schicht, aber es war schon zu spät. Am 12. Juni 1945, vormittags, verstarb mein Vater im Alter von 43 Jahren. Ich erfuhr es nach der Ausfahrt aus dem Schacht von Kameraden, die zur Nachmittagsschicht kamen. Im Lager angekommen, war es für mich ein unvergessenes Bild. Im Keller lagen die nackten Skelette, beraubt von allem. Es waren ausgehungerte Körper, kaum zu unterscheiden, mit starren Augen…! Mein Vater hatte am Bein noch eine offene Wunde. Am 13. Juni, in der Nacht, wurde mein Vater von mir mit 3 anderen Verstorbenen verscharrt!

Es gab keinen Hinweis, daß dort auf diesem Gelände Massengräber von deutschen Zivilpersonen sich befinden. Es waren vielleicht 50 oder 60 Mann, die überlebten. Es war uns klar, daß dieses Lager verlegt werden sollte.

Ich erkrankte plötzlich. Starkes und hohes Fieber waren Anzeichen für Malaria oder Ruhr. Es war aber für mich als 18jähriger (am 15.10. war ich 18 Jahre) unmöglich zu sterben — einfach unzulässig! Was bemerkenswert wäre und für mich unerwartet kam, das war, daß an einem Tage vor dem Lagertor eine ältere Russin stand und ich vom Lagerkommandanten erfuhr, daß diese Frau mich in der Mittagszeit abholen wird. Im Dorf ging es in ein kleines Häuschen. Ich bekam einen jeden Tag ein Mittagessen und wurde gesundheitlich auf die Beine gestellt. Diese Frau gab mir zu verstehen, daß sie bemerkt hätte, daß ich seit längerer Zeit nicht mehr zur Arbeit geführt wurde. Sie wäre eine gute Bekannte der Ehefrau vom Lagerkommandanten, und daher wurde es ihr möglich, mich zu sich zu bringen. Später konnte ich erfahren, daß diese Frau zwei Söhne in meinem Alter im Kriege verloren hätte, und im stillen hoffte ich, daß vielleicht auch ihnen jemand zur Seite steht!

Das Lager wurde verlegt nach Kurahoka an einen in der Nähe liegenden Schacht. Zu meinem Erstaunen war Lagerkommandant, der mir bekannte Offizier aus Soshorodok. Er hatte mich zu sich gerufen und wollte mir die freudige Nachricht mitteilen, daß mein Vater lebt und hier im Lager wäre. Es war für mich unfaßbar und unverständlich — ein Schock! Es war aber nicht mein Vater, es war der Bruder vom Vater, Ludwig Kowalsky, mit großer Ähnlichkeit zum Vater. Ich wurde dann zum Augenzeugen, daß mein Onkel aus diesem Lager als kranker Mann entlassen wurde. Er kam aber nie zurück, und meine Tante bezog eine Witwenrente. In meinem Tagebuch hatte ich auch andere Namen von Bekannten, die dort verstarben.

Im Monat November wurde ich unerwartet vom Lagerkommandanten in russische Kasernen nach Rudniky versetzt. Dort hatte ich im Gespräch mit russischen Offizieren erfahren, daß sich für meine Person eine „Einmalige Gelegenheit“ bieten sollte! Ich kann als freier Mensch in Rußland studieren und eine sichere Zukunft haben. Ich machte klar, daß mein Vater hier geblieben sei und mein einziger Wunsch bleibt, zu meiner Mutter und in meine Heimat zurückzukehren. Ich hatte Glück, man entschloß sich, mich sofort, so wie ich stand, mit einem Krankentransport deutscher Kriegsgefangener als Betreuer zu entlassen. Aber es wurde noch brenzlich, als ich alles aus meinen Taschen herauspackte. Es war mein Tagebuch, welches vernichtet wurde. Man sagte nur: „Das brauchst Du nicht mehr!“

Im Dezember 1945 kamen wir nach Brandenburg. Aber es war immer noch keine Freiheit, es war wieder ein umzäuntes Lager, das stark bewacht wurde.

Januar 2002
Helmut Kowalsky

UDH Nr. 62

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