BGD - Bund für Gesamtdeutschland

BGD — Unsere Deutsche Heimat

Nr.64 (2. Quartal 2003)

Auszug


Gedanken aus Europa und Amerika zum Irak-Konflikt

Was ist nur aus Recht und Unrecht geworden?

von Dr.med. Roberta M. Gilbert, Falls Church, Virginia, USA

Im Jahre 1973 schrieb Dr. Karl Menninger, möglicherweise der beste Psychiater, den Amerika damals oder jemals hatte, «Was ist nur aus der Sünde geworden?». Er schrieb, es gebe wichtige Gründe für eine Rückkehr zum Begriff der Sünde als Gegenmittel für vieles, was in unserer Gesellschaft im argen liegt. Ich glaube, seine Auffassung ist heute von noch größerer Bedeutung. Unter anderen abscheulichen Sünden der Gesellschaft nannte er auch den Krieg. Er war der Ansicht, daß der Krieg niemals als ein Mittel zur Lösung von Problemen betrachtet werden sollte. Das ist auch meine Meinung.

Aber wir stehen am Rande eines — wie es scheint — unabwendbaren Krieges, und ich denke, daß wir uns selbst dazu einige unangenehme Fragen stellen müssen. Die meisten Amerikaner glauben an den Grundsatz von Recht und Unrecht. Mir scheint, es gibt viele offene Fragen im Zusammenhang mit diesem Krieg, die wir abklopfen müssen. Wenn wir uns überhaupt über Probleme wie Recht oder Unrecht Gedanken machen oder über Verantwortung gegenüber rücksichtslosem Egoismus, dann müssen wir noch einmal auf den Begriff des gerechten Krieges zurückkommen. Ich kann hier nicht die lange Tradition dieser interessanten Ansicht erörtern. Ich bin jedoch der Meinung, daß es, außer im Falle der Selbstverteidigung bei einem konkreten Einmarsch (von Truppen und nicht von ein paar Einzelmenschen) auf dem eigenen Territorium, keinen gerechten Krieg gibt. Wenn wir einen ungerechten Krieg führen, dann sind wir im Unrecht. In allen großen Religionen oder Sittenlehren gibt es die Sicht, daß aggressives Verhalten wiederkehrt und einen dann verfolgt.

Warum wollen wir denn einen Krieg führen? Gibt es eine vernünftige Erklärung dafür? Die Gründe dafür, die mir zu Ohren kamen, sind folgende:

  1. Der Feind hat Massenvernichtungswaffen. Sie sind eine direkte Bedrohung für uns, unsere Bevölkerung und unsere Lebensart.
  2. Der Feind ist unmenschlich, er tötet und foltert sein eigenes Volk. Sein Volk möchte einen Regimewechsel.
  3. Wenn der Feind uns zuerst angreift, würde unser Wirtschaftssystem ruiniert.
  4. Wir müssen die Interessen unseres Verbündeten Israel schützen.
  5. Wir müssen die Gewinnung und den Ölabfluß vom Nahen Osten in die USA schützen.
  6. Saddam Hussein unterstützt den Terrorismus und, weil Terroristen in unser Land eingedrungen sind, haben wir das Recht, einzumarschieren und ihn zu stürzen.

Lassen Sie uns nun jeden einzelnen Grund der Reihe nach betrachten, um festzustellen, ob dadurch unsere Kriegserklärung gerechtfertigt wird.

«Der Feind hat Massenvernichtungswaffen, die eine direkte Bedrohung für uns sind»

Kann sein, daß der Feind diese Waffen hat. Wie gemein, ja sogar schrecklich, daß Menschen mit wenig oder gar keinem moralischen Gewissen ein solches Zerstörungspotential in ihrer Gewalt haben würden. Andererseits sind seit dem ersten Golfkrieg nun schon zehn Jahre vergangen. Wenn unser «Feind» diese Waffen hat (wofür bisher aber noch keine Beweise erbracht worden sind), dann hat er aber bisher noch keine Anstalten gemacht, sie gegen uns einzusetzen. Er hat nicht mit Krieg gedroht, aber wir! Und vergessen wir nicht, daß er diese entsetzlichen Möglichkeiten ohne einen erheblichen Beitrag auf diesem Gebiet von verschiedenen westlichen Firmen gar nicht hätte. Ohne einen direkten Angriff auf uns und nur, weil wir Angst haben vor eventuellen Absichten oder Möglichkeiten, die unser Feind haben könnte, ist es ein Unrecht, einen Krieg zu führen.

«Der Feind ist unmenschlich, er tötet und foltert sein eigenes Volk, das einen Regimewechsel haben möchte»

Das mag schon stimmen. Der Gedanke ist sicherlich vernünftig, daß ein Tyrann, der sein eigenes Volk mißhandelt und sogar ermordet, ein Unrecht tut und abgesetzt werden sollte. Doch ich frage mich, von wem soll er abgesetzt werden — etwa von uns? Wir wissen doch, daß niemand regiert ohne die Zustimmung derjenigen, die er regiert. Überläßt man das Volk im Irak sich selbst, wird seine Kraft anwachsen. Man wird dort mit der Zeit das Problem immer gründlicher erfassen und einen Weg zu seiner Lösung finden, so wie es die Völker in allen Zeiten getan haben.

Wenn jedoch Staaten von außen eingreifen, vor allem sehr mächtige, dann verlieren die Menschen, die direkt betroffen sind, ihre Energie und ihr Ziel aus den Augen. Dann passiert überhaupt nichts. Nur weil die USA heute die einzige «Supermacht» sind — gibt uns das denn das Recht zu bestimmen, wie die Dinge für alle anderen Länder auf der Welt zu laufen haben? Und haben wir das Recht, die Ermordung von Herrschern anderer Länder überhaupt zu erörtern? Würden denn bei einem Krieg, den die USA auslösen, etwa weniger Unschuldige vernichtet werden? Im Gegenteil, weitaus mehr Menschen würden in einem Krieg von unserer Seite getötet werden als durch irgendeinen Tyrannen, und ihr Blut würde an unseren Händen kleben. Es ist nicht unsere Aufgabe zu entscheiden, wie irgendein Staat — außer unserem eigenen — regiert werden muß. Und es ist nicht unsere Angelegenheit, über den Herrscher eines anderen Landes ein Urteil zu fällen. Wenn sie ihn nicht wollen, werden sie Wege finden, ihn loszuwerden, vielleicht mit unserer Unterstützung, aber nur, wenn wir gefragt werden. Einen Krieg zu führen, nur weil wir einen Herrscher als böse beurteilen, ist ein Unrecht.

«Wenn der Feind uns zuerst angreift, würde unser Wirtschaftssystem ruiniert»

Das ist jedoch ein großes Wort, dieses «Wenn». Wenn der Feind uns in den letzten zehn Jahren nicht angegriffen hat, warum nehmen wir dann einen hypothetischen Angriff als Begründung dafür, selber den Präventivschlag durchzuführen? Außerdem ist dieses «Wenn» für mich keine Rechtfertigung für den Einmarsch und die Besetzung eines anderen Landes. Die Wirtschaft aufzurechnen gegen Menschenleben (zehn, Hunderte oder Tausende) ist doch kein Wettbewerb. Was würde denn ein Krieg unserer Wirtschaft bringen? Eventuelle wirtschaftliche Gründe als Anlaß für einen Krieg sind ein Unrecht.

«Wir müssen die Interessen unseres Verbündeten Israel schützen»

In Israel fand kein Einmarsch statt. Bei uns fand kein Einmarsch statt. Wahrscheinlich hätte es Israel sehr gern, daß wir einen Krieg gegen den Irak führen. Manche Leute behaupten sogar, daß Israel im Hintergrund die Fäden zieht und uns anstachelt. Man kann ja schon sehen, wie das möglich sein könnte. Doch Israel ist durchaus in der Lage, seine eigenen Schlachten zu schlagen, wie es das ja auch fortlaufend demonstriert hat. Israel als Argument zu nehmen, daß Amerika in den Krieg zieht, ist ein Unrecht.

«Wir müssen die Gewinnung und den Abfluß von Öl im Nahen Osten schützen»

Hier kann man wieder einmal sehen, wie die größte und stärkste Nation auf der Welt begründet, daß sie ein Recht hat, alles zu tun, was sie will. Warum erklären wir dann nicht einfach einen Krieg, gehen hin und besetzen irgendein Land, das die Ressourcen hat, die wir gerade wollen? Zu dieser Sicht kommt noch das Argument, weil die Ressourcen ja in einer instabilen Region liegen, daß wir eine Begründung finden müssen, warum wir dorthin gehen und die Lage stabilisieren. Das ist nicht meine Meinung. Wenn wir finden, der Krieg wäre gerechtfertigt, weil eine Ressource, die wir brauchen, in einer instabilen Gegend liegt, dann fallen wir mit dieser Ansicht völlig aus dem Rahmen jeglicher moralischen oder ethischen Betrachtung, die ich je gehört habe. Wenn dies die Begründung der USA dafür ist, diesen Krieg zu rechtfertigen, dann sind sie im Unrecht. Öl als Grund für einen Krieg ist Unrecht.

«Saddam Hussein fördert und unterstützt die Terroristen, unsere Feinde»

Dies ist vielleicht das stärkste Argument von allen. Doch wird Terrorismus von vielen Zentren und von vielen Staaten auf der ganzen Welt unterstützt. Diejenigen, die am 11. September die Anschläge auf Amerika verübt und angestiftet haben, sollte man finden und vor Gericht bringen, egal, wie viele es da draußen sind. Wenn es einen direkten Beweis gegen Hussein gibt, dann sollte er angeklagt und vor ein amerikanisches Gericht gebracht werden. Wäre das nicht vernünftiger und auch das, was man von der stärksten Nation auf der Erde erwarten würde, als einen Krieg zu führen? Würde es unserem Land nicht mehr Schutz bieten, wenn man unsere eigenen Grenzen sichert und andere naheliegende Sicherheitsmaßnahmen in Angriff nimmt, die immer noch vernachlässigt werden? Wie soll denn ein Krieg irgendein Problem lösen? Und wo hört der Krieg dann auf? Wie soll er gewonnen werden? Heißt Krieg nicht, daß wir uns auf ihr Niveau herablassen? Ein Krieg, weil der Feind eventuell daran teilnimmt oder die Absicht dazu hat, ist ein Unrecht.

Usama bin Ladin plante tatsächlich einen Angriff auf Hussein, als er in Kuwait eindrang, doch der König von Saudi-Arabien hielt ihn davon ab. Hätte Usama weitergehen dürfen, dann hätten unsere beiden Feinde gegeneinander Krieg geführt, und wir wären draußen geblieben aus einem sehr teuren und schrecklichen Krieg. Und wie es mit bösen Imperien immer passiert, wäre das ganze terroristische Netzwerk vielleicht in sich selbst zusammengefallen. Der 11. September hätte sich dann niemals ereignet.

«Wer die Macht hat, hat recht»?

Ich liebe mein Land. Ich bete jeden Tag für seinen Präsidenten. Aber ich habe Angst, daß Amerika außer Kontrolle geraten ist. Die Moral der USA, die der Rechtfertigung eines Kriegsbeginns zugrunde liegt, ist offenbar: «Wer die Macht hat, hat recht.» Ist Amerika so tief gesunken? Wenn das der Fall ist, dann haben wir meiner Meinung nach allen Grund, um unsere Zukunft zu bangen. In dem Falle werden wir selber zum bösen Imperium und zu denen, die früher oder später an sich selbst zerbrechen werden.

Wenn wir Tausenden von unschuldigen Menschen Tod und Zerstörung zufügen, dann glaube ich, wie jede große Religion oder ethische Tradition auf der Welt, daß dies auf uns selbst zurückkommen wird.

[Übersetzung Zeit-Fragen]

Quelle: Zeit-Fragen, 3. Februar 2003, 11. Jahrgang, Nr. 4
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UDH Nr. 64

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