BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 75  ¦  Oktober – Dezember 2005


Erinnerung

aus unserer gemütlichen Schulzeit in unserer lieben schlesischen Heimat im Kreise Glogau, Reg. Bez. Liegnitz.

„…wart ock a Bissl…“

Um 1930. Wir wohnten etwa 10 km vor Glogau, wohin wir täglich mit der Eisenbahn zur Oberschule fuhren, Erika und ich.

Der Zug fuhr immer recht früh ab, so daß wir zeitig zur Bahn mußten. Erika war meistens schon früher als ich am Bahnhof. Ich mußte etwa 50 Meter bis zum Bahnsteig rennen, das wurde oft spannend, denn ich mußte ja erst noch über den neben unserem Haus liegenden Bahnübergang, den „der alte Jakob“ bediente. Manchmal kam ich sehr spät zur Bahnschranke, der Zug war schon in Sicht. Um noch zurecht zu kommen, raste ich dann noch schnell über den Bahnübergang vor dem schon ankommenden Zug, während „der alte Jakob“ schon die Schranke schloß, dann drohte er mir …“ja obens ni ins Bett und fri ni roas, wort ock, wort ock…!“ — Inzwischen war ich schon am Zug, wo mir die liebe Erika schon die Tür am letzten Wagen des Zuges aufhielt und ich zu ihr einsteigen konnte. Erst dann konnte ja der Zug mit mir und ihr abfahren. Es war immer sehr spannend, wurde damals aber von unseren Bahnern nicht alles so ernst genommen — gegenüber der heutigen Bürokratie.

Es war damals einfach schön in unserer Schulzeit. — Wir beide, Erika und ich, sind mit unseren jetzt 90 Jahren über 60 Jahre lang glücklich verheiratet, haben vier Kinder und acht Enkelkinder und Urenkel, haben die furchtbare Flucht aus unserer schlesischen Heimat nach der siebenten Verwundung (in Rußland) mit Gottes Hilfe überstanden (Ende Januar 1945), wenn auch mit sehr großen Schwierigkeiten und Versuchen, hier in der BRD die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren.

Erika geb. Karbe und Erwin Groke

Dar Tracha


Vertreibung aus Böhmisch-Wiesenthal

Mein Elternhaus stand in Böhmisch-Wiesenthal, Erzgebirge/Sudetenland, direkt an der Grenze zu Sachsen, wo meine mütterlichen Vorfahren seit dem 18. Jahrhundert lebten. Jenseits des Grenzbaches, der unser Grundstück abgrenzt, liegt Oberwiesenthal, noch heute durch gute Springer und Skiläufer bekannt. Mein Vater war Zollinspektor in Böhm. Wiesenthal bis 1934 als letzter deutscher Beamte aus K. u. K. Zeiten unter nur noch tschechischen Kollegen, denn nach der Zerschlagung Altösterreichs und Gründung der CSR 1919 wurden alle deutschen Beamten durch Tschechen ersetzt.

So lebten also seitdem nur acht tschechische Gendarmen und sieben Zollbeamte im sonst rein deutschen Gebiet gewissermaßen als Besatzungsmacht. Sie flohen beim Einmarsch der deutschen Truppen 1938 nach dem Münchner Abkommen zurück ins Tschechische, holten aber ihre Möbel usw. ab, als die Lage klar und ruhig war. Das weiß ich, weil sich ehemalige Kollegen meines Vaters bei uns verabschiedet haben. Eine Vertreibung von Tschechen hat es bei uns nicht gegeben.

Da ich im Mai 1945 erst dreizehneinhalb Jahre alt war, betraf mich zuerst die Schließung der Schulen durch die neue tschechische Besatzung. Ich wartete zu Hause auf die Wiedereröffnung, die aber niemals kam. Stattdessen erfuhren meine Eltern von einem ehemaligen tschechischen Kollegen aus dem Zollamt und Rückkehrer, daß ich, wie alle Mädchen, die nicht in einem Arbeitsverhältnis standen, auf einer Liste zum Abtransport zur Zwangsarbeit im tschechischen Gebiet stünde, und so schnell wie möglich eine Arbeit aufnehmen solle. Ohnehin wurde ich, wir Deutschen mußten ja weiße Armbinden tragen, welche ein P = Prace/Arbeit mit Stempel der Gemeinde tragen, oder eben keines, immer wieder zu schlimmen Einsätzen im Ort abgeholt. Ganz furchtbar in Erinnerung ist mir das Saubermachen im Gasthof Horberg am Ortsausgang, nahe dem Keilberg, wo eine tschechische Spezialeinheit (sie trugen schwarze Uniformen) die wenigen deutschen Männer, die den Krieg überlebt hatten, zusammenholte und folterte. Wir mußten viel Erbrochenes, Blut, Urin usw. aufwischen. Es war schrecklich.

Meine „Arbeitslosigkeit“ mußte ich also so schnell wie möglich beenden, aber die einzige Fabrik im Ort war seit Kriegsende geschlossen; außerdem durften wir uns nur im Umkreis von 4 km bewegen. Ich hatte großes Glück, eine Schneidermeisterlehre beginnen zu können und bin dem Tschechen für seine Geheimbotschaft unendlich dankbar. Die abtransportierten Mädchen haben zum Teil Schlimmes durchgemacht und ihre Eltern oft erst nach Jahren über den Suchdienst wiedergefunden, da diese ja inzwischen vertrieben wurden. Ich kam durch diesen Freund zu meinem schönen Beruf, den ich sonst nie ergriffen hätte, denn nach zwei Jahren Schulausfall bin ich doch dabei geblieben und auch ohne Hochschulstudium glücklich geworden. Die Fortsetzung meiner Lehre erfolgte dann aber erst nach der Vertreibung in Sachsen.

Als wir am Abend des 4.8.1946 durch Anschlag am Gemeindeamt erfuhren, daß wir am nächsten Morgen 6 Uhr mit 70 kg Gepäck am Markt gestellt sein mußten, verblieben wir nur noch 13 Familien in unserer 1200-Seelen-Gemeinde. Wir waren der letzte Transport. Mit anderen Familien wurden wir per LKW ins Sammellager St. Joachimsthal gebracht. Nach einer Woche ging es im geschlossenen Viehwaggon mit 1200 anderen Deutschen aus dem Kreisgebiet von Lager zu Lager: Altenburg/Thüringen, Dessau, Magdeburg; alle waren überfüllt. Wir standen tagelang auf Abstellgleisen. Das Rote Kreuz (?) brachte schwarzen Kornkaffee, das war alles. Nach etwa zwei Wochen kamen wir ins „Quarantänelager“ Kirchmöser an der Hard, (etwa 60 km südlich Berlin), einem riesigen Barackenlager, wo sich bereits ein Transport aus dem Kreis Komotau mit ebenfalls 1200 Menschen befand. Unser „Quartier“ wurde eine der beiden Turnhallen, wo wir auf Stroh wie die Heringe lagen. (Pro Kasten 30 Leute, 15 in einer Reihe, mit den Füßen zueinander) Nachts schossen die Russen durchs Fenster auf die Glühbirnen an der Decke, um danach hereinzustürmen und manchen das Wenige, das ihnen noch verblieben war, zu stehlen. Einer jungen Mutter alle Babysachen. Wenn es schoß, sprangen die Leute schreiend hoch und manche genau in die Glasscherben der Fensterscheiben. Um Berlin herum gab es damals viel sowjetisches Militär, wie man hörte, etwa soviel wie Einwohner.

Sie kamen ins Lager, obwohl es hoch mit Stacheldraht eingezäumt war, und von außen Warnschilder angebracht waren, auf denen stand: „Vorsicht, Typhus und Fleckfieber.“ Das konnten wir erst lesen, als wir meinen Vater zu Grabe getragen haben. Er konnte als rechtschaffener Beamter dieses Unrecht einfach nicht verkraften und starb an einem Schlaganfall, im festen Glauben daran, daß wir wieder nach Hause kommen. Natürlich starben in diesem Lager täglich mehrere Menschen, vor allem die Säuglinge, deren Mütter nicht mehr stillen konnten, denn es gab weder Milch noch ähnliches.

Unsere Familie bestand nun nur noch aus meiner Mutter, ihrem aus der Gefangenschaft heimgekehrten Bruder und mir. Wir wurden im benachbarten Dorf Tuchheim eingemeindet und trotz der Enge in einem Bauernhäuschen freundlich aufgenommen. Die Bäuerin mit Kind und der alte Großvater überließen uns ihr Wohnzimmer, wo wir auf dem Fußboden schliefen. Wir halfen der Bäuerin, aber eine Verdienstmöglichkeit gab es nicht. Außerdem glaubten auch wir Übriggebliebenen noch fest, daß wir wieder nach Hause kommen, weil, wie mein Vater glaubte, ein solches Verbrechen, wie die Vertreibung von Millionen Menschen, nur weil sie Deutsche sind, keinen Bestand haben kann. Auch ich erlebte das alles wie unwirklich, als bösen Traum. Meine Mutter versuchte alles, um im Erzgebirge, nahe unserer Heimat einen Tauschpartner zu finden. Es gelang ihr, im Lager Annaberg eine schlesische Familie ausfindig zu machen, die gern in eine landwirtschaftliche Gegend tauschen wollte und in Brandenburg schon Verwandte hatte. Die Stadt Annaberg willigte gern ein, weil wir nach dem Tod meines Vaters nur noch drei Personen waren, aber vier die Stadt verließen, was damals für die Versorgung mit Lebensmitteln große Bedeutung hatte. Wir fanden Aufnahme in zwei kleinen Dachkammern einer ehemals herrschaftlichen Villa, und ich konnte meine zu Hause begonnene Lehre bei einer Schneiderin beenden, die, nachdem sie in Annaberg-Buchholz ausgebrannt war, bei uns im Haus in Böhm. Wiesenthal Aufnahme gefunden hatte.

In dieser schweren Zeit gab es bei aller Not soviel Hilfsbereitschaft, daß ich manchmal fast wehmütig daran zurückdenke.

Dorothea Kunze

UDH Nr. 75

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