BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 78  ¦  Juli – September 2006


Leserbriefe

Erinnerungen

von Hellmuth Reitenbach

Ich wurde am 8. Mai Januar 1932 in Panthenau, Krs. Reichenbach/Schlesien, als Sohn der Eheleute Georg Reitenbach und Gertrud, geb. Fisch Firsch geboren. Meine Eltern besuchten gemeinsam die Volksschule in Samme Summe, Krs. Straßburg in Westpreußen.

Daß ich als Schlesier geboren bin, ist so zu erklären, daß die Familie meiner Mutter schon nach dem ersten Weltkrieg gezwungen wurde, die Heimat zu verlassen und der Vater für Deutschland optierte und freiwillig die Heimat verließ.

Als junge Menschen, die die ersten Liebesbande knüpften, trafen sich abends Jungen und Mädchen im Dorf und sangen auf einer Bank deutsche Volkslieder. Dies wurde zur Anzeige gebracht, und mit dem Rohrstock prügelnd wurde schon damals durch Polen versucht, die Namen zu erfahren.

Der ältere Bruder meiner Mutter war Lehrer und hatte diesen Vorfall in der Hochzeitszeitung der Eltern erwähnt.

Die Eltern trafen sich nach Jahren wieder und heirateten in Prauß, Krs. Strehlen (Schlesien) und kauften von der schlesischen Landsiedlung in Panthenau 15 ha von dem in Bauernhöfe aufgeteilten Niederhof mit dem Gutshaus, das das schlesische Adelsgeschlecht von Hochberg im Jahre 1706 erbaut hatte.

Hier ging ich seit dem sechsten Lebensjahr zur Volksschule. Ab dem zehnten Lebensjahr half ich in der Landwirtschaft beim Kartoffeln legen, Rüben verziehen, einzelne Getreidegarben aufstellen sowie Kartoffeln und Rüben ernten.

Zur Weihnachtszeit 1944 drang die Rote Armee in Schlesien ein. Ein Onkel und Tante mit zwei kleinen Kindern trafen aus Ohlau als Flüchtlinge bei uns ein und wohnten bei den Großeltern. Der Onkel wurde zum Volkssturm eingezogen, und Tante und Kinder bleiben bei uns.

Täglich hatten wir bei strengem Frost flüchtende Menschen im Haus. Am 12. Februar 1945 war es dann so weit, daß auch wir flüchten mußten, ohne den Vater, der im Dorf bleiben mußte. So fuhren bzw. gingen wir, die Mutter, wir vier Kinder, die Großeltern, die Tante mit ihren beiden Kindern bis nach Dittmannsdorf im Krs. Frankenstein. Unser russischer Arbeiter war unser Kutscher. Hier fanden wir im Arbeiterhaus vom Schloß Unterkunft. Die Front hatte sich beruhigt, und Mutter und unser russischer Arbeiter fuhren nach Hause, um noch Sachen zu holen oder auch zurückzubringen. Beim zweiten mal fuhren mein Bruder und ich mit, um beim Vater zu bleiben.

Jetzt gehörte uns das ganze Dorf, da die Einwohner auf der Flucht waren. Es war der 15. März 1945 als der Kreisleiter die Mutter aufforderte, weiter in Richtung Gebirge zu fahren. Es wurde angespannt, aber es ging nicht ins Gebirge, sondern nach Hause. Spät abends waren alle wieder zu Hause, und da es der Tag der Goldenen Hochzeit der Großeltern war, wollte der Großvater vom Johannisbeerwein, den er für diesen Tag gemacht hatte, holen, den hatten aber schon die deutschen Soldaten ausgetrunken. Bei uns wurden die Felder bestellt, es war in bester Ordnung. Am 6. Mai 1945 war aus Richtung Breslau starker Geschützdonner zu hören, und wir begaben uns in dieser Nacht und dieses mal mit Vater auf die Flucht. Unser Weg ging über Reichenbach, Langenbielau ins Gebirge. Hier in Langenbielau sagten uns die Einwohner, daß die Russen schon in Reichenbach seien.

Beim Bauern Ruppelt fanden wir eine Unterkunft und stellten den Wagen und die Pferde in die Scheune. Es kamen russische Soldaten, die dem Bauern Ruppelt ein Pferd mitnahmen, und die Soldaten wurden von einem ausländischen Dienstmädchen in die Scheune geführt und nahmen uns unser letztes Pferd eines unserer Pferde mit. Mit einem Einspännerwagen des Bauern Ruppelt fuhren wir, Vater und ich, einen Teil unserer Sachen heim. Nach Kriegsende kamen die geflüchteten Menschen zurück, und der Viehhändler Seipt aus Heidersdorf, der dort vorbeikam, hatte ein drittes Pferd nebenbei laufen, das er uns lieh, und so konnten wir nach Hause fahren. Unser Dorf war vom Krieg verschont geblieben. Die Rückkehr hatte aber ein trauriges Ergebnis. Eine Frau Kilian und ihr ca. zehn Jahre alter Sohn aus Breslau, die bei der Familie Berger wohnten, hatten wohl keine Möglichkeit zu flüchten, und als russische Soldaten ins Dorf kamen, beschlossen beide, ihr Leben durch erhängen zu beenden. Frau Kilian erhängte sich mit einem Strick und war tot. Der Sohn nahm wohl eine Schnur vom Garbenbinder, die zweimal riss, wonach ihm dann der Mut fehlte. Er hatte zwei rote Striemen am Hals. Ein Dorfbewohner hatte ein Kleinkalibergewehr (Flobert oder Tesching) weggeworfen, und ein Junge aus der Nachbarschaft brachte dieses Gewehr zu mir. Als dummer Junge von 13 Jahren steckte ich es in einen Getreidesack und stellte es in die Scheune, ohne die Folgen zu bedenken.

Nach Kriegsende ging die Tante zu Fuß nach Ohlau, um nach dem Haus zu sehen; es war ein kleines Milchgeschäft. Heimkehrende Ostarbeiter hatten das Haus angezündet, und so sie blieben beide blieb die Tante mit Kindern bei uns.

Unsere Kühe waren ca. eine Woche nach unserer ersten Flucht im Februar mit unbekanntem Ziel abgetrieben, und nach Kriegsende trieben russische Soldaten riesige Kuhherden in Richtung Osten.

Es könnte im Juni oder Juli gewesen sein, als ein Pole auf unseren Hof kam, dem Vater ein Schreiben vorlegte, wo er unterschreiben mußte, daß ihm nun unser Bauernhof gehört. Im August kam eine Gruppe Polen, die eine Hausdurchsuchung machte und dabei das Kleinkalibergewehr fand. Dieses nahmen sie nun zum Anlaß, mit Gewehrkolben den Vater am ganzen Körper grün und blau zu schlagen. Die Ernte wurde durch gegenseitige Hilfe im Dorf eingebracht. Wir machten gerade die letzten Rüben raus, als die kleinen Geschwister aufs Feld gelaufen kamen und sagten, unser Haus sei voller Polen. Es war ein Ehepaar mit drei Kindern und eine Frau mit vier Kindern.Bei uns war noch ein deutscher Förster aus Lodz, der nicht nach Hause wollte, da er um sein Leben fürchtete. So lebten wir jetzt mit 22 Personen in einem Haus. Diese Polen möchte ich als human bezeichnen,da sie mit zwei Zimmern zufrieden waren.

Kurze Zeit darauf kam auch der Pole, dem der Vater unterschreiben mußte, um unser Eigentum in Besitz zu nehmen. Hierbei gerieten beide Polen in heftigen Streit, da der eine seinen Anspruch mit der Unterschrift begründete und der schon bei uns wohnende Pole als polnischer Soldat. Der Streit endete damit, daß der Pole, dem der Vater unterschreiben mußte, in die Landwirtschaft der Familie Klaus einzog.

Der bei uns wohnende Pole spielte gerne Karten, und so spielten wir fast jeden Abend das Spiel sto (hundert). Es war im November, als wir wieder Karten spielten, es heftig an der Haustür klopfte und Vater ging zu öffnen. Herein kam eine Horde betrunkener Polen [ob diese betrunken waren kann ich nicht bezeugen]. Sie fragten Vater „wo Deutsche“, und Vater antwortete „hier“. Darauf bekam er einen Schlag ins Gesicht. Die zweite Frage war „wo andere Deutsche“. Oben, sagte Vater, „zeigen“ rief ein Pole, und Vater drehte sich um, um nach oben zu den Großeltern und der Tante mit den Kindern zu gehen. Da gab ihm ein Pole einen Fußtritt in den Hintern. Die Großeltern und Tante und Kinder schliefen schon und hatten die Tür abgeschlossen. Mit dem Gewehrkolben wurde das Türfutter eingeschlagen und die Tür von innen aufgeschlossen. Die Großeltern waren 84 und 73 Jahre alt, und die Banditen hatten hier ein leichtes Spiel: Da die Kleidungsstücke im Schrank hingen und noch im Reisekoffer lagen, war es leicht, alles bis auf die Federbetten mitzunehmen. Die Großmutter schrie, und ein Pole schlug ihr mit dem Gewehrkolben auf den Kopf und zwei Rippen kaputt. Dem Großvater, der darum bat, ihm doch wenigstens eine Hose zu lassen, hielt er eine Pistole an den Kopf und sagte „schweig oder ich schieße“. Besonders hatte es die Tante getroffen, der alles abgenommen war und die im Kohleschuppen eine Kiste mit Sparbüchern, Silberbesteck, Uhren und Schmuck versteckt hatte. Diese wurde mit einem 7. Sinn gefunden und mitgenommen. Die Tante wollte sich aus Verzweiflung das Leben nehmen, und ihr damals siebenjähriger Sohn war im schweren Kampf mit ihr beschäftigt, sie daran zu hindern. Bei uns unten wurde der Pole in seine Wohnung hinausgeschickt, und wir wurden um den Tisch sitzend mit dem Gewehr in Schach gehalten.

Da die Beute oben sich wohl gelohnt hatte, beschränkte man sich bei uns mit der Wanduhr und den Tagesdecken der Betten. Auf einmal sah ein Pole im Fußboden den Eisenring einer Tür, die in den Keller führte. Nun glaubten die Räuber, die Schatzkammer gefunden zu haben, nur war die Tür, da mein Bett zum Teil darauf stand, nicht einfach aufzuhebeln. Mit einem Freudengeheul wurde das Bett zertrümmert, um in den Keller zu kommen. Die Enttäuschung muß riesengroß gewesen sein, da wir über Winter dort Äpfel lagerten und sonst gar nichts zu finden war. Als die Räuber weg waren, kam der bei uns wohnende Pole, um hauptsächlich die Tante zu beruhigen und riet ihr, eine Anzeige bei der Miliz in Heidersdorf zu machen. Das hatte zur Folge, daß sie bei der Miliz ins Gesicht geschlagen wurde, aber die geraubten Sachen nie wiedersah.

Den nächsten Besuch hatten wir am Heiligen Abend. Es kamen Polen, die behaupteten, wir hätten ein Schwein geschlachtet. Die Polen im Haus wußten doch, daß alle Schweine im Stall waren, aber es gab die Möglichkeit, Weihnachtsgeschenke mitzunehmen. Mein Weihnachtsgeschenk 1945 waren selbstgestrickte Socken der Großmutter von meiner Mutter. Unsere Weihnachtsfreude war vergangen, und die im Haus wohnenden Polen wollten uns trösten und luden uns zu Kohlsuppe und Piroggen ein.

Am 31.März 1946 wurde ich mit den Konfirmanden der zum Kirchspiel Panthenau gehörenden Dörfer konfirmiert. Hierfür hatte mir die Tante aus einer Jacke meines Vaters und dem Rock unserer Frau Pastor einen Konfirmationsanzug genäht.

Am 17.April 1946 wurde der Haushaltsvorstand, also mein Vater, um 16 Uhr zum polnischen Bürgermeister bestellt und bekam die Mitteilung, mit Gepäck uns an nächsten Morgen zum Verlassen der Heimat an der Kirche einzufinden.

Ich weiß noch wie heute, daß ich einen Getreidesack, vollgestopft mit Federbetten, bis dorthin hinter mir herzog. Zwar wurde bei uns im Hof ein Pferdegespann eingespannt, aber nur die Großeltern durften aufladen und mitfahren. An der Kirche durften wir unsere letzten Habseligkeiten aufladen und wurden nach Reichenbach gebracht. Hier sei noch zur Ehre der Polen, die jetzt auf unserem Eigentum waren, gesagt, daß die Frauen sehr weinten, da sie damit rechneten, wir würden nach Sibirien gebracht.

Über Friedland kamen wir in ein Marinelager in Berum (Ostfriesland) Im nächsten Jahr zogen wir zu einem Bauern nach Hagermarsch ins Arbeiterhaus und hatten hier satt zu essen, aber kein elektrisches Licht und kein fließendes Wasser.

1950 ließen sich die Eltern und Geschwister nach Willmenrod im Westerwald umsiedeln. Ich hatte 1948 eine Lehre als Klempner und Installateur begonnen und blieb bei den Großeltern im Lager Berum zurück, um die Lehre zu beenden. 1952 machte ich meine Gesellenprüfung und war in der Zwischenzeit an Tbc erkrankt und ein halbes Jahr in der Heilstätte Claustal-Zellerfeld. Nach meiner Entlassung zog ich zu den Eltern nach Willmenrod. 1958 kauften wir in Westerburg ein ca. 100 Jahre altes Haus. Die dazugehörige Scheune riss ich 1970 ab und baute an dieser Stelle für meine Familie ein Wohnhaus. Von hier ging ich meiner Arbeit nach. Es waren 20 Jahre im erlernten Beruf, zehn Jahre als Elektromonteur und 14 Jahre für die Wasserversorgung der Stadt Westerburg. 1995 ging ich in Rente.

1990 fuhr ich mit der Landsmannschaft Schlesien erstmals wieder nach Schlesien und besuchte dabei auch mein Elternhaus. Die Gebäude machten einen schlechten Eindruck, aber es liefen noch Ferkel aus dem Stall.

1998 bei der Heimfahrt war ich doch sehr betroffen, da durch Blitzschlag die Scheune abgebrannt war und nur das vordere und hintere Drittel als Flachdach mit Eternitplatten gedeckt war. Für das Decken der Mitte war kein Geld mehr vorhanden, und so fallen Regen und Schnee ungehindert hinein.

Der Pole, den ich noch als Kind kenne, saß vor dem Haus und leidet an Rheuma; so ist seine Frau wohl die einzige, die die Arbeit machen soll. Der Vater des Polen soll wohl beim Getreidedreschen mit dem Arm in die Trommel gekommen sein und ist daran in der Folgezeit gestorben.

Was ich hier aufgeschrieben habe, entspricht der Wahrheit. Das kann ich mit gutem Gewissen sagen.

Hellmuth Reitenbach
Verbesserungen aus Zeitung Nr.79 (15.6.2006) eingearbeitet [Redaktion]


UDH Nr. 78

Sprung zur Indexseite Sprung zur Seitenübersicht     Sprung zum Briefformular