Mai 08 2010

Worte eines Zeitzeugen des 8. Mai 1945 …

Category: Deutsches Reich,Geschichte,ParteienHorst Zaborowski @ 15:18

…an diejenigen Deutschen, die diesen Tag nicht erlebt haben. Es war ein heller, warmer Sommer­tag im Raum von Stendal. Als Schwer­ver­wundeter (offener Bauch­schuß erlitten beim Einsatz in der Normandie 5.8.1944) mit dem Ersatz­haufen aus der Fallschirm­jäger-Kaserne in Stendal mar­schierten wir einige Tage vor dem 8. Mai 1945 in Richtung Elbe. Auf einem Bauernhof angekommen meldeten sich wenige frei­willig zum Front­einsatz. Ich blieb mit der großen Zahl am Ort.

Meine Gedanken kreisten um das Jahr 1933, als mein Vater seinen Arbeits­platz bei den Stadt­werken in Duisburg verloren hatte, weil er eine andere politische Ansicht vertrat als die der politischen Macht­über­nahme. Die Folge für mich war, daß ich nicht auf eine weiter­führende Schule gehen konnte, weil das Geld fehlte. Nach der Schul­ent­lassung keine Ver­mittlung durch das Arbeits­amt. Lehr­stelle bei einer christ­lichen Zeitung (Rhein- und Ruhr­zeitung) selbst gesucht und erhalten. Zur Abend­schule im Institut Zimmer­mann ange­meldet und ein Semester teil­genommen. Ableh­nung der Teil­nahme zum Antreten bei der HJ. Wenige Tage darauf Ein­berufung zur Heimat­flak, damit war die Abend­schule zu Ende. Tagsüber in der Lehre und jeden zweite Nacht Dienst auf der Rhein­brücke (2cm Flak­abwehr).

Hier Umwand­lung meiner Gefühle. Ich hatte den Alliierten bis zu diesem Zeit­punkt persönlich nichts getan und trotzdem wurden die Häuser in unserer Straße mit Bomben belegt. Es ist das natür­lichste der Welt, daß man sich wehrt, wenn man persönlich und seine nächsten Freunde, Bekannte, eben alle Menschen mit denen man zusammen­lebt, mitten im Land ange­griffen und getötet werden.

1943 Einberufung zum Arbeits­dienst. In den Tagen zwischen der Entlassung aus dem Arbeits­dienst  und Ein­berufung zur den Fallschirm­jägern nach Garde­legen. Ablegung einer Not­prüfung zum kauf­männischen Handlungs­gehilfen bei der Industrie- und Handels­kammer in Duisburg. Anfang Dezember 1943 in der Fallschirm­jäger-Kaserne in Garde­legen. Unsere Baracke kommt in Quaran­täne. Nach Weih­nachten 1943 Verlegung in eine Erd­kampf­schule ins nicht besetzte Frankreich. Ver­legung nach Mittel­frankreich. Vor der Invasion nach Saint-Nazaire marschiert. Als die Invasion in der Normandie begann in Nacht­märschen in den Einsatz. Bei einem Vorstoß am 5.8.1944 durch Bauch­schuß (Explosiv­geschoß) verwundet. Dank an die Kameraden die mich heraus­holten.

Amerikanische Truppen  erreichen unseren Standort. Kameraden werden gefangen genommen. Von der Tochter des Bauern erhielten mein Ober­feldwebel und ich als Gefreiter zivile Kleidung. Alliierte Truppen stellten uns an ein Telegrafen­häuschen und wollen uns als „Wehrwölfe“ erschießen. Dank an den Lehrer, der mit unserer Truppe aus Stendal heraus geflohen war weil er annahm, die Fallschirm­jäger-Kaserne würde verteidigt werden. Er konnte den befehls­führenden amerika­nischen Offizier über­zeugen, daß wir ent­lassene Soldaten seien. Die ganze Nacht gesoffen. Am Morgen nichts wie weg in Richtung Heimat.

Nach mehreren Monaten an allen Kontroll­punkten vorbei im Ruhr­gebiet angekommen. In die erste Ver­sammlung der SPD in Castrop-Rauxel mit meinem Onkel Hans Poprava (er war seit vor 1933 Kassierer im Orts­verein). Schwer enttäuscht. Es waren in dieser Ver­sammlung Personen anwesend, die alle Partei­ausweise besaßen – die der neuen und die der alten Parteien ein­schließlich den der NSDAP. Nach einigen Wochen zu meinem Vater nach Duisburg in den zer­bombten Keller. Dort ange­fangen, den 5m-hohen Schutt von der Straße zu räumen. Ange­fangen Mauern einzu­reißen und abputzen der gewon­nenen alten Steine. Also mit eigenen Händen den Aufbau begonnen – ohne große Worte, wie diese heute gang und gäbe sind.

Schlagwörter: ,

Comments are closed.